Die Zahl der Pedelec-Unfälle in Köln ist seit 2019 drastisch gestiegen. Besonders ältere Menschen trifft es im Ernstfall ungleich härter. Was hinter den E-Bike-Zahlen steckt – und wie die Polizei reagiert.
E-Bike-Unfälle in KölnWarum ältere Menschen häufiger schwer verletzt werden

Die Zahl der Pedelec-Unfälle in Köln ist seit 2019 drastisch gestiegen. (Symbolbild)
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Ein Sonntagnachmittag im April 2025 in Köln-Worringen: Ein 61 Jahre alter Kölner ist auf seinem Pedelec auf der Bolligstraße unterwegs, vorbei an einem Spielplatz, als plötzlich eine Frau von der Seite auf die Fahrbahn tritt. Er drückt die Handbremse durch. Doch es ist zu spät, um noch stehenzubleiben. Das Rad gerät ins Straucheln. Der Mann stürzt, schlägt mit dem Kopf auf, wird schwer verletzt in eine Klinik gebracht. Die Frau geht weiter, als sei nichts geschehen. Die Polizei sucht bis heute nach ihr und nach Zeugen.
Es ist eine Szene, die sich in Varianten immer öfter abspielt auf Kölns Straßen, wie Zahlen der Kölner Polizei zeigen: Zwischen 2019 und 2025 ist die Zahl der bei Pedelec-Unfällen verunglückten Menschen im Kölner Stadtgebiet regelrecht explodiert – über alle Altersgruppen hinweg. Bei den unter 65-Jährigen stieg sie von 64 auf 271, ein Plus von rund 323 Prozent. Bei den Senioren ab 65 Jahren ging es von 19 auf 68 nach oben, ein Anstieg um etwa 258 Prozent.
Immer mehr E-Bikes fahren auf Kölns Straßen
Köln steht damit nicht allein da. Bundesweit registrierte das Statistische Bundesamt 2023 rund 23.900 Pedelec-Unfälle mit Personenschaden – etwa elfmal so viele wie noch 2014. Eine naheliegende Erklärung: Es sind schlicht sehr viel mehr Menschen mit dem Pedelec unterwegs als früher. Das bestätigt auch die Kölner Polizei: „Eine steigende Zahl bestimmter Verkehrsmittel hat in der Regel auch mehr Unfälle mit diesen Verkehrsmitteln zur Folge. Die Unfallstatistik im Zusammenhang mit Pedelecs scheint diese Aussage zu bekräftigen“, sagt ein Sprecher der Behörde. Die Verkaufszahlen stützen das. Seit 2023 werden hierzulande sogar mehr E-Bikes verkauft als klassische Fahrräder ohne Motor.
Der ADFC Köln teilt grundsätzlich die Erklärung, dass mit mehr Pedelecs auch die Zahl der Unfälle steigt – „das ist erstmal eine reine Mathematik“, sagt Christoph Schmidt. „Der Punkt ist aber: Unsere Infrastruktur hält dieser Entwicklung nicht stand. Das fängt beim Banalen an: Bordsteine müssen ordentlich abgesenkt sein, es darf keine Stolperfallen geben, und bei Baustellen dürfen Absperrfüße nicht in den Radweg ragen. Mit 25 km/h fallen solche Probleme stärker ins Gewicht als mit 15. Dazu kommen zu schmale Wege und Engstellen – dort kollidieren Radfahrende auch untereinander. Die Infrastruktur muss zu den Mengen und Geschwindigkeiten passen.“
Auffällig ist, dass es ältere Menschen deutlich härter trifft, wenn sie stürzen. 2025 wurden 8,9 Prozent der verunglückten Pedelec-Fahrenden unter 65 Jahren schwer verletzt oder getötet. Bei den Senioren waren es 17,6 Prozent.

