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30.000 Chemikalien
Der Mythos vom sauberen Rhein

4 min
Im Rheinwasser sollen tausende chemische Stoffe sein, von denen die meisten noch nicht bekannt sind.

Im Rheinwasser sollen Tausende chemische Stoffe sein, von denen die meisten noch nicht bekannt sind.

Erstmals liegen Messwerte aus drei Bundesländern vor. 65 Schadstoff-Funde in fünf Jahren geben Anlass zur Sorge – und zeigen überforderte Behörden.

Der Rhein versorgt Millionen Menschen mit Trinkwasser – aber niemand weiß genau, was alles drin ist. Auch wenn der Fluss im Vergleich zu den 1980er Jahren als grundsaniert gilt, finden sich im Oberflächenwasser nach Schätzungen des Landesamts für Natur, Umwelt und Klima NRW (Lanuk) bis zu 30.000 chemische Stoffe. Doch nur ein Bruchteil davon taucht in offiziellen Messprogrammen auf. Andersherum gesagt: Die allermeisten dieser Stoffe bleiben verborgen, unbekannt und unkontrolliert.

In einer Zusammenarbeit zwischen der Rechercheorganisation „Correctiv.Lokal“ und dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ wurden jetzt erstmals Daten von Messstellen im Rhein aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg zu unbekannten und unregulierten Mikroschadstoffen zusammengeführt. Das Ergebnis: In 65 Fällen wurden zwischen 2020 und 2025 unbekannte Verbindungen durch die Landesumweltämter entdeckt und analysiert.

Örtliche Trinkwasserversorger mussten informiert werden

In acht Fällen waren die Konzentrationen der Schadstoffwellen so hoch, dass die örtlichen Trinkwasserversorger nach den Vorschriften des international vereinbarten „Warn- und Alarmplan-Rhein“ informiert werden mussten. Diese Warnungen, bei denen den Versorgern „eigenverantwortliche Maßnahmen“ empfohlen wurden, sind alle vom Landesumweltamt NRW ausgesprochen worden, weil die entdeckten Stoffe „in Menge oder Konzentration die Gewässergüte des Rheins oder die Trinkwasserversorgung am Rhein nachteilig beeinflussen“.

Insgesamt wurden im NRW-Rhein in den vergangenen fünf Jahren mit dem sogenannten Non-Target-Screening 33 unbekannte Stoffe entdeckt. Mit dieser Analysemethode können Wasserproben auf viele verschiedene chemische Stoffe untersucht werden, ohne vorher festzulegen, wonach genau gesucht wird. So kann eine sehr große Anzahl organischer Schadstoffe erfasst und bisher unbekannte Substanzen identifiziert werden. Die meisten Treffer, nämlich zwölf, gab es an der Messstelle Kleve-Bimmen. In 18 Fällen konnten die gefundenen Substanzen identifiziert oder wahrscheinlich identifiziert werden: Darunter fanden sich gesundheitsgefährdende Lösungsmittel und Stoffe zur Herstellung von Weichmachern.

Gut für die Umwelt: auf eine möglichst PFAS-freie Herstellung der Outdoor-Klamotten achten.

Gut für die Umwelt: auf eine möglichst PFAS-freie Herstellung der Outdoor-Klamotten achten.

Noch lange nicht alle der Tausenden Chemikalien im Rhein sind gefährlich. Experten warnen jedoch vor möglichen Folgen dieser riesigen Wissenslücke. „Es ist möglich, dass viele der heute unbekannten Stoffe sich als toxikologisch bedenklich erweisen“, sagt etwa Professor Werner Brack vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Chemiecocktails könnten beispielsweise dick machen, Allergien hervorrufen, das Lernverhalten von Kindern stören oder Diabetes fördern. „Sie bilden eine unsichtbare, doch gravierende Gefahr.“

Ein Beispiel dafür seien die sogenannten Ewigkeitschemikalien (PFAS), eine immens große Stoffgruppe fluorierter organischer Verbindungen mit tausenden bis Millionen Einzelsubstanzen. Die werden zum Teil wohl über Hunderte Jahre nicht abgebaut und reichern sich in Menschen und Tieren an. Wissenschaftler entdeckten bei der Analyse von Tieren und Menschen unter anderem Effekte auf das Immunsystem, den Fettstoffwechsel, die Schilddrüse, die Leber und die Fortpflanzung. Einige der Stoffe stehen zudem im Verdacht, krebserregend zu sein. Dennoch gelten erst seit Januar 2026 PFAS-Grenzwerte im Trinkwasser.

Unklar ist meist auch der Ursprung der chemischen Verbindungen: Einige kommen aus dem Abwasser von Privathaushalten oder der Landwirtschaft. Doch ein Großteil der Stoffe kommt nach Einschätzungen von Experten direkt aus den Kläranlagen der chemischen Industrie. Das Problem dabei: Viele dieser Unternehmen geben über ihre Stoffe keine Auskünfte und die Behörden können sie kaum testen, weil es an Personal, Zeit und Geld fehlt.

Woher die Stoffe kommen, ist meist unklar

Das Umweltbundesamt schreibt dazu: „Unser Wissen zu Vorkommen und Menge vieler Stoffe aus industriellen Einleitungen ist weiterhin unzureichend.“ Eine Tatsache, die Julia Kahle-Hausmann, die für die SPD-Fraktion im Umweltausschuss des NRW-Landtag sitzt, fassungslos macht. „Die Messungen im Rhein zeigen kein Zufallsbild, sondern ein Muster: Die Rhein-Ruhr-Chemie emittiert prozessbedingt – und der Staat reagiert darauf verwaltend statt vorsorgend“, kritisiert sie. Das Land NRW habe „doch jetzt schon alle rechtlichen Möglichkeiten, die Einleitung solcher Chemikalien zu begrenzen, zu untersagen oder Unternehmen zumindest zu Nachrüstungen zu verpflichten“.

In NRW müssten solche Befunde im Rhein eigentlich Umweltminister Oliver Krischer auf den Plan rufen, so Kahle-Hausmann. Statt „schwammiger Leitfäden“ hätte der Grünen-Politiker in seiner zuletzt vorgestellten „Zukunftsstrategie Wasser“ einen „verbindlichen Plan beschließen sollen, wie er beispielsweise PFAS in unserem Wasser minimieren will“. Dazu würden unter anderem landesweit verbindliche Programme für die Industrie zur Nachrüstung sowie „eine Finanzierung und Förderung gehören, die Kommunen und Versorger nicht allein lässt“. Statt also diejenigen in die Pflicht zu nehmen, die die Stoffe in Umlauf bringen, werde die Verantwortung seit Jahren etwa an die Trinkwasserversorger und Kommunen weitergereicht. „Diese Passivität ist gerade mit Blick auf den Klimawandel fahrlässig“, so Kahle-Hausmann.

Diese Recherche ist Teil einer Kooperation mit „Correctiv.Lokal“, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalredaktionen umsetzt. „Correctiv.Lokal“ ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv, das sich durch Spenden finanziert. Mehr unter correctiv.org.