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„Keine seriöse Verkehrspolitik“Sankt Augustins Bürgermeister über die Taktverdichtung der Linie 66

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An der Südstraße in Sankt Augustin staut es sich, wenn die Schranken geschlossen sind.

An der Südstraße in Sankt Augustin staut es sich, wenn die Schranken wegen der Stadtbahn geschlossen sind.

Rein rechnerisch muss jeder Bürger der Stadt 17 Euro pro Jahr zusätzlich für die Taktverdichtung bezahlen.

Ein dichterer Takt für die Linie 66 - das könnte zu Verkehrsbehinderungen auf dem Sankt Augustiner Stadtgebiet führen, wenn der Autoverkehr häufiger vor geschlossenen Schranken steht. Das befürchtet Bürgermeister Max Leitterstorf. Mit ihm sprach Stefan Villinger.

Nach Ihrem Protest gegen die schnelle Einführung der Taktverdichtung auf der jetzigen Linie 66 hat es zahlreiche Reaktionen gegeben. Unter anderem wurde bekannt, dass die politischen Gremien ein neues Gutachten dazu in Auftrag gegeben haben.

Leitterstorf: Ich kann nur befürworten, dass die ganze Planung noch einmal geprüft wird. Ich fahre wochentags mit der Linie 66 von Hangelar zum Rathaus – auch zu den Hauptverkehrszeiten. Mir fallen überfüllte Waggons in beide Fahrtrichtungen nur dann auf, wenn Bahnen ausgefallen oder deutlich verspätet sind und deswegen die nachfolgenden Bahnen überbelegt sind.

Ist eine Taktverdichtung auf fünf Minuten also gar nicht nötig?

Aus meiner Sicht ist das so. Ich würde erst einmal mit einem Acht-Minuten-Takt beginnen und dann schauen, wie stark die Nutzung der einzelnen Bahnen auf der Strecke von Siegburg nach Bonn ist. 

Sie haben kritisiert, dass die Kompensationsmaßnahmen, die im Jahr 2019 beschlossen wurden, noch immer nicht ausgeführt worden sind. Auf Sankt Augustiner Stadtgebiet fordern Sie eine Tieferlegung der Gleise in einer Mulde an der Südstraße, um lange Staus bis auf die Bonner Straße zu verhindern, wenn die Schranken geschlossen sind.

Dazu muss ein Gutachten über die Kosten und die technische Machbarkeit erstellt werden. Erst dann hat man eine solide Berechnungsgrundlage. Auf Basis des Beschlusses des zuständigen Ausschusses des Stadtrates fordern wir den Kreis auf, dies in die Wege zu leiten. Wenn in der ersten Jahreshälfte 2026 ein Planungsbüro beauftragt wird, dann müsste das Gutachten 2027 vorliegen. Erst dann können weitere Schritte zum Bau der Troglage in Angriff genommen werden, und die Finanzierung kann geprüft werden.

Was wollen Sie tun, wenn der Kreis dies nicht in die Wege leitet?

Ich bin in Gesprächen mit Kreistagsmitgliedern aus Sankt Augustin und natürlich mit der Kreisverwaltung, wie wir unsere Vorstellungen am besten umsetzen. Ich habe zudem schon mit dem Planungsdezernenten des Kreises, Tim Hahlen, über dieses Thema gesprochen. Es gibt viele verschiedene Interessen, die berücksichtigt werden müssen. Man darf in solchen Diskussionen nicht unnötig Porzellan zerschlagen.

Sollte die Taktverdichtung kommen, muss jeder Bürger in Sankt Augustin rechnerisch 17 Euro pro Jahr an den Kreis als Nahverkehrsabgabe zusätzlich bezahlen. So kommen eine Million Euro zusammen. Und das jedes Jahr.

Das ist ein Problem, das wir auch angehen müssen. Die Mehrzahl der Nutzer der Linie 66/67 steigt in Siegburg ein und fährt nach Bonn oder andersherum. Wir bezahlen also die Kosten, obwohl wir für viele Menschen nur Transitstrecke sind. Deshalb muss dringend über die Kostenverteilung gesprochen werden. Um die Kosten der Taktverdichtung für Sankt Augustin nach aktuellem Modell zu finanzieren, müsste die Grundsteuer um circa sechs Prozent angehoben werden. Das hätte zum Beispiel zur Folge, dass bei Mietern die Nebenkosten steigen. Auch Besitzer von Eigenheimen wären betroffen.

Vom Siegburger Bahnhof aus fährt die Linie 66 nach Bonn durch das Stadtgebiet von Sankt Augustin.

