Düsseldorf – Es beginnt zu regnen, und jemand nimmt einem einfach den Regenschirm weg – so ähnlich dürften sich viele Schülerinnen und Schüler in Nordrhein-Westfalen gefühlt haben, als nach den Herbstferien die Maskenpflicht im Unterricht aufgehoben wurde. Dabei war schon damals von kräftig steigenden Infektionszahlen die Rede.Nun haben gerade die Winterferien begonnen, und als man sich in den Klassen vergangene Woche frohe Weihnachten wünschte, trugen dabei alle einen Mund- und Nasenschutz. So schnell kassiert Corona vermeintlich gut gemeinte Entscheidungen der Politik wieder ein: Yvonne Gebauers Kampf für die Freiheit von der Maske hielt der Realität des Pandemiegeschehens exakt vier Wochen stand, vom 2. November bis zum 2. Dezember 2021.
Dauerproblem Digitalisierung
Das zweite Corona-Jahr in der Amtszeit der FDP-Politikerin als Bildungsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen geht zu Ende, und die Bilanz fällt kaum günstiger aus als Ende 2020. Sicher, es wurden Fortschritte bei der Digitalisierung erzielt, aber kann man wirklich von einem Erfolg sprechen, wenn bis Mitte des Jahres noch nicht einmal 40 Prozent des für NRW bereitstehenden Gesamtbudgets von 1,4 Milliarden Euro aus dem Digitalpakt des Bundes abgerufen waren? Auch zum Jahresende ist die Quote bei weitem nicht ausgeschöpft, was nicht zuletzt an bürokratischen Hindernissen im Zusammenspiel von Bund, Ländern und Kommunen liegt – also auch an mangelnder Lenkungskraft der Politik. „Wir sind nach fast zwei Jahren Pandemie nur im Schneckentempo unterwegs“, stellt Andreas Bartsch fest, Präsident des Lehrerverbands in NRW. „Und das heißt auch, dass ein möglicher Digitalunterricht nicht optimal laufen kann. Hier ist viel Zeit vertan worden.“
Grimms Märchen
Im Oktober blamierte sich ausgerechnet die Schulministerin mit einer Äußerung zu Grimms Märchen vom Hasen und vom Igel – sie sei nicht sicher, sagte Gebauer, dass stets der Hase gewinne. Stimmt. Der alerte Hase gewinnt aufgrund der List des Igels und dessen Frau kein einziges Mal, und ein wenig trifft das auch auf den Wettlauf Yvonne Gebauers mit dem stachligen Coronavirus zu. Vor allem in der Frage der Maskenpflicht. Da hat sie Vertrauen verspielt, und gerade Vertrauen ist eine wichtige Währung, auf die sie jedes Mal vor Corona-Entscheidungen in Konsultationen mit Lehrer-, Eltern- und Schülerverbänden sowie den Gewerkschaften setzt. 2021 wollte sie sich nicht noch einmal den Vorwurf gefallen lassen, die Beteiligten am Schulleben aufgrund mangelnder Kommunikation mit Überraschungen zu konfrontieren.
Leitbild Präsenzunterricht
Dabei gibt es durchaus ein Leitbild in ihrer Corona-Politik, einen Kernbegriff, den sie sich auch angesichts massiver Schul-Lockdowns immer klarer herausgebildet hat: Heimunterricht, der Eltern wie Kinder und Jugendliche die eigenen vier Wände verfluchen ließ, Schulaufgaben, die aufgrund mangelhafter digitaler Plattformen das Mail-Postfach verstopften, wenn sie überhaupt elektronisch übermittelt werden konnten – das war keine tragfähige Alternative zur Anwesenheit in der Schule, und so avancierte das Wort „Präsenzunterricht“ zu Yvonne Gebauers Mantra im Jahr 2021, auch im Kreise der Kultusministerkonferenz, wo sie sich als beharrliche Streiterin gegen die allzu rasche Rückkehr zu Wechsel- oder Distanzmodellen profilierte.

