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160.000 MitgliederLoyalität zum 1. FC Köln lässt sich „nicht einfach durch Tabellenplätze erklären“

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Philipp Liesenfeld, seit Mai 2025 Geschäftsführer Marketing/Vertrieb des 1. FC Köln

Philipp Liesenfeld, seit Mai 2025 Geschäftsführer Marketing/Vertrieb des 1. FC Köln

Der 1. FC Köln hat 160.000 Mitglieder – 20.000 mehr als vor 16 Monaten. Geschäftsführer Philipp Liesenfeld spricht über neue Entwicklungen.

Die Spannung war spürbar, der Druck auf der Mannschaft des 1. FC Köln vor dem Heimspiel gegen Mainz 05 (2:1) enorm. Da ging am vergangenen Samstag beinahe unter, dass vor dem Anpfiff eine Ehrung stattfand, die den bisherigen Höhepunkt einer Entwicklung untermauerte, die den Klub seit einigen Jahren prägt, die aber zuletzt noch einmal rasant Fahrt aufnahm: FC-Präsident Jörn Stobbe begrüßte mit Tanja Kostyra aus Swisttal das bereits 160.000. Mitglied des Vereins. Damit überschritt der Traditionsklub erneut einen Meilenstein, der die Stellung des FC als einen der mitgliederstärksten Fußballvereine der Welt manifestierte.

„Das ist tatsächlich eine beeindruckende Zahl“, sagt Philipp Liesenfeld, Geschäftsführer Marketing/Vertrieb beim FC. Der Blick zurück zeigt, wie dynamisch sich der Verein entwickelt hat: Im August 2023 zählte der FC rund 130.000 Mitglieder, im September 2024 waren es 140.000, im Frühjahr 2025 bereits 150.000. Nun, zu Beginn des Jahres 2026, ist die Marke von 160.000 erreicht. „Die Entwicklung wirkt umso eindrucksvoller, wenn man bedenkt, aus welcher Lage wir gekommen sind“, betont Liesenfeld.

Abstieg 2024, Transfersperre, eine Saison 2. Bundesliga, unruhige Zeiten trotz des direkten Wiederaufstiegs – „dass der Verein in dieser Phase Stabilität und Wachstum vereint hat, ist alles andere als selbstverständlich“, meint der 39-Jährige, der bereits seit 2012 beim FC arbeitet und seit Mai 2025 als Nachfolger von Markus Rejek als Geschäftsführer tätig ist.

Die Entwicklung wirkt umso eindrucksvoller, wenn man bedenkt, aus welcher Lage wir gekommen sind.
FC-Geschäftsführer Philipp Liesenfeld über rasant steigende Mitgliederzahlen

Für Liesenfeld ist der Mitgliederzuwachs nicht allein sportlich zu erklären: „Die Entwicklung folgt in Köln nicht eindimensional dem sportlichen Erfolg.“ Gerade in schwierigen Phasen zeige sich eine besondere Loyalität. „Viele Menschen verspüren dann den Impuls, den Klub aktiv zu unterstützen.“ Der FC sei für viele mehr als ein Verein. „Er ist ein kultureller Bezugspunkt. Eine Identität, die man nicht einfach durch Tabellenplätze erklären kann.“

Noch Potenzial in der Stadt Köln

Eine einzelne Kampagne, eine kurzfristige Aktion als Auslöser für den Anstieg sieht Liesenfeld nicht: „Der Effekt entsteht durch unsere fortlaufende Mitgliederkampagne über das Jahr hinweg.“ Von den 160.000 Mitgliedern leben aber nicht einmal ein Viertel in der Millionen-Metropole Köln – rund 40.000. Hier gibt es Wachstumspotenzial. „Wir hören sehr häufig: Ich bin Kölner – da stellt sich nicht die Frage, ob ich FC-Fan bin“, sagt Liesenfeld. Besonders emotional ist die lebenslange Mitgliedschaft, für die sich rund 2500 Menschen entschieden haben. „Damit sind wir nach meinem Kenntnisstand führend in Deutschland“, sagt Liesenfeld.

Was die Gesamtmitgliederzahl angeht, sind neben der Weltmarke FC Bayern München (432.500) Borussia Dortmund (238.000) und Schalke 04 (204.000) dem FC noch ein gutes Stück voraus, der aber aufgeholt auch einige andere Bundesligisten klar abgehängt hat – beispielsweise Erzrivale Borussia Mönchengladbach, der aktuell 110.000 Mitglieder aufweist.

