Neuerscheinung des Geschichts- und Altertumsvereins für Siegburg und den Rhein-Sieg-Kreis.
Heimatblätter des Rhein-Sieg-KreisesVon Nazis, Kommunisten und Raubrittern

Die Kirche St. Mariä Heimsuchung in Sankt Augustin-Mülldorf
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„Ich sehe das einem Gebäude an, ich werde dann ganz nervös“, schildert Elisabeth Knauer das Gefühl, wenn sie Architektur aus der NS-Zeit entdeckt: Nachdem sie schon den Autobahnrasthof Siegburg, das ehemalige HJ-Heim in Eitorf und die Erweiterung des Hennefer Kurhauses ausfindig gemacht hat, ist es jetzt die katholische Kirche St. Mariä Heimsuchung in Sankt Augustin-Mülldorf. Dem Gotteshaus hat sie Teil III ihrer Reihe „Was vom 1000-jährigen Reich übrigblieb“ für die neue Ausgabe der Heimatblätter des Rhein-Sieg-Kreises gewidmet.
Kaplan auf Konfrontationskurs zur Hitler-Jugend
Die Autorin blättert ein zwiespältiges Kapitel Baugeschichte auf. So war der Bauherr, Pfarrer Gottfried Salz, alles andere als ein NS-Parteigänger. Vielmehr war der gebürtige Windecker als Jugendseelsorger auf Konfrontationskurs zur Hitler-Jugend gegangen und 1935 entsprechend aufgefallen, polizeiliche Vorladungen und Verhöre waren die Folge. Der Kölner Erzbischof nahm den damaligen Kaplan aus der Schusslinie, versetzte ihn 1936 von Essen nach Mülldorf und betraute ihn mit dem Kirchenbau.
Architekt Willy Schneider, den Salz schon vom Bau der Kirche St. Hedwig in Essen-Altenessen kannte, schuf eine Kirche, die sich an der romanischen Architektur orientierte. „An den massigen Turm mit hohem, stumpfem Walmdach, der ein sattelgedecktes Querschiff zu durchdringen scheint, schließt sich ein Langhaus mit pseudo-basilikalem Querschnitt an, das ebenfalls als historisierendes Zitat gelesen werden kann.“ Knauer schreibt: „In Verkennung des internationalen Charakters der mittelalterlichen Baustile wurde behauptet, die Romanik sei der deutsche Stil schlechthin.“
Neues Licht auf Wolfram Humperdinck
Ein neues Licht wirft Christian Ubber auf Engelbert von Humperdincks Sohn Wolfram (1893 bis 1985) und dessen Verhältnis zum Nationalsozialismus: Seine Karriere vom Spielleiter am Theater Königsberg (1930 bis 1933), Oberspielleiter und stellvertretenden Intendanten in Leipzig und seit 1941 Intendanten in Kiel brachte ihn wohl aus beruflichen Gründen in die NSDAP, wo er aber kein politisches oder Parteiamt innehatte. Er nahm aber als Mitglied des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps Veranstaltungen teil. Ubber sieht ihn als „Nationalsozialisten aus Überzeugung“, gleichwohl sei nicht bekannt, dass er aktiv an der Schädigung von Juden und Andersdenkenden beteiligt gewesen war.

Wolfram Humperdinck in einer Uniform des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps (NSKK)
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Humperdinck stand dennoch in Austausch mit einem prominenten Protagonisten des Widerstands: dem ehemaligen Oberbürgermeister von Leipzig Carl Goerdeler (1884 bis 1945). Ubber rekonstruiert das Verhältnis der beiden zueinander, insbesondere anhand von persönlichen Briefen, in denen Goerdeler unter anderem den Tod seines Sohnes an der Ostfront thematisierte. Mit kaum verhüllter Kritik am Regime: „Die Tragik solchen Opfers vertieft das Leid und ist ein immer klingender Ruf an unser Gewissen. Versagen wir Lebenden, insbesondere meiner Generation, uns unentrinnbarer Wahrheit, so ist die Zukunft unseres Vaterlandes nach Gottes ewigen Gesetzen leidvolle Buße.“
Humperdinck kondolierte. Sein eigener Sohn Heinz starb am 29. April 1945 durch einen Granattreffer in Brandenburg. Er war als 17-Jähriger zur Waffen-SS eingezogen worden. Goerdeler wurde nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 verhaftet und am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Humperdinck erhielt als Parteimitglied am 7. Juni 1945 die Kündigung und zog nach Siegburg.
Rundfunksäulen für NS-Propaganda
Nach Königswinter führt ein Beitrag von Hans Hauptstock, der sich auf die Spur der eigentümlichen Rundfunksäulen der Nazis gemacht hat. Sie sollten, so Hauptstock, eine medienpolitische Neuerung für den gemeinschaftlichen Empfang staats- und parteipolitisch wichtiger Rundfunksendungen und öffentlicher Bekanntgaben werden.