Kinder auf dem Weg zur Schule.
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Auch die psychosozialen Tribute, die Corona fordert, spielen in ihren Überlegungen eine Rolle. Dass Schülerinnen und Schüler zumal aus sogenannten bildungsfernen Haushalten dem Unterricht tatsächlich ganz fernbleiben, dass es zu Depressionen, sozialen Ängsten und Zukunftssorgen unter Jugendlichen und Kindern kommt, dass Therapeuten und Jugendpsychiatrien überlaufen sind, dass die junge Generation Opfer zum Schutz der Älteren gebracht hat – all das ist Gebauer bewusst, und sie hat 2021 mit Förderprogramm dagegen angekämpft, auch wenn viele weiteren Bedarf einklagen. Xueling Zhou, Sprecherin der Landesvertretung der Schülerinnen und Schüler in NRW, kritisiert, „dass die Landesregierung nicht mehr Maßnahmen zur psychischen Gesundheit und zum allgemeinen Schutz vor Corona an Schulen ergriffen hat.“ Noch immer fehle es zum Beispiel an Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern.
Intensive Teststrategie
Bei der Vorsorge gegen explodierende Infektionszahlen setzte Gebauer 2021 – durchaus mit Erfolg – auf eine intensive Teststrategie, inklusive teurer Lolli-Tests für Grund- und Förderschulen. „Durch die strikten Testungen wirken unsere Schulen in der Pandemie wie ein Hygienefilter für Kinder und Jugendliche. Durch die strengen Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen und das engmaschige, strikte Testsystem tragen die Schulen dazu bei, das Infektionsgeschehen zu kontrollieren und die Verbreitung des Coronavirus zu bremsen.“ So lobte sich Gebauer selbst für ihre Strategie und zog mit solchen Äußerungen prompt den Vorwurf auf sich, die Zahl der Neuansteckungen zu verharmlosen und überhaupt die Rolle der Schule im Infektionsgeschehen zu ignorieren und die Belastungen gerade auch des Lehrpersonals herunterzuspielen. Wie zuverlässig ist eine Bildungsministerin, die mitten in der Krise nicht allein die Maskenpflicht aufhebt, sondern ausgerechnet einen sozialen Schmelztiegel wie die Schule auch noch zum Hort der Corona-Hygiene erklärt?Zumal andere Mittel wie Luftfilter immer noch nicht die Verbreitung in den Schulen gefunden haben, die man ihnen etwa in einem Gebäude wie dem Düsseldorfer Landtag einräumt. Die „Elterninitiative mobile Raumluftfilter" bezeichnete die Politik der Landesregierung im Herbst, am Beginn der kälteren Jahreszeit also, als „Kurs der Durchseuchung“. Realistisch müsse man bei den Luftfiltern mit einer Lieferzeit von drei Monaten rechnen.
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Als Armin Laschets Kabinett 2017 die Arbeit aufnahm, war es nicht zuletzt die Bildungspolitik, die viele für den Wahlsieg von Schwarz-Gelb über die rot-grüne Vorgängerregierung verantwortlich machten. Dass Corona auch dieses Politikfeld überschatten würde, war da noch nicht abzusehen, doch auch im Jahr 2021 konnte Gebauers Ministerium Projekte jenseits der Pandemiebekämpfung realisieren – die Einführung des Faches Wirtschaft etwa mit heftig kritisierten Folgen für die Lehramtsausbildung, die Vorbereitung auf die Rückkehr zu G 9 mittels Umschichtung von Lehrerstellen, oder die Verabschiedung des neuen Schulgesetzes, das auf größere Autonomie der Schulen zielt. Gegen den gravierenden Lehrkräftemangel hat NRW hingegen immer noch kein Mittel gefunden. Doch gemessen wird die Bildungspolitik in Nordrhein-Westfalen und diejenige, die sie zu verantworten hat, ohnehin derzeit vor allem an der Bekämpfung der Pandemie. Und den vielen Zweifeln daran.



