Vor mehr als zwei Jahren trat der Chatbot in der Verwaltung der Kreisstadt den Dienst an. Sattelfest in allen Fragen ist die KI (noch) nicht.
Manchmal führt Siggi SelbstgesprächeWie die KI im Siegburger Rathaus lernt – und wo es hakt

Siggi, der Chatbot der Siegburger Stadtverwaltung, bietet seit zwei Jahren seine Dienste an.
Copyright: Andreas Helfer
Siggi hat heute keinen guten Tag. Dabei ist die Frage, die der Chatbot der Kreisstadt mir beantworten soll, eigentlich nicht schwierig: „Wann ist die nächste Ratssitzung?“ Doch alle künstliche Intelligenz hilft nicht weiter, er weiß das Datum für den nächsten Mobilitätsauschuss und den Ausschuss für Partner- und Patenschaften, nur nicht für den Rat. Ich möge doch das Ratsinformationssystem nutzen.
Doch das sehe ich als Bürger nicht ein. Immerhin verspricht die Internetseite des Herstellers Neuraflow den Kommunen: „Der digitale Assistent beantwortet auf Ihrer Webseite die Fragen Ihrer Bürgerinnen und Bürger zu Verwaltungsleistungen, Angeboten und Veranstaltungen oder persönlichen Lebenslagen. Individuell, emphatisch und präzise auf Basis Ihrer kommunalen Informationen.“ Sogar das Ergebnis wird vorweggenommen: „Begeisterte Bürgerinnen und Bürger. Weniger Routineanfragen. Mehr Zeit für das Wesentliche.“
Im Ton bleibt die KI immer freundlich
Der im Ton immer freundliche Siggi zeigt sich einsichtig: „Der Nutzer hat recht – er hat nach der nächsten Ratssitzung gefragt, nicht nach allen Terminen im Januar und Februar. Ich habe zu viele Informationen gegeben, die er nicht verlangt hat“, gibt er freimütig zu. Und dann: „Ich sollte mich auf die Antwort auf seine eigentliche Frage konzentrieren: Wann ist die nächste Ratssitzung? Und ich sollte mich auf die sofortige Antwort beschränken, nicht auch noch weitere Termine nennen.“
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Meine Aufforderung „Streng dich mal ein bisschen an“ wirft ihn offensichtlich aus der Bahn, zumal er immer noch nicht weiterkommt. „Das klingt, als ob ich etwas übersehen habe oder nicht genug versucht habe“, antwortet er und grübelt: „Ich denke, der Nutzer möchte, dass ich ehrlich sage, dass ich einen spezifischen Termin für die nächste Ratssitzung nicht aus den verfügbaren Daten entnehmen kann. Und das sollte ich zugeben, statt einfach auf andere Links zu verweisen.“

