Abo

Fünf Szenarien für die ZukunftWas kommt nach dem Neun-Euro-Ticket?

5 min
9 Euro Ticket 290522

Das 9-Euro-Ticket.

Berlin – 16 Millionen Mal wurde das 9-Euro-Ticket bisher verkauft. Der große Erfolg zeigt, dass günstige Modelle für den Nahverkehr zwingend notwendig sind. Doch wie geht es ab September weiter, wenn das 9-Euro-Ticket ausläuft? Fünf mögliche Szenarien, wie sich Deutschland ab Herbst aufstellt.

1. Modellregionen mit kostenlosem oder günstigem ÖPNV

Schon jetzt gibt es einzelne Regionen, die in Deutschland Vorreiter beim preiswerten ÖPNV sind. Doch ein Gesamtkonzept fehlt. Mit der Diskussion um das 9-Euro-Ticket und Anreizen, vom Auto auf Busse und Bahnen umzusteigen, ergibt sich aber die Chance, über neue Modelle nachzudenken.

Viele Regionen wollen ein günstiges Ticket anbieten, können jedoch nicht die finanziellen Mittel dafür aufbringen. Weil positive Effekte bisher kaum bekannt sind oder Erfahrungen aus anderen Ländern und Städten, etwa Luxemburg oder Tallinn und Wien, nicht vergleichbar sind, scheuen viele Regionen das Risiko. Es läge am Bund, hier tätig zu werden und durch Förderungen und das Einrichten von Modellprojekten die Verkehrsverbünde zu unterstützen.

Aktuell hat die Bundesregierung zwar zwölf Regionen zu Modellprojekten zur Stärkung des ÖPNV ausgewählt, die im Rahmen des Klimapakets Geld erhalten. Doch bei den meisten handelt es sich um eine grundsätzliche Ausrichtungen der Verkehrsverbünde, etwa Investitionen in Digitalisierung, Taktverdichtungen und neue Mobilitätsstationen. Der Ticketpreis spielt in diesem Fall kaum eine Rolle – nur drei der Projekte erwähnen angepasste Tarifmodelle in ihrer Bewerbung. Zusätzliche Modellprojekte, in denen es um günstigen ÖPNV geht, fehlen aktuell – und könnten durch die Debatte um das 9-Euro-Ticket angeregt werden.

2. Das 9-Euro-Ticket wird verlängert

Die Linkspartei fordert, das 9-Euro-Ticket bis mindestens zum Jahresende zu verlängern, um Bürgerinnen und Bürger zu entlasten. Doch die Ampelkoalition hält davon offenbar nichts. Zwar sagte Grünen-Chefin Ricarda Lang der „Bild am Sonntag“, dass man über Folgeangebote diskutieren müsste, wenn viele Menschen wegen des 9-Euro-Tickets von Auto auf Bahn umsteigen. Doch eine Verlängerung des 9-Euro-Tickets sei eher unwahrscheinlich.So ist das 9-Euro-Ticket mit 16 Millionen verkauften Tickets zwar erfolgreich.

Das könnte Sie auch interessieren:

Doch gleichzeitig ist es für den Bund teuer (2,5 Milliarden) und nicht zu Ende gedacht. Obwohl mit dem Ticket vor allem Pendlerinnen und Pendler entlastet werden sollten, gilt das 9-Euro-Ticket nur in den Monaten Juni, Juli und August, wo Ferien sind und damit auch Reisezeit für den Sommerurlaub.Auswirkungen auf Pendlerinnen und Pendler im dreimonatigen Aktionszeitraum lassen sich deshalb kaum realistisch untersuchen. Stattdessen wird das 9-Euro-Ticket häufig von Menschen genutzt, die Ausflüge machen wollen. Das bringt die Bahn auf touristisch beliebten Strecken, etwa zwischen Berlin und Ostsee oder Stuttgart und Bodensee, an ihre Grenzen.

