Kölner Stadt-Anzeiger · Community

Kommentare · 0

Abo

Kommentar

Nach zehn Pflichtspielen
Sehnsucht nach Balance steht beim 1. FC Köln an erster Stelle

Die Zwischenbilanz am Geißbockheim ist besser als ihr Ruf, dennoch wirkt das Kölner Spiel gefangen in der Vorsicht seines Trainers

Ein Kommentar von
René Wagner stellt sich der Herausforderung Bundesliga mit Fleiß, Akribie – und jeder Menge Vorsicht.

René Wagner stellt sich der Herausforderung Bundesliga mit Fleiß, Akribie – und jeder Menge Vorsicht.

Dass der Fußball am Geißbockheim in diesen Tagen eine zutiefst rationale Angelegenheit ist, entspricht dem Wunsch nach Kontrolle, um die Turbulenzen der Kwasniok-Ära hinter sich zu lassen. Der Wechsel von einem Trainerprofil zum anderen ist ein gutes Beispiel für die Kölner Neigung, stets von einem Extrem ins nächste zu wechseln.

Am Sonntag spielten die Kölner bei Union Berlin; einer Mannschaft, die sie fünf Tage zuvor 5:0 geschlagen hatten. Zwar im eigenen Stadion, was angesichts der Berliner Heimstärke von Bedeutung ist. Dennoch wirkte es nicht folgerichtig, dass sie eine vorsichtigere Aufstellung wählten als im DFB-Pokal.

Trainer René Wagner steht für Akribie, für ständiges Abwägen – und das Meiden jeden Risikos. Doch Wagners Fleiß hat auch eine Rückseite: Einerseits verhilft er der Mannschaft zu einer Struktur, die in Phasen der Unsicherheit Halt geben kann. Andererseits beraubt der fehlende Wagemut das Kölner Spiel seiner unberechenbaren Momente.

Im modernen Fußball, der regelmäßig im Ballgeschiebe erstarrt, braucht es neben dem kühlen Strategen eben auch jenen Funken noch so gerade kontrollierten Irrsinns, der ein zum Stehen gekommenes Spiel kippen lässt. Doch ein Trainer, der sich vor dem Anpfiff die eine Umdrehung zu viel Gedanken macht, stellt die Balance über das Chaos. Das schützt zwar vor Fehlern, verhindert aber die Entstehung kreativer Freiräume. Wagners Projekt am Standort Köln wird schwerlich an mangelndem Wissen scheitern – sondern vielmehr an der Furcht vor dem Kontrollverlust, wenngleich Wagner weit davon entfernt ist, in Köln gescheitert zu sein.

Mit neun Punkten aus acht Spielen und dem Erreichen des Pokal-Achtelfinals ist die Kölner Zwischenbilanz besser als die öffentliche Einschätzung von Wagners Wirken. Dass der Trainer aber auch nach einem gewonnenen Derby und einem 5:0-Triumph im Pokal noch immer so abhängig von Resultaten ist wie am ersten Tag, gilt als ausgemacht. Der Wunsch, unabhängig von der öffentlichen Meinung agieren zu können, ist beim 1. FC Köln Teil der DNA. Ein Verein dieser Größe ist jedoch nie ganz unabhängig von der Stimmung, die im Umfeld herrscht. Der Klub muss sich hinterfragen lassen.

Das Personal steht zur Verfügung

Dabei mangelt es dem Trainer nicht an den passenden Akteuren, um mutiger spielen zu lassen. Mikey Moore und Said El Mala verkörpern jenes Element, das die Ordnung des Gegners aufzubrechen vermag. Nun gesellt sich mit dem zweiten El-Mala-Bruder eine weitere Option für die vorderste Reihe hinzu. Der junge Angreifer benötigt die ungeteilte Unterstützung und das Vertrauen des Vereins, um seine Entwicklung fortzusetzen und dem Kollektiv zu helfen. Dann könnte er schon bald ein regulärer Bestandteil der Kölner Offensivoptionen sein.

Es wird maßgeblich an René Wagner liegen, seine Mannschaft zu jenem kreativen Wagnis zu ermutigen, das im entscheidenden Moment den Impuls setzt. Für die anstehenden Partien gegen Leverkusen und den FC Bayern werden die Kölner jedenfalls neben einem guten Plan vor allem eines brauchen: Mut.