Eine konkrete Zielmarke wie 200.000 gibt der FC dennoch bewusst nicht aus. „Wir setzen auf stetiges, glaubwürdiges Wachstum“, sagt Liesenfeld. Die Erfahrung zeige, dass mehr als 10.000 neue Mitglieder pro Jahr realistisch seien. In den vergangenen Monaten wurde diese Zahl aber pulverisiert, allein vom Frühjahr 2025 bis Anfang Januar wuchs die „FC-Familie“ (Liesenfeld) um mehr als 10.000 Mitglieder.

Auch wirtschaftlich spielt die Mitgliedschaft eine Rolle. Der durchschnittliche Jahresbeitrag liegt bei etwa 58 Euro. „Es ist ein wesentlicher Umsatzblock, aber kein zweistelliger Millionenbetrag“, ordnet Liesenfeld ein. Entscheidend sei vor allem, dass die Beiträge insbesondere in den Nachwuchs fließen. „Das erklären wir auch offensiv, weil es für viele ein wichtiger Grund ist, Mitglied zu werden.“

Björn Stobbe, Präsident des 1. FC Köln, begrüßt vor dem Heimspiel gegen Mainz das 160.000 Mitglied des Vereins, Tanja Kostyra (45) aus Swisttal

Von einem kurzfristigen „Boom“ rund um den FC möchte Liesenfeld dennoch nicht sprechen. „Der Begriff klingt nach Euphorie“, sagt er. „Was wir sehen, ist eine stabile, tiefergehende Entwicklung.“ Diese zeige sich auch in anderen Bereichen: hohe Ticketnachfrage, historische Trikotverkäufe. Wie beim „Dom-Trikot“. Das Ausweichtrikot, das erst im August auf den Markt gebracht worden war, bricht alle Rekorde. Bis zum Ende der Saison sollen deutlich über 50.000 verkauft werden. „Das Dom-Trikot hat eine Geschichte erzählt“, sagt Liesenfeld. „Wir haben nicht nur ein Produkt verkauft. Wir haben ein Gefühl transportiert.“ Die Resonanz habe selbst intern überrascht. „Das zeigt, wie stark dieses Motiv hier verankert ist.“

42.000 auf Dauerkarten-Warteliste

Sollte sich künftig mal nachhaltiger sportlicher Erfolg einstellen, hält er das Potenzial des FC für enorm. „Unser Umsatz liegt – je nach Ligazugehörigkeit – zwischen 140 und 170 Millionen Euro. Mit sportlicher Stabilität könnte der Standort sein volles Potenzial entfalten.“

Die emotionale Bindung zeige sich auch beim Thema Stadion, das mit 50.000 Zuschauern stets ausverkauft ist: Rund 42.000 Fans stehen aktuell auf der Warteliste für Dauerkarten, die der Klub seit Jahren auf 25.500 deckelt. Maßnahmen wie die Kündigung kaum genutzter Dauerkarten seien daher notwendig gewesen. „Eine Dauerkarte ist kein abstraktes Recht, sondern ein Platz, den viele Menschen gerne hätten“, sagt Liesenfeld. Gekündigt wurde aber gerade einmal 160 Dauerkarten-Inhabern.

Zwischen Sportwetten und klassischen Glücksspielanbietern gibt es Unterschiede in Wahrnehmung und gesellschaftlicher Einordnung. Wir haben für uns entschieden, dass die Partnerschaft nicht mehr zu unserem Weg passt.
Liesenfeld über das Ende der Zusammenarbeit mit dem Glücksspielunternehmen Merkur

Beenden wird der FC im Sommer die umstrittene Partnerschaft mit der Merkur AG (vorher Gauselmann AG), die der Klub im August 2023 eingegangen war und die sofort zum Reizthema wurde. Es hagelte Kritik aufgrund der Kooperation mit dem Glücksspielunternehmen aus Espelkamp. Der auslaufende Vertag wird nun nicht verlängert. „Das ist dem Partner gegenüber offen kommuniziert. Die Entscheidung ist kein Bruch, sondern eine bewusste Neuorientierung. Es geht nicht darum, einzelne Branchen grundsätzlich auszuschließen. Sportwetten sind seit Jahrzehnten Teil der Bundesliga, präsent in Stadien, auf TV-Banden, in digitalen Kanälen. Aber zwischen Sportwetten und klassischen Glücksspielanbietern gibt es Unterschiede in Wahrnehmung und gesellschaftlicher Einordnung. Wir haben für uns entschieden, dass die Partnerschaft nicht mehr zu unserem Weg passt“, sagt Liesenfeld.

Die Ehrung vor dem Kölner Spiel gegen Mainz passte somit ins Gesamtbild. Es war mehr als eine Zahl. Es war ein auch weiteres Zeichen dafür, wie sehr der FC trotz mäßigen sportlichen Erfolgs einen Boom erlebt – auch wenn Liesenfeld das Wort selbst nicht in den Mund nimmt.