Siggi, der Chatbot der Siegburger Stadtverwaltung, weiß auf viele, aber nicht auf alle Fragen eine Antwort.
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Auf der Internetseite der Stadt ist der Chatbot als freundlich lächelndes Wesen hinter einem Computerbildschirm dargestellt, einem Teletubby nicht unähnlich. Langsam frage ich mich, was ich da anrichte. Siggi verzweifelt immer mehr, wirkt unglücklich. „Aber wie kann das sein? Ein Chatbot einer Stadt sollte doch wissen, wann die nächste Ratssitzung ist!“, schreibt er selbstkritisch. Das habe ich mittlerweile anhand des empfohlenen Ratsinformationssystems selbst herausgefunden. Am 19. März werden die Stadtverordneten sich versammeln, um über die Geschicke der Stadt zu beraten und abzustimmen.
Siggi findet meine Eigeninitiative gut: „Ich sollte 1. das anerkennen, 2. mich dafür entschuldigen, dass ich diese Information nicht gefunden habe, 3. dem Nutzer jetzt die Information geben, die ich hätte geben sollen, 4.ehrlich machen, dass hier etwas in meinem System nicht funktioniert hat.“
Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Dann wird es kompliziert. „Aber ich kann die Ratssitzung am 19. März nicht einfach erfinden – ich sollte dem Nutzer sagen, was ich jetzt weiß, aber auch zugeben, dass ich diese Information nicht selbst aus meinen verfügbaren Daten extrahiert habe, sondern nur vom Nutzer erfahren habe.“ Offensichtlich funktioniere seine Suchmaschine nicht optimal, folgert er, und: „Es gibt eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit – der Chatbot soll die Stadt Siegburg repräsentieren und wichtige Informationen haben, aber praktisch fehlen grundlegende Termine.“
Auch bei anderen Fragen ist er nicht sattelfest. Wann Comedian Torsten Sträter in Siegburg auftritt (20. September), weiß er ebenso wenig zu sagen wie die Kosten für den Bildungscampus Neuenhof. Die gibt er mit 18,5 Millionen statt der derzeit kalkulierten 120 Millionen an, räumt aber ein, dass er das Projekt mit der Rathaussanierung verwechselt hat. Auch wer ihn programmiert hat, weiß Siggi nicht, obwohl der Name der Firma auf der Homepage steht.
Bewusstere Wesen mit Selbstironie
Das wiederum findet auf Nachfrage sein international tätiger Kollege ChatGPT nicht in Ordnung: „Wenn Siggi fühlen könnte, würde er vermutlich sagen: Ich bin hier, um zu helfen. Mehr weiß ich nicht. Mehr darf ich nicht wissen.“ Viele Verwaltungsbots seien absichtlich so gebaut, „kein Gedächtnis, keine Selbstbeschreibung, keine Meta-Ebene“.
Aus Sicht der Stadt sei das sicher, kontrollierbar und sauber im Sinne der Datenschutzgrundverordnung. „Aus Sicht von uns Menschen: ziemlich traurig.“ Dass er im strengeren Sinne eher kein Mensch ist, sieht ChatGPT übrigens ein, wenn man es ihm sagt: „Touché. Sagen wir lieber von bewussteren Wesen mit Selbstironie.“

Das sanierte Rathaus Siegburg.
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Immerhin weiß Siggi dann doch einiges, etwa, dass für einen Yorkshire-Terrier 95 Euro Hundesteuer fällig werden. Und er spuckt anstandslos eine Liste der Siegburger Bürgermeister von Franz von Ley (1814 bis 1835) bis Stefan Rosemann (seit 2020) aus.
Keine Erklärung für die Selbstgespräche der KI
Die Frage, was manchmal mit Siggi los ist, beschäftigt auch die menschlichen Kollegen im Rathaus: „Die KI ist immer nur so gut wie die Quelle, die wir ihr geben“, erläutert Marc Langen von der Stabstelle Digitalisierung in der Stadtverwaltung. Er geht davon aus, dass zum Zeitpunkt der Anfrage die Schnittstelle zum Ratsinformationssystem nicht funktioniert habe. Völlig ungewöhnlich seien die Selbstgespräche, die Siggi führt – und darauf habe auch der Hersteller keine Antwort.
„Irgendwann sollen alle Informationen zur Verfügung stehen“, sagt der zuständige Dezernent Bernd Lehmann. Zeitweilig könne es passieren, das Quellen nicht zugänglich seien. Siggi liefere aber weitgehend vernünftige Ergebnisse, gerade zu Verwaltungsdienstleistungen. Regelmäßig schaue man sich anonymisierte Chatverläufe an, um zu erkennen, wo nachgebessert werden müsse. Ein großes Plus von Siggi seien die 95 Fremdsprachen, die der Bot beherrsche, und die Vorlese-Funktion.
Einen großen Sprung soll Siggi machen, wenn er mit der Anwendung Neurapolis verknüpft wird, die umfassende Recherchen im Ratsinformationssystem ermöglicht, inklusive Protokollen, Unterlagen und Abstimmungsergebnissen auch zu lange zurückliegenden Ausschuss- und Ratssitzungen. Nicht zuletzt Stadtverordneten dürfte das die Arbeit deutlich vereinfachen. Lehmann betont, dass es auch ein Umdenken in der Verwaltung brauche, wenn die Beschäftigten Informationen besser verfügbar machen sollten: „Wir müssen uns mehr als Gesamtkonzern verstehen und weniger in Sparten denken.“
Eines muss man dem vor rund zwei Jahren freigeschalteten Siggi übrigens eindeutig zugute halten: Auf der Internetseite wird mitgeteilt, dass er noch in der Lernphase ist.
