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Nachfahren aus London angereistStolpersteinverlegung in Siegburg in Erinnerung an Selma Oestreicher

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Menschen stehen in einem Halbkreis um den Stolperstein und blicken zu Boden.

Die Angehörigen, Bürgermeister Stefan Rosemann und Vizebürgermeister Oliver Schmidt halten nach der Stolpersteinverlegung einen Moment inne.

An der Bahnhofsstraße/Ringstraße erinnert ein neuer Stolperstein an Selma Oestreicher. Zur Verlegung kamen Angehörige und viele Interessierte.

Zu den fast 100 bestehenden Stolpersteinen in Siegburg ist ein weiterer hinzugekommen. Wo heute die Geschäftsstelle der Diakonie An Rhein und Sieg ist, erinnert nun eine Messingplakette an Selma Oestreicher. Der Künstler Gunter Demnig hat das Projekt der Stolpersteine 1996 ins Leben gerufen, um an ihrem letzten freiwillig gewählten Wohnort an Menschen zu erinnern, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden.

So eine große Menge an Menschen ist selten, das hatten wir in den letzten Jahren nicht mehr.
Jan Gerull, Pressesprecher der Stadt Siegburg

Zur Verlegung kamen viele Menschen an die Adresse des ehemaligen Wohn- und Geschäftshauses der Familie Oestreicher, unter anderem Mitglieder aus dem Geschichtsverein, der die Stolpersteinverlegung finanziert hat. Als besondere Gäste waren auch Nachfahren vor Ort. „So eine große Menge an Menschen ist selten, das hatten wir in den letzten Jahren nicht mehr“, sagte Jan Gerull, Pressesprecher der Stadt Siegburg.

Bürgermeister Stefan Rosemann betonte, die Erinnerung müsse ihren Fortbestand auch bei der jüngeren Generation haben. Es sei daher umso wichtiger, das Thema in den Schulen zu behandeln und Exkursionen zu Konzentrationslagern und Gedenkstätten anzubieten. Auch die Siegburger Stadtgeschichte sei eng mit der jüdischen Vergangenheit verbunden.

Stolpersteinverlegung Siegburg: Nachfahren aus London angereist

Alex Michaels aus London, ein Urenkel Selma Oestreichers und Initiator der Stolpersteinverlegung, war mit seiner Familie angereist. „Wir sind hier, um an Selma zu erinnern“, sagte er auf Englisch und skizzierte ihr Leben. Selma Hoffmann wurde 1881 in Aurich geboren. Sie habe eine normale Kindheit gehabt, sei mit ihrer Familie Teil der jüdischen Gemeinschaft gewesen und habe Jiddisch gelernt.

Wir sind hier, um an Selma zu erinnern.
Alex Michaels, Urenkel von Selma Oestreichers

Im Alter von 31 Jahren heiratete sie Salomon Preiser. Dieser fiel jedoch Ende 1918 als Soldat im Ersten Weltkrieg. Ihr späterer zweiter Ehemann, Felix Oestreicher, führte mit seiner ersten Frau Paula ein Geschäft an der Siegburger Kaiserstraße. Mit ihr hatte er zwei Töchter: Marga und Liesel. Paula Oestreicher starb im Jahr 1928.

Daraufhin fanden sich Felix Oestreicher und Selma Preiser, sie heirateten, und Selma Oestreicher zog nach Siegburg. Gemeinsam betrieben die Eheleute das Haushaltswarengeschäft gleichen Namens an der Ecke Bahnhofsstraße/Ringstraße, das Felix Oestreicher 1927 erworben hatte.

Zeitzeugenbericht: Selma Oestreicher habe eine Vorliebe für Köln gehabt

Mary Beer aus Berlin trug aus einem Zeitzeugenbericht vor. Ihr Großvater Fritz Löwenstein war der Bruder von Felix Oestreichers erster Frau Paula. Ein Mitarbeiter, der Fahrer für die Oestreichers, erinnerte sich demnach unter anderem an Fahrten durch den Westerwald, auf denen Felix Oestreicher immer wieder betonte, dass „der Spuk bald vorbei“ sei und er deshalb nichts vom Auswandern halte.

Selma Oestreicher sei sehr gläubig gewesen, und er habe sie oft zur Synagoge an der Kölner Roonstraße gefahren. Generell habe sie eine Vorliebe für Köln gehabt, denn dort sei sie regelmäßig zum Friseur gegangen.

Zwangsumsiedlung und Deportation von Köln-Müngersdorf nach Theresienstadt

Während der Pogromnacht am 10. November 1938 zertrümmerten staatlich organisierte Steinewerfer die Auslagen des Geschäfts der Oestreichers und weiterer jüdischer Geschäfte in Siegburg. Ein halbes Jahr danach wurden Selma, Felix und Liesel Oestreicher gezwungen, nach Köln zu ziehen. Zunächst nach Köln-Lindenthal, dann in eines der sogenannten Judenhäuser an der Kölner Cäcilienstraße 18-22.

Von Köln-Müngersdorf aus wurden Selma und Felix Oestreicher im Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert. Felix Oestreicher starb dort im Januar 1944. Selma Oestreicher wurde im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und kurz nach ihrer Ankunft im Alter von 63 Jahren ermordet.

Der Stolperstein und kleine Steine, die im Halbkreis drumherum liegen.

Angehörige legten zum Gedenken kleine Steine am Stolperstein ab.

Felix Oestreichers jüngere Tochter Liesel wurde mit ihrem Ehemann Franz Ehrlich und ihrem vier Monate altem Baby Judis Julie von Köln aus ins weißrussische Minsk deportiert. Auf dem Weg mit Lkw in den Wald nahe dem Ort Blagowschtschina wurden sie von einem Erschießungskommando getötet. Der älteren Tochter, Marga Oestreicher, gelang die Ausreise nach Südamerika. Sie lebte nach dem Krieg unter dem Namen Marga Steinberg in Uruguay.

Teil der Familie Oestreicher kritisiert Stolpersteine

Mary Beer berichtete, für Marga Steinberg existiere eine Gedenktafel auf dem jüdischen Friedhof in Siegburg. Ein Teil der Familie Oestreicher habe sich gegen die Verlegung eines Stolpersteines ausgesprochen, da sie eine andere Meinung zu dem Projekt hätten: Die Passanten träten auf die Stolpersteine, es erinnere an das Vorgehen der Nationalsozialisten, die jüdische Grabsteine entfernten, um sie als Pflastersteine zu nutzen. Daher wird lediglich Selma Oestreicher auf dem Stolperstein erwähnt, da es die Nachfahren der Familie Hoffmann waren, die die Verlegung initiierten.

Nachdem der Stolperstein von Mitarbeitern der Stadt eingelassen wurde, begannen die Nachfahren, kleine Steine um den Stolperstein herumzulegen – ein jüdischer Brauch, der Respekt und Gedenken an die Toten symbolisiert. Es sei wichtig, sich an die Schrecken der Vergangenheit zu erinnern und den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken, betonte Alex Michaels abschließend.