Borussia-Präsident Rainer Bonhof spricht im Interview mit dem KStA über die Situation in Mönchengladbach, das Derby in Köln und die WM-Debatte.
Gladbachs Präsident Bonhof im Interview„Abstiegskampf haben wir nicht erwartet“

Rainer Bonhof, Präsident von Borussia Mönchengladbach.
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Herr Bonhof, das Derby gegen den 1. FC Köln steht an – und beide Vereine kämpfen gegen den Abstieg. Wie groß ist der Druck?
Rainer Bonhof Druck im klassischen Sinne spüre ich nicht – wir haben schließlich alles in der eigenen Hand. Wir gehen das Spiel so an wie jedes andere. Die Vorbereitung läuft konzentriert, strukturiert, mit klarem Fokus auf unsere Aufgaben. Natürlich ist allen Beteiligten bewusst, welche Bedeutung dieses Derby hat – auch wegen der Tabellensituation. Wir versuchen, uns davon nicht beeinflussen zu lassen, sondern die Situation sportlich anzunehmen und mit der nötigen Klarheit anzugehen.
Aber ist das Derby nicht mehr als nur ein Prestigespiel – vielleicht sogar ein Schlüsselspiel im Abstiegskampf?
Es hat ohne Zweifel einen besonderen Stellenwert, allein schon durch die Rivalität und die Emotionen, die damit verbunden sind. Das weiß jeder. Trotzdem sollte man es nicht überbewerten. Nach diesem Spiel folgen weitere, in denen ebenfalls wichtige Punkte zu vergeben sind. Insofern ist es ein wichtiges Spiel, aber nicht das allein entscheidende.
Was wird den Ausschlag geben?
In einem Derby ist die Bereitschaft, den Kampf anzunehmen, immer die Grundvoraussetzung. Darüber hinaus wird es darauf ankommen, dass wir unsere spielerischen Möglichkeiten nutzen. Über Einsatz allein gewinnt man kein Spiel. Die Mischung aus Intensität, Disziplin und fußballerischen Lösungen wird entscheidend sein.
Hat Ihre Mannschaft die Brisanz verinnerlicht?
Davon bin ich überzeugt. Wir haben Spieler im Kader, die solche Spiele kennen und wissen, was auf sie zukommt – auf dem Platz wie im Umfeld. Diese Erfahrung geben sie in der Mannschaft weiter. In der Kabine wird klar besprochen, welche Bedeutung dieses Spiel hat, sodass jeder entsprechend vorbereitet ist.
1. FC Köln im Derby gefordert
Da für beide Klubs viel auf dem Spiel steht: Gibt es deshalb wieder größere Sicherheitsbedenken rund um das Derby?
Es hat in der Vergangenheit Vorfälle gegeben, die man sich nicht wünscht. Es ist schade, dass wir überhaupt darüber sprechen müssen. Solche Vorfälle sollte es nicht geben – weder theoretisch noch praktisch. Ein Derby sollte ein sportliches Ereignis sein, bei dem die Rivalität auf dem Platz ausgetragen wird.
Ihrer Borussia gelang zuletzt ein wichtiger Heimsieg gegen St. Pauli. Wie ernst schätzen Sie die Lage im Tabellenkeller dennoch ein?
Die Tabelle ist eng, das ist offensichtlich. Wir müssen uns aktiv dagegen wehren, weiter nach unten zu rutschen. Es geht darum, die Situation anzunehmen, entsprechend aufzutreten und Punkte zu holen.
Hätten Sie zu Saisonbeginn erwartet, dass Gladbach überhaupt in dieser Lage ist?
Nein, das haben wir in dieser Form nicht erwartet. Aber das zeigt, wie ausgeglichen die Liga ist. Entscheidend wird sein, wer in den letzten Wochen die nötige Stabilität findet.
Im Gegensatz zum FC hat Borussia in dieser Saison den Trainer gewechselt, Eugen Polanski folgte auf Gerardo Seoane. Was die reine Punktausbeute angeht (1,17 zu 1,13 im Schnitt, d. Red.), hat sich nicht viel zum Besseren entwickelt.
In einigen Bereichen haben wir an Stabilität gewonnen und wirken insgesamt gefestigter. Gleichzeitig sind wir noch nicht auf dem Niveau, das wir uns vorstellen. Das Trainerteam arbeitet kontinuierlich daran, die nächsten Schritte zu gehen.
Bleibt der Verein ruhig, auch wenn das Derby nicht wie gewünscht läuft?
Ja, wir bewahren Ruhe. Das ist wichtig, gerade in einer Phase wie dieser.
Jüngst wurde der Abschied von Rocco Reitz zu RB Leipzig verkündet. Wie groß ist der Verlust?
Er ist ein Eigengewächs und identifiziert sich sehr stark mit dem Verein. Bis zum Saisonende wird er sich voll einbringen. Wenn sich danach eine Möglichkeit für den nächsten Schritt ergibt, ist das ein normaler Vorgang im Fußball – auch mit Blick auf die wirtschaftliche Seite. Solche Erlöse helfen uns.
Sind Sie überrascht, dass der 1. FC Köln nach starkem Saisonstart im Abstiegskampf steckt?
