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„Die Tickets bitte“Erste Sonderkontrolle am Troisdorfer Bahnhof

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Eine Person in einem grauen Trainingsanzug macht eine ausladende Geste mit beiden Händen, während ein Kontrolleuer vor ihr steht. Die Gesichter der Beteiligten sind abgeschnitten.

Kontrolleure der Stölting Trainservice GmbH führten ihre erste Schwerpunktkontrolle im Fahrgebiet der RSVG am Troisdorfer Busbahnhof durch.

Eine externe Firma kontrolliert seit zwei Monaten Fahrgäste im Auftrag der RSVG. Verletzungen sind selten, aber der Ton wird rauer. 

Als Kontrolleure sind sie zunächst nicht zu erkennen. Nach der Aufforderung, die Tickets zu zeigen, ernten die fünf Männer und eine Frau in Zivilkleidung von der Stölting Trainservice GmbH teils genervte Blicke. „Die Tickets bitte.“ Die meisten Fahrgäste am Troisdorfer Busbahnhof schauen gleichgültig. Handys werden an Mobile Datenerfassungsgeräte, kurz MDE-Geräte, gehalten und die Tickets verifiziert. Papiertickets sind selten zu sehen.

Ein Jugendlicher will sein Ticket vergessen haben, der Personalausweis liege auch zu Hause. In diesem Fall rufen die Zivilkontrolleure die Polizei dazu, vier Beamtinnen und Beamte stehen in Hörreichweite. Das Gros der Kontrollierten in den Bussen und an den Bussteigen zeigt sich kooperationsbereit.

Kontrolleure und Kontrolleurinnen sollen sich nicht in Gefahr bringen

„Seit dem 3. März ist die Firma Stölting im Bediengebiet der RSVG im Einsatz“, berichtet Niederlassungsleiter Marcel Kantorek. In den knapp zwei Monaten im Rhein-Sieg-Kreis kontrollierten täglich sechs Mitarbeitende die Fahrgäste in Bussen. So auch bei der ersten Schwerpunktkontrolle für die RSVG am Troisdorfer Busbahnhof Ende April. „In Troisdorf sind die Menschen weniger aggressiv als in Großstädten wie Köln“, sagt Kantorek. Nach Angaben des 38-Jährigen ist die Firma NRW-weit tätig.

Das obengenannte Trio steht am Busbahnhof Troisdorf.

Azzedine Saadou, Einsatzleiter bei der Firma Stölting Trainservice (l.) und Niederlassungsleiter Marcel Kantorek (r.) behielten die Kontrollen am Troisdorfer Busbahnhof mit Rainer Paterek, Teamleiter Verkehrsstelle RSVG, im Blick.

„Bei den Schwerpunktkontrollen bekommt man die Fahrer ohne Ticket, die sonst weglaufen“, sagt Einsatzleiter Azzedine Saadou zur Sonderkontrolle. Bei solchen zusätzlichen Kontrollen kämen nicht selten Polizistinnen und Polizisten mit Haftbefehlen dazu.

Bei regulären wie bei Sonderkontrollen seien die Kontrolleurinnen und Kontrolleure angehalten, Flüchtenden nicht nachzulaufen. „Die eigene Sicherheit der Kontrolleure geht vor“, erläutert Rainer Paterek,  Verkehrsstellen-Teamleiter in der RSVG: „Man weiß nicht, was die Leute dabei haben.“ Spezielle Kontrollen in Kooperation mit der Polizei wie in Troisdorf finden Peterek zufolge sechsmal im Jahr im Fahrgebiet der RSVG statt. Die Sonderkontrolle in Troisdorf nahm mit knapp siebeneinhalb Stunden etwas weniger Zeit als die tägliche Achtstundenschicht der Kontrolleure ein.

500 bis 700 Personen werden im Rhein-Sieg-Kreis täglich kontrolliert

„Die Arbeit unserer Firma umfasst das gesamte Bediengebiet der RSVG“, erklärt Marcel Kantorek. Auch Nahverkehrsunternehmen, die im Auftrag der RSVG unterwegs seien, zählten dazu. Je nach Taktung der Buslinien im ländlichen Raum bis zu den Stoßzeiten mit Bussen voller Schulkinder kontrolliere die Firma 500 bis 700 Personen im Rhein-Sieg-Kreis pro Tag, vermutet Kantorek. „Schwarzfahren ist hier so häufig wie im Rest von NRW.“ Bei der Sonderkontrolle in Troisdorf sei die „Schwarzfahrerquote“ aber überraschend hoch gewesen.