Vom Siegburger Bahnhof aus fährt die Linie 66 nach Bonn durch das Stadtgebiet von Sankt Augustin.

Die Befürworter der Taktverdichtung auf fünf Minuten argumentieren, dass dann mehr Menschen vom Auto auf die Bahn umsteigen und dadurch die Straßen entlastet werden.

Das mag zwar langfristig ein Effekt sein, aber das betrifft nicht die Querverkehre. Wer mit dem Auto von Niederpleis, Mülldorf oder Buisdorf zum Huma will, der nutzt keine Bahn. Und es gibt ein weiteres Problem: Die Stadt musste extra eine zweite Drehleiter anschaffen, damit die Feuerwehr bei einem Brand schnell genug zu drehleiterpflichtigen Gebäuden kommt. Somit ist jetzt links und rechts der Bahntrasse für schnelle Hilfe bei einem Feuer gesorgt. Rund eine Million Euro musste die Stadt dafür investieren, um auf eine Taktverdichtung vorbereitet zu sein. Einen Zuschuss vom Kreis gab es trotz Anfrage nicht, obwohl die Mehrzahl der Menschen, die die Linie 66/67 nutzen, nicht aus Sankt Augustin, sondern aus anderen Kommunen des Kreises kommt.

Wie ist die Situation bei Rettungswagen?

Das liegt nicht in der Zuständigkeit der Stadt. Aber wenn zum Beispiel ein Notfall wegen eines Herzinfarktes oder auch eines Schlaganfalles vorliegt, dann kann es passieren, dass der Rettungswagen minutenlang an einer geschlossenen Schranke warten muss, weil es zum Beispiel in Hangelar keine Unterführung für die Bahn gibt. Gerade bei solchen dramatischen Vorfällen kommt es auf jede Minute an. Bei einer Taktverdichtung sind die Schranken öfter geschlossen als offen.

Was sehen Sie als Lösung?

Erst müssen bauliche Kompensationsmaßnahmen erfolgen, bevor die Taktverdichtung kommt. Das ist für mich logisch und sinnvoll. Die Taktverdichtung einfach einführen und schauen, wie es läuft, halte ich für den falschen Weg. Deshalb bin ich gespannt, was das neue Gutachten zeigt. Ich setze auf einen konstruktiven Dialog mit dem Kreis und der Stadt Bonn.

Es war geplant, dass ab Siegburg nach der Taktverdichtung zwei Linien fahren, die 66 bis Bad Honnef und die 67 bis Bonn. Das wurde jetzt geändert. Die Linie 66 wird komplett gestrichen. Damit hat sich aber die Beschlussgrundlage für die Taktverdichtung komplett geändert.

Ich sehe das auch so. Die Befürworter der Taktverdichtung sagen, dass der Nahverkehr attraktiver werden soll, und dann werden plötzlich wichtige Direktverbindungen eingestellt. Wer also schnell ins Siebengebirge oder die Rheinaue will, der wird sich jetzt vermutlich wieder ins Auto setzen und nicht mit der Bahn fahren, weil er dann umsteigen muss. Für mich ist damit der damalige Beschluss nicht mehr gültig. Es muss neu besprochen werden.

Linie 66 quert die Südtstraße, die Schranke ist zu, es staut sich.

Linie 66 quert die Südtstraße, die Schranke ist zu, es staut sich.

Durch die Taktverdichtung steigt auch die Lärmbelästigung für die Menschen an der Bahntrasse. Gibt es für sie eine Entlastung?

Daran hat anscheinend keiner gedacht. Wenn alle zweieinhalb Minuten die Bahn sozusagen durchs Wohnzimmer fährt, dann kann dies auch zu gesundheitlichen Schäden führen. Beim Fluglärm wurden entsprechende Studien gemacht. Am besten wäre, wenn die Bahn unterirdisch auf einer eigenen Trasse unabhängig vom Straßenverkehr fährt. Die alten Gleiswege könnten dann zur Rad-Pendler-Route ausgebaut werden. Auch wenn das die beste Lösung wäre, ist das finanziell aber leider eine Utopie.

Sie lehnen die Taktverdichtung also ab?

Unter den aktuellen Rahmenbedingungen ja. Wir können nicht den öffentlichen Nahverkehr ausbauen und darauf setzen, dass genervte Autofahrerinnen und Autofahrer lange im Stau stehen und aus Verzweiflung dann auf Bus und Bahn umsteigen. Das ist für mich keine seriöse Verkehrspolitik. Es geht um das Lenken von Verkehrsströmen in einer stark besiedelten Region. Da ist ein gut durchdachtes Gesamtkonzept nötig.