Winzerfest 1937: Rundfunksäule auf dem Königswinterer Marktplatz.
Copyright: Heimatblätter des Rhein-Sieg-Kreises
Ab 1935 waren sie eine Art eckige Litfaß-Säulen mit mächtigen Lautsprechern, die bevorzugt auf öffentlichen Plätzen, vor allem Märkten, aufgestellt wurde. In Königswinter kam sie 1936 erstmals zum Winzerfest Einsatz, später auch bei Maifeierlichkeiten. Letztlich setzten sie sich aber nicht durch: Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden „Gemeinschaftsempfänge“ für ganz Deutschland drastisch reduziert und schließlich vollständig eingestellt.
Klein-Moskau im Siebengebirge
Dem entgegengesetzten politischen Spektrum geht Tobias Kühn nach, mit „Hammer und Sichel über dem Drachenfels, Kommunisten im Siebengebirge 1920 bis 1945“. Kühn schildert anschaulich, wie wenig homogen das Siebengebirge damals zwischen Tourismus, Landwirtschaft und einigen wenigen Industriebetrieben mit rund 30.000 Einwohnern gewesen ist.
Doch Honnef – damals noch ohne den Zusatz „Bad“ – galt Bürgermeister Alfred von Reumont schon 1932 als „Klein-Moskau“ und als kommunistische Hochburg der Region schlechthin. Kühn geht in den 30er Jahren von rund 180 Mitgliedern allein in Honnef aus. „Letztlich hatten auch die Kommunistinnen und Kommunisten im Siebengebirge, ebenso wie die KPD insgesamt, weder den Kapitalismus überwinden, noch den Faschismus abwehren können“, resümiert der Verfasser.
Allerdings: „Für viele Arbeiter, die in den Wirtschaftskrisen ihre Zeit ins soziale Elend gestürzt wurden, mochte die KPD als einziger Vertreter ihrer legitimen Interessen erscheinen.“ Unbestritten dürfte sein, dass sich die Kommunisten des Siebengebirges im Widerstand gegen den Nationalsozialismus hervortaten, im Deutschen Reich, in der Resistance und im Spanischen Bürgerkrieg.
Rheinbacher Raubritter
Seit drei Generationen zieht es die Familie von Kay Marten Harms zur Tomburg in Rheinbach-Wormersdorf. Ein „mythischer Ort“, wie er findet, der auf eine lange Geschichte zurückblickt. Schon die Römer, das hätten archäologische Funde gezeigt, hätten auf dem Tomberg eine Signalanlage betrieben. Die Burg sei im frühen Mittelalter errichtet worden, wobei die Besitzer wohl die Ezzonen waren. Letzter Burgherr war Friedrich von Sombreff, ein Raubritter, der sich mit einem „übermächtigen Gegner“ anlegte: Herzog Gerhard von Jülich-Berg, der die Burg nach Belagerung 1473 zerstören ließ.

Die Überreste der Tomburg in Rheinbach-Wormersdorf.
Copyright: Alfred Eich
Über Jahrhunderte blieb vom Bergfried laaut Harms kaum mehr als ein Geröllhaufen übrig, bis in den 1960er Jahren die Stadt Rheinbach eine Rekonstruktion in Angriff nahm: Was sich Harms zufolge als schwieriges Unterfangen erwies, bei dem die Stadt, der Landkreis Bonn, der Landeskonservator, die Bezirksregierung Köln und das Rheinische Landesmuseum „um den Erhalt der Ruine“ rangen. Das verzögerte sich immer wieder, auch wegen der Frage, ob am Bergfried eine Gastronomie in Betrieb genommen werden dürfe oder nicht.
„Still rieselte die Tomburg in den folgenden Jahren vor sich hin, bis plötzlich im Jahr 1967 ein lebhafter Schwung in die Angelegenheit kam“, so Harms. Sicherungen wurden durchgeführt, im April 1968 wurden bei Ausgrabungen Mauerteile aus dem 12. und 14. Jahrhundert freigelegt. Seit 1972 stelle sich die Ruine in ihrer heutigen Form dar. Harms bedauert aber, dass die Grabungen nicht fortgeführt wurden.
Heimatblätter des Rhein-Sieg-Kreises, Geschichts- und Altertumsverein für Siegburg und den Rhein-Sieg-Kreis, 91/92. Jahrgang, cmz Verlag- und Vertriebshandlung, 12 Euro, ISBN 978-3-87062-386-9.