Die Nahaufnahme zeigt Zwei Hände: In der linken Hand ruht ein Handy, die rechte Hand hält eine Papier-Fahrkarte daneben.

In seltenen Fällen wurden bei der Sonderkontrolle in Troisdorf auch analoge Fahrkarten kontrolliert.

„Es geht darum, die Leute herauszufiltern, die Leistungen erschleichen wollen“, erläutert Kantorek. Das Fahren ohne Ticket sei gegenüber den zahlenden Fahrgästen ungerecht. Dieser Begründung folgte auch der Bundestag: Am 16. April stimmten CDU/CSU, AfD und SPD gegen eine Entkriminalisierung der Beförderung ohne Fahrschein. Die Fraktionen argumentierten neben der Ungerechtigkeit damit, dass ein „Freifahrtschein“ Nachahmungen anregen könne. Das Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke stimmten für die Gesetzentwürfe, die sie im vergangenen Herbst eingebracht hatten. Im Nachgang entstand eine Debatte über die Unverhältnismäßigkeit der Strafe und eine Entlastung von Polizei und Justiz.

„Der ÖPNV muss finanziert werden“, betont Kantorek. „Außerdem gibt es alle möglichen reduzierten Tickets neben dem Deutschlandticket.“ Für einen begrenzten Zeitraum während der Corona-Pandemie kostete das Deutschlandticket monatlich neun Euro, seit Anfang des Jahres liegen die Kosten bei 63 Euro im Monat. Dieser Kostenanstieg errege bei einigen Fahrgästen Unmut, sagt Azzedine Saadou. Sein Kollege Marcel Kantorek ergänzt: „Auch zur Zeit des Neun-Euro-Tickets sind viele schwarzgefahren. Das ist eine Einstellungssache.“

Es kommt zu wenig Verletzungen, aber vielen Beleidigungen

Über seine Einsätze als Kontrolleur berichtet Saadou: „Die Menschen, die ohne Ticket fahren, sind aggressiver geworden.“ Die Stimmung der Reisenden im ÖPNV sei seit der Corona-Pandemie negativer geworden. „Viele fühlen sich durch Ticketkontrollen persönlich angegriffen.“ Diese Wut bekämen nicht selten die Kontrolleure und Kontrolleurinnen ab, auch die Angestellten der DB seien betroffen.

Laut Niederlassungsleiter Kantorek versuchen die Mitarbeitenden bei Stölting, die Angestellten der Verkehrsunternehmen zu unterstützen: „Wenn ein Kollege auf dem Weg zur Toilette angegangen wird, schreiten wir ein.“ Die Kontrolleure der Firma durchliefen eine sechsmonatige Ausbildung. In der Hälfte der Zeit schule man sie speziell zum Einsatz in Verkehrsmitteln. Dazu gehören gemäß Kantorek auch ein Deeskalations- und Selbstverteidigungstraining. „Mit Worten regeln ist die Devise“, so Kantorek: „Auch der Aggressor soll unverletzt nach Hause gehen.“

Weiter sagt Kantorek: „Verletzte gibt es bei unseren Einsätzen so gut wie gar nicht.“ Falls doch, dann eher durch Unfälle als durch Angriffe, etwa aufgrund der Notbremsung eines Busses. Die Gefährdung der Kontrolleure und Kontroleurinnen sei zudem stark vom Kontext abhängig. Im Umfeld eines Fußballspiels zwischen größeren Vereinen, bei dem mehr Menschen alkoholisiert führen, seien brenzlige Situationen häufiger als im regulären Fahrbetrieb, so Kantorek. Er nehme die Stimmung im ÖPNV jedoch insgesamt als rauer wahr: „Wenn die Kollegen jede Beleidigung zur Anzeige brächten, bräuchte es eine eigene Polizeiabteilung. “