Der 1. FC Köln bleibt in der Ersten Bundesliga – sollte nicht noch Unglaubliches geschehen. Das liegt auch an der Besonnenheit im Klub.
FC praktisch gerettetEin Erfolg der Seriosität am Geißbockheim

René Wagner, beobachtet von Vizepräsident Ulf Sobek und Geschäftsführer Thomas Kessler.
Copyright: IMAGO/Jan Huebner
Fußballfans sind skeptisch. Daher dauerte es am Sonntagabend ein wenig, ehe die Erleichterung in der Gefühlswelt des 1. FC Köln ankam. Dabei stand mit Schlusspfiff der Partie des VfL Wolfsburg in Freiburg fest: Nach menschlichem Ermessen wird Köln in dieser Saison nicht mehr absteigen können. Sechs Punkte sind noch zu vergeben, sechs Punkte beträgt der Kölner Vorsprung auf die Verfolger Wolfsburg und St. Pauli. Der 1. FC Heidenheim ist seit dem Wochenende ohnehin entscheidend distanziert.
Selbst für den Fall, dass Wolfsburg oder St. Pauli noch nach Punkten gleichziehen könnten, müssten sie dabei 20 (St. Pauli) beziehungsweise 17 Tore aufholen. Weil Fußballfans aber nicht nur skeptisch, sondern auch wahnsinnig nachtragend sind, kamen gleich Erinnerungen hoch an den letzten Spieltag der Saison 1977/78. Damals ging der FC mit einer um zehn Tore besseren Tordifferenz ins Fernduell um die Deutsche Meisterschaft mit Mönchengladbach. Borussia Dortmund ließ sich damals von Mönchengladbach 0:12 abschießen. Doch die Kölner gewannen ihrerseits 5:0 beim FC St. Pauli – und retteten drei Tore Vorsprung ins Ziel.
So eng dürfte es diesmal kaum werden. Am Sonntag hat der FC zum Abschluss des vorletzten Spieltags die Möglichkeit, sich im Heimduell mit dem Tabellenletzten Heidenheim auch der letzten Fragen zu entledigen. Es wäre der schöne Abschluss einer nicht immer schönen Saison. Das erste Jahr nach dem euphorielosesten Wiederaufstieg der Klubgeschichte war eines, das vor allem dazu diente, Zeit zwischen Zweitliga-Vergangenheit und Erstliga-Gegenwart zu legen. Denn Zeit ist Geld, mit jedem Jahr Erstligazugehörigkeit verbessern die Kölner ihre Position in der Rangliste, nach der die Verteilung der Medieneinnahmen geregelt ist. Der Verbleib in der Liga bedeutet für Köln Planungssicherheit und die Chance auf Wachstum.
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Die Saison zeigt auch, was seriöse Planung und ein gutes Fehlermanagement bedeuten. Der ehemalige Kölner Trainer Lukas Kwasniok hatte mehrfach erklärt, es brauche zehn Siege, um in der Liga zu bleiben. Am Sonntag war Köln mit sieben praktisch gerettet. Weil an der Spitze so überragend gepunktet wurde und im Keller praktisch gar nicht, werden in dieser Saison 32 Punkte und ein ordentliches Torverhältnis genügen, um das Saisonziel zu erreichen. Auch das ist eine Folge der Übermacht des FC Bayern, der dem Rest der Liga kaum Punkte lässt.

Lukas Kwasniok und Thomas Kessler nach dem 3:3 des 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach im März, Kwasnioks letztem Spiel als FC-Coach.
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Das gute Torverhältnis war ebenfalls ein Ausweis der Kölner Seriosität: Keinmal erlebte der Aufsteiger in diesem Jahr einen völligen Abschuss, nie stand der FC auf einem Abstiegsplatz. Das ist eine Qualität, neigte der Klub doch in der jüngeren Vergangenheit dazu, sich auf seinen scheinbar so ausgereiften Plan zu verlassen und auch in Spiele gegen Spitzenmannschaften mit der Überzeugung zu gehen, es einfach mal drauf ankommen lassen zu können. Immer wieder gab es anschließend zwar Komplimente und Schulterklopfer der gegnerischen Trainer – aber eben auch deutliche Niederlagen. Manchmal ist Mut eben keine Tugend, sondern Dummheit.