Im Verlauf einer Saison relativiert sich vieles. Die Bundesliga ist sehr ausgeglichen, und es kann schnell passieren, dass sich eine Situation verändert. Das haben wir erlebt, das hat der FC erlebt. Insofern ist es weniger überraschend als Ausdruck der Liga insgesamt.
Beim FC steht Trainer Lukas Kwasniok vor dem Derby unter großem Druck. Einige sprechen sogar von einem „Endspiel“ für den Kölner Coach. Können Sie das nachvollziehen?
Das gehört zum Geschäft. Wenn die Ergebnisse nicht stimmen, fällt der Blick sehr schnell auf den Trainer. Das kennt man im Fußball seit Jahren. Wichtig ist, dass die Verantwortlichen die Situation differenziert bewerten und nicht nur auf kurzfristige Entwicklungen reagieren.
Beim FC ist Said El Mala, der bis 2021 die Jugendabteilung der Borussia durchlief, der Senkrechtstarter. Trauern Sie ihm nach?
Solche Karrieren lassen sich nicht immer vorhersehen. Man freut sich über jeden Spieler, der sich gut entwickelt. Entscheidend ist, dass die Ausbildung funktioniert hat.
Sie sind am 19. März genau seit zwei Jahren als Präsident im Amt – wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?
In den vergangenen zwei Jahren haben wir strukturelle Veränderungen vorgenommen – im Präsidium, in der Geschäftsführung und in weiteren Bereichen. Das waren wichtige Schritte. Jetzt geht es darum, das Fundament zu stabilisieren und weiter auszubauen.
Bonhof kritisiert WM-Pläne
Ihr Weltmeisterkollege Wolfgang Overath war selbst Präsident beim FC und ist am Ende frustriert zurückgetreten. Ist das Amt manchmal schwieriger als gedacht?
Man trägt Verantwortung und muss Kritik aushalten. Gleichzeitig haben wir eine Geschäftsführung, die das operative Geschäft trägt. Man muss die Rollen klar trennen. Manchmal ist es schwieriger – aber manchmal auch schön. Am schönsten wäre es natürlich, Woche für Woche zu gewinnen.
Über Jahre war Borussia sportlich und wirtschaftlich dem FC voraus. Wie ordnen Sie das heute ein?
Ich halte wenig davon, die Vereine direkt miteinander zu vergleichen. Jeder Klub hat seine eigenen Herausforderungen und Rahmenbedingungen. Nach der Corona-Zeit haben wir uns konsolidiert und strukturell neu aufgestellt. Jetzt geht es darum, diese Basis weiterzuentwickeln.
Was entgegnen Sie Kritikern, die eine schleichende sportliche Verschlechterung bei Borussia sehen?
Ich habe schon erläutert, vor welchen Herausforderungen wir stehen. Natürlich wünscht man sich dauerhaften Erfolg, aber Wellenbewegungen sind für einen Verein mit unseren Voraussetzungen, also ohne Investoren oder ähnliches, leider kaum vermeidbar.
Grundsätzlich gefragt: Ist die Erwartungshaltung bei Traditionsvereinen zu groß?
An Traditionsvereine werden automatisch höhere Erwartungen gestellt – das ist Teil der Verantwortung. Gleichzeitig muss man zwischen den Emotionen von außen und einer sachlichen Einschätzung der Lage unterscheiden.
Zu Wochenbeginn waren Sie in Köln bei der lit.Cologne zu Gast. Dort haben Sie sich kritisch zur WM 2026 geäußert. Was sind Ihre größten Kritikpunkte und Bedenken?
Es geht mir um die Sicherheitsfrage. Eine Weltmeisterschaft ist ein globales Ereignis mit enormer Aufmerksamkeit. Es muss gewährleistet sein, dass alle Beteiligten – Spieler, Offizielle und Fans – unter sicheren Bedingungen teilnehmen können. Diese Frage sollte man offen diskutieren.
Sind Sie für einen Boykott?
Nein, überhaupt nicht. Es geht nicht darum, das Turnier infrage zu stellen, sondern darum, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass sie für alle akzeptabel und sicher sind.
Was trauen Sie der Mannschaft von Julian Nagelsmann nach schwierigen Weltmeisterschaften in den letzten Jahren diesmal zu?
Die Mannschaft verfügt über Qualität, gerade in der Offensive. Wir haben vorne ein echtes Überraschungspaket. Ich würde mich freuen, wenn Kai Havertz wieder zurückkommt – er ist jemand, der vorne auch spielerisch Lösungen findet. Aber es muss darauf ankommen, dass die Mannschaft zu Null spielt. Man muss dahin kommen zu sagen: Wir vergleichen uns mit dem Rest der Welt, und wir wissen, dass wir ein Spiel zu Null gestalten können. Und vorne haben wir genug Leute, die immer für ein Tor gut sind. Dann kommt es darauf an, wie sie das annehmen.
Muss man da vielleicht auch wieder ein bisschen selbstbewusster auftreten?
Selbstbewusstsein holt man sich über Ergebnisse oder über Spielleistungen. Da sehe ich unsere Mannschaft auf einem guten Weg. Sie können das – aber sie dürfen nie den Glauben an sich selbst verlieren.


