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Beauftragte berichtenWie weit ist Lohmar bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung?

4 min
Ella Petry Stramov ist Inklusionsbeauftragte bei der Stadt Lohmar, Tobias Grote Behindertenbeauftragter.

Ella Petry Stramov und Tobias Grote sind Inklusionsbeauftragte und Behindertenbeauftragter in Lohmar.

Die Inklusionsbeauftragte und der Behindertenbeauftragte der Stadt Lohmar sprechen über Fortschritte, Hürden und den weiteren Handlungsbedarf.

Als Inklusionsbeauftragte und Behindertenbeauftragter setzen sich Ella Petry Stramov (38) und Tobias Grote (36) für die Belange von Menschen mit Behinderung in Lohmar ein. Wie genau sie das tun und wo Lohmar bei der Inklusion steht, berichten beide im Gespräch mit dieser Zeitung.

Ella Petry Stramov ist als Inklusionsbeauftragte für Personalangelegenheiten der Stadtverwaltung verantwortlich. Sie nimmt Kontakt zu schwerbehinderten und gleichgestellten Mitarbeitenden auf und spricht mit ihnen darüber, wo welcher Unterstützungsbedarf im Arbeitsalltag besteht. Je nach Art der Behinderung kann dieser sehr unterschiedlich sein. Für die notwendige Ausstattung am Arbeitsplatz beantragt Petry Stramov dann unter anderem Förderleistungen und recherchiert, welche Möglichkeiten sich bieten.

Schleppende Förderanträge verhindern nötige Unterstützung

Problematisch sei es immer dann, wenn sie lange auf die Bewilligung von Anträgen warten müsse, wodurch die notwendigen Maßnahmen nicht schnell genug umgesetzt werden könnten. „Manchmal weiß ein Mitarbeitender schon genau, was er braucht, aber der Kostenträger möchte dennoch eine Arbeitsplatzbegehung zur Beurteilung machen.“ In dieser verstreichenden Zeit seien die Mitarbeitenden jedoch nicht in der Lage, ihre Arbeitskraft voll zur Verfügung zu stellen. Oft entschuldigten diese sich dann selbst für ihre Einschränkungen, berichtet Ella Petry Stramov. „Das sollte wirklich nicht so sein. Unser Anspruch ist, die Mitarbeitenden von Anfang an bestmöglich zu unterstützen.“ Aktuell arbeiten 42 Menschen mit Behinderung bei der Stadt Lohmar.

Während Petry Stramov die Inklusion innerhalb der Stadtverwaltung vorantreibt, sieht sich Tobias Grote in seiner Funktion des Behindertenbeauftragten als Bindeglied zwischen Verwaltung und Öffentlichkeit. „Der Großteil ist bei mir im Prinzip die Netzwerkarbeit“, sagt Grote. Er trifft sich regelmäßig mit dem Lohmarer Behindertenbeirat (BBL) und tauscht sich im Zuge von Bauprojekten mit Architekten zum Thema Barrierefreiheit aus, beispielsweise bei den barrierefrei ausgebauten Bushaltestellen in Lohmar. Auch beim Bau der neuen Grundschule in Birk wirkte er mit, brachte Ideen ein und testete die Barrierefreiheit.

Die Inklusionsvereinbarung ist für Lohmar eine Chance, auch über das Gesetz hinaus zu schauen und zu sehen, was wir von uns aus erreichen können.
Ella Petry Stramov

Als gemeinsames Projekt arbeiten Grote und Petry Stramov aktuell an einer Inklusionsvereinbarung für Lohmar: „Dabei geht es uns darum, die Inklusion wirklich voranzutreiben und für Lohmar Ziele und Maßnahmen festzulegen“, sagt Petry Stramov. Unter anderem tauschen sie sich mit der Gleichstellungsbeauftragten, dem Personalrat und der Schwerbehindertenvertretung aus. „Die Inklusionsvereinbarung ist für Lohmar eine Chance, auch über das Gesetz hinaus zu schauen und zu sehen, was wir von uns aus erreichen können“, so Petry Stramov.

Als Arbeitgeberin sei die Stadt Lohmar für Menschen mit Behinderung schon sehr gut aufgestellt, findet die Inklusionsbeauftragte. Für Lohmar insgesamt sei das ähnlich, sagt Tobias Grote: „Inklusion ist natürlich eine Daueraufgabe. Aber ich denke, dass wir hier in den letzten Jahren schon viel erreicht haben.“ Politik und Verwaltung hörten sich die Interessen und Vorschläge des Behindertenbeirates gern an und setzten diese auch um. 

Warum Inklusion alle etwas angeht

Der größte Handlungsbedarf bestehe in Lohmar beim Ausbau der baulichen sowie digitalen Barrierefreiheit, so Grote. Er wünsche sich ein größeres Bewusstsein dafür, dass große Teile der Gesellschaft von baulicher Barrierefreiheit profitierten: „Zum Beispiel wird eine Rampe neben einer Treppe nicht nur von Rollstuhlfahrern genutzt, sondern auch von Menschen mit Rollator, Eltern mit Kinderwagen oder dem Reisenden, der einen Koffer hinter sich herzieht.“

„Barrierefreiheit kann man bauen, aber Inklusion muss man leben“, sagt Tobias Grote. Beide wünschen sich gesamtgesellschaftlich ein erweitertes Verständnis für die Bandbreite an Behinderungen. „Früher, als ich noch besser gesehen habe, bin ich ohne Blindenstock herumgelaufen“, erzählt Petry Stramov. „Da wurde oft mit Unverständnis reagiert, wenn ich nach Hilfe gefragt habe – zum Beispiel wenn ich einen Busfahrer gefragt habe, welche Linie das ist.“ „Nicht alle Behinderungen sind sichtbar“, betont auch Tobias Grote. „Es passiert gerade so viel auf dieser Welt, und auch psychische Erkrankungen nehmen zu. Die Gesellschaft muss sich auch darauf viel mehr einstellen, und hier braucht es mehr Aufklärung.“

Barrierefreiheit kann man bauen, aber Inklusion muss man leben.
Tobias Grote

Was können Menschen ohne Behinderung tun, um Inklusion im Alltag zu fördern? „Wenn man unsicher ist, wie man mit einer Situation umgehen soll, einfach in den Dialog gehen und nachfragen“, antwortet Ella Petry Stramov. Kürzlich sei sie mit einer Freundin unterwegs gewesen, die ihr beim Spazieren immer angesagt habe, wenn etwas im Weg sei. „Dann hat sie gefragt: ‚Ist dir das eigentlich recht, dass ich das mache?‘ Das fand ich super, denn eigentlich brauche ich das nicht.“

Tobias Grote erzählt von einer Erfahrung aus seiner Jugend, als er sich mit Freunden in einer Diskothek verabreden wollte. „Die anderen konnten mir nicht sagen, ob am Eingang Stufen sind. Ich habe dann gefragt: ‚Warum habt ihr darauf nicht geachtet?‘ Dann kam die Antwort: ‚Naja, für uns war klar: Wenn du mit uns dahin gehst, dann kriegen wir es auch hin, dass du reinkommst‘“, erinnert sich Grote. In dem Moment sei ihm klar geworden, wie angenehm es gewesen sei, dass seine Behinderung bei dem Plan keine Rolle gespielt habe. „Inklusion lebt natürlich davon, dass man darüber spricht und informiert, aber in manchen Situationen muss man auch einfach machen.“