Erfolgreich ist, wer nichts Dummes tut
Dumm war der FC in dieser Saison nicht, womit das Erfolgsrezept bereits skizziert wäre: Denn in der Bundesliga geht in jeder Saison ein derartiger Geldregen über den Profiklubs nieder, dass man schon sehr viel falsch machen muss, um zu versagen wie etwa der 1. FC Köln in der Saison 2023/24. Die in der Frankfurter DFL-Zentrale verhandelten TV-Einnahmen, dazu das Ticketing, das sich am Standort Köln von selbst erledigt. In Kombination mit einer klugen Vermarktung ist es nicht schwierig, einen Etat für die Profimannschaft aufzustellen, mit dem eine Erstligasaison sportlich konkurrenzfähig zu bestreiten ist. Da genügt es schon, die ganz großen Dummheiten auszulassen.
Thomas Kessler hat aus seinen Möglichkeiten Bemerkenswertes geschaffen. Dabei war sein Start nicht leicht: Er wäre nicht der erste Sportchef gewesen, der an der Aufgabe scheitert, einen Zweitligakader nach dem Aufstieg neu aufzustellen. Zumal er nicht nur die personellen Fehlplanungen seines Vorgängers zu bewältigen hatte. Sondern auch die Folgen der Transfersperre. Hätte im vergangenen Sommer jemand vorhergesagt, der 1. FC Köln würde am 32. Spieltag bei Union Berlin mit der Viererkette Sebulonsen, Özkacar, Simpson-Pusey und Lund spielen – die Gegenfrage wäre gewesen: Was sind das für Leute?

Das aktuelle Trainerteam beim 1. FC Köln: Armin Reutershahn, Lukas Sinkiewicz und René Wagner (v.l.)
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Nach dem holprigen Aufstieg hatte zwar Einigkeit darüber geherrscht, dass der Kölner Kader an allen Ecken und Enden neu würde aufgestellt werden müssen. Die tatsächliche Tragweite des Umbaus war dann aber massiver als erwartet. Es wurde massenhaft Kaderarbeit erledigt. Und doch bleibt in diesem Sommer viel zu tun für Thomas Kessler. Schon vor einem Jahr musste der Sportchef eine Entscheidung treffen, die ihm nun wiederbegegnet: Friedhelm Funkel hatte spät in der Saison die Verantwortung übernommen und die Mannschaft über die Ziellinie geführt. Diesmal war es René Wagner, der den Klassenerhalt lieferte und wie Funkel nun gern bleiben würde. Zwar liegen die Leerstellen des Fußballlehrers René Wagner an ganz anderen Stellen als die seines Vor-Vorgängers Funkel. Doch hat auch der 37-Jährige welche: Die fehlende emotionale Verfügbarkeit des jungen Sachsen bedeutet ein Defizit, und es wäre charmant, würde Wagner dieses Defizit durch taktische Wundertaten und mithin unerwartete sportliche Erfolge ausgleichen.
Das war jedenfalls die Hoffnung, als der zurückhaltende Fachmann auf seinen Chef Lukas Kwasniok gefolgt war, einen Mann, der dem FC einen Sommer des Aufbruchs beschert hatte, dann aber an Dingen gescheitert war, die mehr in seiner Persönlichkeit als in seinem Fachwissen liegen.
Bei Wagner könnte es ebenfalls an der emotionalen Ausgewogenheit fehlen, wenngleich am anderen Ende der Skala. Kwasniok hatte durch Unberechenbarkeit verloren, was Wagner durch Berechenbarkeit gewann: das Vertrauen der Mannschaft. Die Spieler wussten bei Wagner, wen sie vor sich hatten. Man fragt sich beinahe, warum Wagner und Kwasniok kein unschlagbares Team gebildet haben, in dem der eine die Schwächen des anderen ausgleicht. Doch die Inkompatibilität der Charaktere ging zu tief: Wagner sah es schlicht nicht als seine Aufgabe, seinen Chef in schwierigen Momenten vor sich selbst zu schützen.