3. Das 365-Euro-Ticket kommt

Den ÖPNV für einen Euro am Tag nutzen – das ist eine Idee, die seit mehreren Jahren diskutiert wird und in einigen Städten Deutschlands und Österreichs, wie der Hauptstadt Wien, schon umgesetzt wurde oder wird. Baden-Württemberg will ab 2023 ein landesweites 365-Euro-Ticket für Menschen bis 21 Jahre sowie Schülerinnen und Schüler, Auszubildende, Studierende und Freiwilligendienstleistende bis zum 27. Geburtstag anbieten. Durch die Begrenzung der Zielgruppe wird damit vor allem der Schulweg günstiger. Menschen, die von und zur Arbeit pendeln, profitieren von diesem Ticket dagegen nicht.

Das 365-Euro wäre nicht nur eine finanzielle Entlastung, sondern auch eine Alternative zum eigenen Auto, wenn es über die Grenzen der Verkehrsverbünde und für alle Menschen eingeführt würde – und das flächendeckend. Wenn Menschen auf dem Weg zur Arbeit eine Verbundgrenze oder eine Landesgrenze überschreiten, braucht es dafür Lösungen.

Tickets, die für mehrere Verkehrsverbünde gelten, gibt es bereits – sie sind allerdings teurer: Die Tickets sind in der Regel nach dem Namen des Bundeslandes benannt, also NRW-Ticket oder Niedersachsenticket, kosten zwischen 24 und 45 Euro und sind für bis zu fünf Personen für einen Tag gültig – im gesamten Bundesland und manchmal sogar darüber hinaus. So ist im Saarlandticket der ÖPNV in Rheinland-Pfalz enthalten.

Wie kann das 365-Euro-Ticket funktionieren? Für viele Menschen ist es schon Entlastung, wenn innerhalb einer Stadt oder Region ein solches Ticket eingeführt wird. Damit langfristig mehr Menschen vom Auto auf den ÖPNV umsteigen, muss allerdings eine flächendeckende Lösung her. Es läge also an den Verkehrsverbünden, sich bei diesen Tickets abzusprechen – ohne Einschalten der Landesregierung wird das Vorhaben aber scheitern.

Nebst Absprachen und dem Festlegen von Bedingungen muss es dabei auch um die Finanzierung gehen. Zum Vergleich: Das Land Baden-Württemberg übernimmt 70 Prozent der Kosten am 365-Euro-Ticket für die junge Zielgruppe, was das Land in den ersten beiden Jahren 327 Millionen Euro kosten wird.

4. Bahnfahren wird teurer

Marode Schienen, alte Züge, Verspätungen und Kapazitätsengpässe bei Personal und Material: Vor allem bei der Deutschen Bahn hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass dringend Investitionen für Ausbau und Modernisierung benötigt werden. Während in Luxemburg jährlich 567 Euro pro Einwohnerin und Einwohner in die Schieneninfrastruktur investiert wird, sind es in Deutschland nur 88 Euro. Sollen künftig mehr Menschen öffentliche Verkehrsmittel statt das Auto nutzen, muss die Bahn massiv modernisieren und ausbauen – was zunächst einmal Geld kostet, das die Bundesregierung aufbringen muss.

Aber auch für gestiegene Energiepreise und Personalkosten wird zusätzlich Geld benötigt. Geld, das die Bahn und viele Verkehrsverbünde traditionell auf die Kundinnen und Kunden umlegen. Springen Bund und Länder hier nicht direkt ein, um die Mehrkosten zu decken, könnte nach dem 9-Euro-Ticket der Realitätsschock mit deutlich höheren Preisen kommen.

5. Zurück in den Mai

Ein denkbar ungünstiges und doch realistisches Szenario: Nach dem 9-Euro-Ticket ist vor dem 9-Euro-Ticket. Es passiert nichts. Auch wenn viel über die Zukunft des ÖPNV diskutiert wird, werden Vorhaben und Ideen immer wieder durch Finanzierungsfragen verworfen. Der Bund scheut Steuererhöhungen, um den ÖPNV damit zu subventionieren – auf diese Art finanziert Luxemburg den kostenlosen ÖPNV im gesamten Land. Können sich weiterhin nur Städte und kleinere Regionen durchringen, einigen wenigen Zielgruppen günstige Tickets anzubieten, steigt die Attraktivität des ÖPNV nicht.