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Forum EhrenamtWie eine Fahrradschule in Königswinter zur lebendigen Fahrradwerkstatt wurde

4 min
Zwei Männer hantieren mit gebrauchten Fahrrädern.

Martin Kässens (r.) und Klaus Witberg bei der Arbeit in der Fahrradwerkstatt des Forum Ehrenamt.

Ehrenamtler sorgen seit 2015 dafür, dass geflüchtete Menschen in Königswinter Fahrräder erhalten. Doch das Projekt ist mehr als eine Werkstatt.

Eva Bergers Finger sind voll Schmieröl, als sie die Nabe eines Fahrradrades auseinanderbaut und in ihre Einzelteile zerlegt. Es ist, wie der Rheinländer sagt, echter Fisselskram. Martin Kässens unterbricht seine Arbeit an einem älteren Mountainbike, das an einem Montageständer befestigt ist, und leuchtet mit seiner Handytaschenlampe auf die zerlegte Fahrradnabe, um Eva Berger die Sache zu erleichtern.

In dem abgetrennten Teil einer Lagerhalle der Firma Kinge in Oberdollendorf stehen insgesamt rund 45 ältere Fahrräder. Viele warten darauf, wieder flott gemacht zu werden für den Straßenverkehr. Aber 15 bis 20 von ihnen, so schätzt Klaus Witberg, werden wohl nur noch als Ersatzteillager herhalten können. Schilder an verschiedenfarbigen Plastikkisten, die in einem Stahlregal liegen, weisen auf den Inhalt hin. „Schutz- & Kettenbleche“, „Reflektoren Rot“, „Reflektoren Weiss“ oder „Fahrradständer “ liegen dort bereit, um verbaut zu werden.

Fahrräder werden in der Werkstatt wieder verkehrssicher gemacht

Das Trio, das an diesem schwül-heißen Sommernachmittag in der Halle in Oberdollendorf schwitzt, steht für das Projekt „Fahrradschule und Fahrradwerkstatt“ des Forums Ehrenamt. „Was 2015 als Fahrradschule für Geflüchtete begann, ist heute eine lebendige Fahrradwerkstatt, in der Menschen gemeinsam reparieren, voneinander lernen und Verantwortung übernehmen“, heißt es beim Forum Ehrenamt, das zugleich die Freiwilligenagentur für Königswinter und Umgebung ist.

Eva Berger (60), eine der Ehrenamtlerinnen in der Fahrradwerkstatt, hat nach eigenen Angaben schon als 16-Jährige an ihrem eigenen Fahrrad herumgeschraubt. Es mache ihr Spaß, und da hat sie auch keine Scheu vor ölverschmierten Händen. Ihre Mitstreiter Martin Kässens (59) und Klaus Witberg (68) kommen beide aus der IT-Branche, haben aber auch eine Verbindung zum Radfahren. Der eine als Mountainbiker, der andere als Rennradfahrer.

Eine Frau arbeit an der Nabe eines Rades.

Eva Berger repariert in der Werkstatt die Nabe eines Rades.

Sie machen nicht nur aus meist gespendeten alten Fahrrädern wieder Gefährte, die sicher im Straßenverkehr unterwegs sein können. Sie organisieren zweimal im Jahr auch „Repair-Workshops“ für geflüchtete Menschen in Königswinter, was sie als Hilfe zur Selbsthilfe verstehen. Manchmal gibt es, sagt Klaus Witberg, ein paar Sprachbarrieren, doch die würden – oft mit Hilfe der Kinder – schnell überwunden.

Seinen Anfang nahm das Projekt 2015. Während der großen Flüchtlingskrise wurden das Forum Ehrenamt, der Allgemeine Deutsche Fahrradclub und (ADFC) und die Bonner Polizei aktiv, damit Flüchtlinge nicht nur ein Fahrrad erhielten, sondern sie auch sicher und selbstständig im Straßenverkehr unterwegs sein konnten. In der Fahrradschule nahmen laut Forum Ehrenamt rund 100 Geflüchtete zwischen 2015 und 2018 an den Trainings teil.

Parallel wurden ehrenamtliche Fahrradcoaches ausgebildet. Seit Beginn habe man mehr als 800 gespendete Fahrräder an geflüchtete Kinder, Jugendliche und Erwachsene weitergeben, berichtet das Forum Ehrenamt. Für viele sei ein Fahrrad ein wichtiger Schritt hin zu einem selbstbestimmteren Leben. Der Weg zur Arbeit, zur Schule oder zur Behörde werde für die Menschen einfacher.

Mit der Ankunft vieler Geflüchteter aus der Ukraine 2022 habe sich der Schwerpunkt erneut verändert. Da die meisten schon über Fahrpraxis verfügten, rückten die Fahrradvermittlung und auch Begegnungsangebote stärker in den Mittelpunkt, so die Freiwilligenagentur. Gemeinsame Radtouren führten zum Beispiel in die Rheinaue.

Bei Bürgerversammlung für Fahrradwerkstatt geworben

Als vor Kurzem die Stadt Königswinter in Thomasberg die Bürgerinnen und Bürger über den baldigen Bezug der neuen Flüchtlingsunterkunft Am Limperichsberg informierte und in der Versammlung das Thema Mobilität aufkam, meldete sich Klaus Witberg als Koordinator der Fahrradwerkstatt zu Wort. Gerne nehme man Fahrradspenden entgegen, damit die Geflüchteten mobiler werden, sagte er. Am Ende des Tages erhielt er gleich mehrere Zusagen.

An dem heißen Sommertag, an dem die Redaktion dieser Zeitung einen Eindruck von der Arbeit in der Fahrradwerkstatt bekommt, berichtet Witberg, dass das Team manche Fahrräder zweimal zu Gesicht bekommt. Etwa dann, wenn Kinder zu groß geworden sind für ihr Fahrrad und einen Ersatzdrahtesel brauchen. Manchmal blieben Räder aber auch in einer der Flüchtlingsunterkünfte zurück, wenn Bewohner ausziehen.

Rote und gelbe Plastikkörbe mit Luftpumpen und anderem Fahrradzubehör.

Blick in das Ersatzteillager der Fahrradwerkstatt.

Gespendete Fahrräder holt das Werkstattteam auch bei den Spendern zu Hause ab. Wenn der Vorrat an verkehrssicheren Rädern einmal knapp werde, durchforste er auch schon mal die Kleinanzeigenseiten im Internet. Viele, die ihren Drahtesel für vergleichsweise kleines Geld anbieten, seien auch bereit, es zu spenden, wenn sie von der Möglichkeit erführen, weiß Klaus Witberg.

Bevor Fahrradschule und Fahrradwerkstatt 2026 ein neues Zuhause bei der Firma Kinge in Oberdollendorf fanden, waren sie mehrfach umgezogen. Nach dem ehemaligen Raiffeisengelände in Oberpleis gab es eine Zwischenlösung auf einem privaten Grundstück und danach zeitweise auf Gut Buschhof. Den Umzug der Fahrradwerkstatt nach Oberdollendorf haben zuletzt auch Schülerinnen und Schüler aus Königswinter im Rahmen von „Social Days“ unterstützt. Nach Einschätzung der Freiwilligenagentur steht die Fahrradschule und Fahrradwerkstatt damit insgesamt für gelebte Integration.

Das Forum Ehrenamt sucht weiterhin engagierte Fahrradcoaches sowie gut erhaltene Damen-, Herren- und Jugendfahrräder, damit das Projekt auch in Zukunft Menschen mobil machen kann. Kontakt: Tel. 02223/92360, E-Mail info@forum-ehrenamt.de.