Kesslers verlorene Wette
Kessler wusste um Kwasnioks Themen – und ließ sich dennoch darauf ein, in der Überzeugung, das lasse sich moderieren. Diese Wette hat er verloren – und war anschließend stark genug, das einzugestehen und zu handeln, als Kwasnioks Verhältnis zur Mannschaft zerrüttet war. Zu einem Zeitpunkt, zu dem der Tabellenstand ihm eigentlich noch keine Entscheidung aufzwang. Das macht gutes Management aus, und wie Kessler bereits bei Funkel und Kwasniok pragmatisch handelte, wird er auch in diesem Sommer eine klare Entscheidung treffen.
Zwei Spiele sind noch zu absolvieren, und es ist nicht ausgeschlossen, dass René Wagner dem Kölner Heimpublikum am Sonntag einen riesigen Abschlusssieg über dann womöglich schon abgestiegene Heidenheimer beschert und anschließend im letzten Spiel den FC Bayern in der Allianz-Arena schlägt, um auf einer Welle der Euphorie in den Sommer zu gleiten. Doch gibt es nach einem Sieg aus zuletzt fünf Partien kaum Hinweise darauf, dass diese Saison diese Art von Ende nehmen könnte. Auch das scheint Kessler zu spüren.
Kessler ist nach wie vor auf Trainersuche, das hat er stets transparent kommuniziert. Dabei hat er nicht ausgeschlossen, dass diese Suche erneut bei René Wagner enden könnte. Allerdings hat Wagner die Chance verpasst, seine Position entscheidend zu beeinflussen. Statt in den Augen der Fans zu dem Mann zu werden, der nach außen wenig kommuniziert und emotional kaum greifbar ist, dafür aber zum Spieltag jeweils aus seinem Fußballlabor steigt, um Köln von einem sportlichen Triumph zum nächsten zu führen, ist er der Mann, der in Berlin ungeschickt wechselt und einen 2:0-Vorsprung verspielt – und damit den Nachweis seines taktischen Fingerspitzengefühls schuldig bleibt, das sein öffentliches Kapital war. Das ist im Profifußball womöglich zu wenig, um sich eine Basis als Cheftrainer zu schaffen. Auch bei Thomas Kessler.
Der Erfolg des 1. FC Köln in dieser zwischenzeitlich zähen und nur selten fröhlichen Saison ruht auf Kesslers Fähigkeit, ruhig und solide zu managen – auf einem offensichtlich intakten Verhältnis innerhalb der Geschäftsführung mit Kessler, Philipp Liesenfeld und Sprecher Philipp Türoff. Und auf einem seit dem Herbst amtierenden Vorstand, der den operativ Verantwortlichen mit Rat, Tat und Freiraum die Möglichkeit gibt, aus vielen guten Entscheidungen ein intaktes Ganzes entstehen zu lassen.
So zu handeln, bedeutet nach Jahren voller Missmanagement und ungeklärter Zuständigkeiten eine gute Grundlage, auf der die Kölner nun etwas angehen können, was sich mehr nach Erfolg anfühlt als eine faktische Rettung am 32. Spieltag. Kontinuität auf der Trainerposition wäre ein logischer nächster Schritt – wobei Kontinuität kein Name ist, sondern ein Prinzip. Ob diese neue Stabilität vor zwei Monaten mit Wagner begonnen hat oder erst in diesem Sommer mit seinem Nachfolger ihren Anfang nehmen wird, bliebe davon unberührt. Mit welchem Trainer die Kölner dieses stabile Zeitalter einläuten wollen, wird eine der entscheidenden Fragen dieses Sommers sein.