E-Bike-Unfälle in Köln
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„Das hat nicht unbedingt etwas mit fehlender Schutzausrüstung zu tun“, sagt Matthias Blasius von der Direktion Verkehr der Polizei Köln. „Der Hauptgrund dürfte schlicht in der körperlichen Verletzlichkeit liegen, die mit dem Alter zunimmt. Das kennen wir ja auch aus dem Familienkreis: Wenn wir hören, dass der Opa gestürzt ist, sind wir deutlich alarmierter als bei jüngeren Familienmitgliedern, einfach weil das Risiko für schwere Verletzungen größer ist.“
Wie groß dieses Risiko tatsächlich ist, zeigt eine aktuelle Studie des Klinikums der Technischen Universität München (TUM Klinikum). Die Unfallchirurgen werteten dort alle E-Bike-Unfälle aus, die zwischen 2017 und 2023 in ihrer Klinik behandelt wurden – 103 Fälle, davon allein rund die Hälfte im letzten Jahr des Untersuchungszeitraums. Mehr als ein Drittel der Patientinnen und Patienten musste stationär aufgenommen werden, zehn Prozent kamen auf die Intensivstation, fast alle mit schweren Hirnverletzungen. Das Durchschnittsalter dieser besonders schwer betroffenen Gruppe: 77 Jahre, nahezu ausschließlich Männer. „Ein besonders hohes Risiko für schwere Verletzungen haben ältere Männer“, fasst Studienleiter Privatdozent Michael Zyskowski, Oberarzt für Unfallchirurgie am TUM Klinikum, die Ergebnisse zusammen. Ein Grund dafür: Viele ältere Menschen nehmen wegen Herz- und Kreislauferkrankungen Blutverdünner ein, die bei Stürzen zu besonders starken Blutungen führen können – knapp die Hälfte der Intensivpatienten der Studie hatte solche Medikamente genommen.
Was ADFC und Polizei zu den Unfallzahlen sagen
Mit Blick auf ältere Fahrende plädiert Schmidt vom ADFC für einen realistischen Umgang mit dem Pedelec: „Es ist aus meiner Sicht nicht sinnvoll, jahrelang kaum Rad zu fahren, sich dann im Rentenalter ein Pedelec zu kaufen und sofort alle Möglichkeiten auszureizen. Reaktionsfähigkeit und Routine sind nicht immer wie früher – und die Infrastruktur stellt vielerorts Fallen. Deshalb: langsam herantasten, üben, Unterstützungsstufen so wählen, dass die Beschleunigung nicht zu stark ist.“
Als Reaktion auf die Zahlen hat die Polizei ihre Präventionsarbeit ausgebaut. Nach mehreren tödlichen Unfällen mit älteren Radfahrenden im Jahr 2024 wurde unter anderem das sogenannte Seniorenradeln als Präventionsmaßnahme weiterentwickelt: geführte Touren durch Kölner Stadtgebiete in kleinen Gruppen von sechs bis sieben Personen, bei denen reale Verkehrssituationen – etwa an Kreuzungen mit Lastwagen und deren toten Winkeln – direkt vor Ort erklärt werden. „Das kommt dann noch einmal anders an als in einer Broschüre, in der nur steht: Achtung, toter Winkel“, sagt Blasius. Die nächste Tour ist für den 10. September angesetzt, voraussichtlich durch Mülheim und Deutz; Anmeldungen nimmt die Polizei unter der Nummer 0221 229-6060 oder per E-Mail an sicher.mobil.koeln@polizei.nrw.de entgegen.
Eine klare Empfehlung will Blasius Senioren nicht aussprechen, das E-Bike stehen zu lassen: „Es geht nicht darum, ältere Menschen einzuschränken. Mit einem E-Bike kommt man einfach weiter und anders voran.“ Wichtig sei aber, sich vor der ersten Fahrt mit dem Pedelec auseinanderzusetzen.
Dem ADFC ist das allerdings zu wenig. Schmidt fordert mehr Durchsetzung und Kommunikation bestehender Regeln: „Uns reicht die bisherige Präventionsarbeit nicht. Es gibt Vorgaben – Schrittgeschwindigkeit beim Abbiegen, 1,5 Meter Überholabstand –, aber sie werden zu selten kontrolliert und zu wenig kommuniziert.“
