Nach 60 Tagen und 1600 Kilometern erreichen der Kölner Björn Grotheer und der Schweizer Mathias Zöhrer mit drei Wochen Verspätung die Côte d’Azur.
Weihnachten im WaldVon Köln nach Südfrankreich – Zwei Männer erreichen mit Radcampern die Côte d’Azur

Mathias Zöhrer (links) und Björn Grotheer stehen neben ihren Fahrradcampern auf der Promenade der südfranzösischen Hafenstadt Sète.
Copyright: Björn Grotheer
Der Kölner Björn ist wohnungslos, der Schweizer Mathias hat eine 100 Quadratmeter große Wohnung. Was sie verbindet, ist eine zufällige Begegnung – und eine Idee. Seit Mitte November sind die beiden unterschiedlichen Männer gemeinsam unterwegs: auf E-Bikes, mit selbst gebauten Fahrradcampern von Köln aus in Richtung Südfrankreich (wir berichteten).
Der Plan klang einfach, die Realität wurde schnell zum Abenteuer.„Unser Wunsch, Silvester an der Côte d’Azur zu feiern, hat sich zerschlagen“, erzählt Björn. „Schon in der Eifel lag Schnee – und das war nur der Anfang.“
Was folgte, waren unerwartete Hürden: Die Poller in Frankreich hatten andere Schlüsselsysteme, die deutschen Schlüssel waren nutzlos und für die Fahrradcamper gab es kein Durchkommen. Oder Steine verengten Radwege und machten sie für die breiten Gespanne unpassierbar. „Unsere Anhänger kamen da einfach nicht durch“, berichtet Björn.
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Ladeprobleme, Pannen und viele Umwege
Auch das Laden der Akkus wurde zur täglichen Herausforderung. „Die Ladestationen liegen selten am Radweg“, sagt Mathias. „Das bedeutet oft große Umwege und zusätzliche Höhenmeter. Außerdem funktioniert das Laden mit einer EnBW-Karte in Deutschland relativ problemlos, in Frankreich dagegen benötigt fast jede Ladesäule eine eigene App.“
Aber auch Pannen bremsen die beiden Radabenteurer: Platten mal vorn, mal hinten, der Motorfreilauf an Björns E-Bike geht kaputt, kurz vor der Grenze fällt ein Akku aus. Eine Woche warten sie auf ein Paket mit dem Ersatz-Akku. Kaum wieder unterwegs, bricht die Radnabe des Campers. Pierre, der örtliche Schlosser, hilft. „Wenn es darauf ankommt, sind die Menschen hilfsbereit“, erzählt Björn, „aber ins Gespräch kommen wir selten.“
Als in Mathias’ Camper die Heizung ausfällt, kippt die Stimmung. Eine defekte Glühkerze macht den Wohnraum unbewohnbar. Eine kleine Elektroheizung wird zur Notlösung – und zwingt sie zurück in die Nähe von Strom und Zivilisation. „Alleine hätte ich längst aufgegeben“, sagt der 35-jährige Mathias. „Aber wir funktionieren als Team.“
Frankreichs Kontraste
Frankreich zeigt sich widersprüchlich: praktisch herausfordernd, aber landschaftlich beeindruckend. Am Weg gibt es immer wieder kleine Mini-Eiffeltürme, aber auch echte Höhepunkte. „Der Fahrradtunnel in Lyon, der quer unter der Stadt hindurchführt, ist perfekt. So kann man dem Verkehr mit dem Rad ausweichen, wirklich sehr praktisch und fahrradfreundlich. Insgesamt ist das Ganze schon eine tolle Erfahrung, sogar meine Katze genießt die Reise. Ausgestattet mit GPS verschwindet sie zwar ab und an, aber findet auch immer wieder zurück“, freut sich Mathias.
An Heiligabend zwingt ein platter Hinterreifen zum Stopp. Weihnachten verbringen sie mitten im Wald. „Kein geschmückter Baum, kein festlich gedeckter Tisch, nur das Rascheln der Bäume – das werde ich so schnell nicht vergessen“, sagt Mathias.
Aus geplanten 70 Kilometern pro Tag sind längst maximal 40 geworden. Mit jeder gekürzten Etappe wurde auch das erträumte Silvester an der Côte d’Azur endgültig zur Illusion. „Wir haben mit einem kleinen Likörchen am Wegesrand auf das neue Jahr angestoßen“, erzählt Björn. „Dann sind wir bei minus sechs Grad schnell in unsere Betten.“ Von den 60 Tagen saßen sie 43 Tage im Sattel, 17 Tage warteten sie auf Ersatzteile.
Mit drei Wochen Verspätung sind die beiden endlich am Mittelmeer, in der Hafenstadt Sète angekommen. Hier wollen die beiden erst einmal bleiben, das Meer, den Strand und die Sonne genießen, bevor es zurückgeht: entlang der Rhône bis Lyon, dann über Mülhausen an den Rhein, Richtung Heimat. Wann sich ihre Wege trennen, ist offen.
„Ich habe bislang, trotz aller Schwierigkeiten, keine Sehnsucht nach meiner Wohnung“, sagt der Schweizer. „Ich genieße es immer noch, minimalistisch unterwegs zu sein.“ Seinen 35. Geburtstag hat er unterwegs gefeiert – gemeinsam mit Björn, irgendwo zwischen Straße, Camper und Horizont haben sie noch ein Likörchen getrunken.
Zwei Männer, zwei Leben, ein Weg. Und eine Reise, die weit mehr ist als die Strecke zwischen Köln und dem Mittelmeer.
Den gesamten Streckenverlauf – von Köln über Aachen, weiter auf dem Vennbahnradweg, einer alten Bahntrasse, über Belgien nach Luxemburg, entlang der Mosel, später der Saône bis nach Lyon und schließlich an der Rhône über Montpelier bis Sète – hat Björn Grotheer fortlaufend auf seinem YouTube-Kanal „Homeless on Tour“ dokumentiert.

