Neueste StudienIst vegetarisch oder vegan essen für Kinder gesund?

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Kind vegetarisch

Sollten sich Kinder vegetarisch ernähren? 

Ist es eine gute Idee, wenn sich Kinder und Jugendliche fleischlos ernähren – oder ist das vielleicht sogar ungesund? Das haben US-amerikanische Forschende mit einer Studie untersucht, die vor wenigen Tagen im Fachmagazin „Pediatrics“ veröffentlicht wurde. An der Studie hatten fast 9000 Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und acht Jahren teilgenommen, wobei 250 der Kinder kein Fleisch aßen. Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verglichen Körpergröße und Gewicht der Kinder sowie deren Blutwerte an Eisen, Cholesterin und Vitamin D. Sie konnten dabei keinen Nährstoffmangel bei den vegetarisch ernährten Kindern feststellen.

Auch das Durchschnittsgewicht und die durchschnittliche Größe unterschied sich zwischen den Gruppen nicht. In der Gruppe der sich vegetarisch ernährenden Kinder gab es aber dennoch mehr Kinder mit Untergewicht. Das Studienergebnis ist nicht eindeutig: Da bei den kleinen Vegetariern und Vegetarierinnen kein Nährstoffmangel festgestellt wurde, könnte das Untergewicht auch ein Zufallsbefund gewesen sein.

DGE rät von veganer Ernährung bei Kind ab

Zudem hatte die Untersuchung eine Schwäche: Es wurde nicht danach unterschieden, ob die Kinder lediglich auf Fleisch verzichteten oder sich rein pflanzlich ernährten, also auch keine Eier und Milchprodukte aßen. Die beiden Ernährungsformen unterscheiden sich bei der Nährstoffzufuhr aber ziemlich deutlich. Gegen eine ausgewogene vegetarische Ernährung bei Kindern haben Experten und Expertinnen in der Regel nichts einzuwenden: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) befürwortet sie auf ihrer Website sogar. Eine vegane Ernährung empfiehlt sie hingegen bei Kindern und Jugendlichen, genau wie bei Schwangeren, Stillenden und Säuglingen ausdrücklich nicht.

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„Bei einer rein pflanzlichen Ernährung ist eine ausreichende Versorgung mit einigen Nährstoffen nicht oder nur schwer möglich“, heißt es in der Begründung der DGE. Kritisch werde es bei einer veganen Ernährung bei der Versorgung mit Vitamin B12. Das Vitamin ist wichtig für die Entwicklung des Nervensystems, die Bildung der roten Blutkörperchen und den Zellstoffwechsel. Bei einem Mangel kann es zu einer Anämie oder auch zu kognitiven Störungen kommen, wie eine norwegische Studie aus dem Jahr 2017 nachweisen konnte. Es kommt vor allem in tierischen Lebensmitteln wie Fleisch, Fisch, Eiern und Milcherzeugnissen vor.

Viele Tiere können Vitamin B12 in ausreichender Menge aus pflanzlicher Nahrung gewinnen: Bei Kühen und anderen Wiederkäuern zum Beispiel wird es von Mikroorganismen hergestellt, die im Magen der Tiere die Pflanzen verdauen. Im menschlichen Körper ist das nicht möglich. Die DGE warnt außerdem vor einem möglichen Mangel an Riboflavin und Vitamin D, Mineralstoffen wie Kalzium, Eisen, Jod, Zink, Selen, Protein und langkettigen n-3-Fettsäuren bei der veganen Ernährung.

Kalziumversorgung bei vegan versorgten Kindern besonders niedrig

Auch weitere Studien zur Ernährung von Kindern und Jugendlichen deuten darauf hin, dass vor allem bei einer veganen Ernährung Mangelerscheinungen auftreten könnten. Für die 2020 veröffentlichte Untersuchung Vegetarische und vegane Ernährung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland (VeChi-Youth-Studie), waren rund 400 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 19 Jahren untersucht worden: Diese hatten sich entweder nichtvegetarisch, vegetarisch oder vegan ernährt. Die Forschenden hatten Blut- und Urinproben der Teilnehmenden ausgewertet und deren Körpergröße und Gewicht verglichen.

Der Energiegehalt der aufgenommenen Nahrung war in allen drei Gruppen vergleichbar. In der Gruppe der vegetarischen und veganen älteren Jugendlichen wurden die empfohlenen Referenzwerte für Proteine jedoch nur knapp erreicht, besonders gering war die Proteinversorgung bei den Veganern und Veganerinnen. Die Gruppen nahmen ähnlich viele Kohlenhydrate und Fette zu sich, wobei sich aber deren Zusammensetzung unterschied: In der veganen Gruppe gab es eine besonders hohe Ballaststoffzufuhr und die Kinder und Jugendlichen aßen weniger zugesetzten Zucker und weniger als ungesund geltende gesättigte Fette, was positiv bewertet wurde.

In allen drei Gruppen gab es Teilnehmende, die nicht gut genug mit Riboflavin (Vitamin B2), Vitamin D und Jod versorgt waren. In der Gruppe der veganen Kinder und Jugendlichen war hierbei die Kalziumversorgung besonders niedrig, auch die Versorgung mit Vitamin B12 war schlechter als in den anderen Gruppen und konnte nur gedeckt werden, da die Studienteilnehmenden Vitamin B12 künstlich zu sich nahmen.

Kinder nicht zum Essen drängen

In einer anderen Studie vom UCL Great Ormond Street Institut für Kindergesundheit in Warschau, die 2021 im „American Journal of Clinical Nutrition“ veröffentlicht wurde, hatten vegan ernährte Kinder zwar bessere Blutfettwerte als eine Vergleichsgruppe von Kindern, die Fleisch und tierische Produkte aßen. Sie waren aber auch im Durchschnitt drei Zentimeter kleiner als diese, hatten eine niedrigere Knochendichte und dreimal häufigeren Vitamin-B12-Mangel als ihre Altersgenossinnen und -genossen.

Die Gesundheit sollte im Vordergrund stehen – allerdings stellt sich für Eltern auch die Frage, ob Kinder und Jugendliche selbst den Wunsch haben, Fleisch zu essen oder nicht. Der Verein ANAD, der Beratung bei Essstörungen bietet, rät generell davon ab, Kinder zum Essen bestimmter Lebensmittel zu drängen. Eltern, die sich unsicher seien, ob ein Essverhalten ihres Kindes gesund sei, sollten sich zunächst an ihren Kinderarzt oder ihre Kinderärztin wenden. Aber auch Verbote bestimmter Lebensmittel sind eher nicht sinnvoll. So warnt zum Beispiel die US-amerikanische klinische Psychologin Wendy Mogel in einem Elternratgeber davor, dass Kinder Essstörungen entwickeln könnten, wenn Eltern deren Ernährung zu streng überwachen. Es sei vor allem problematisch, moralische Kategorien wie gut oder böse auf bestimmte Lebensmittel anzuwenden.

Sollten sich Kinder oder Jugendliche dennoch vegan ernähren, rät die DGE wie auch bei Erwachsenen in jedem Fall dazu, dauerhaft ein Vitamin-B12-Präparat einzunehmen und auf eine ausreichende Zufuhr weiterer Vitamine und Mineralstoffe zu achten und dabei wenn nötig angereicherte Lebensmittel und Nährstoffpräparate zu verwenden. „Dazu sollte eine Beratung von einer qualifizierten Ernährungsfachkraft erfolgen und die Versorgung mit kritischen Nährstoffen regelmäßig ärztlich überprüft werden“, so die DGE.

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