Abo

Interview mit Joel Schmied„Das erfüllt einen mit Stolz, das ist eine Ehre“

8 min
Joel Schmied beim Gespräch in im Trainingslager des 1. FC Köln in Kitzbühel

Joel Schmied beim Gespräch in im Trainingslager des 1. FC Köln in Kitzbühel

FC-Verteidiger Joel Schmied über sein erstes Bundesligajahr, seinen persönlichen Antrieb und über das Gefühl, mit 27 Jahren bereits zu den älteren Spielern des Kaders zu gehören

Wie haben Sie Ihr erstes Jahr in der Bundesliga erlebt?

Man hat gespürt, dass die Stadt froh ist, wieder Bundesliga zu spielen. Die Vorfreude ist noch mal größer, wenn die Bayern kommen, wenn Leverkusen kommt, wenn du wieder die Derbys hast mit Gladbach. Wir sind sehr, sehr euphorisch in die Saison gestartet. Gegen Ende waren wir aber auch dankbar, dass wir in den ersten Spielen schon viele Punkte eingefahren hatten und wir es so über die Ziellinie bringen konnten. Das primäre Ziel war der Klassenerhalt, daran haben wir festgehalten, das haben wir erreicht. Somit kann man, finde ich, unter die erste Saison einen grünen Haken setzen.

Wie geht es nun weiter?

Wir wollen uns verbessern, klar. Mit jeder weiteren Bundesligasaison kommt der Anspruch von einem selbst, aber auch vom Umfeld, in der Tabelle nach oben zu klettern. Wir haben ein sehr ambitioniertes Team, viele Veränderungen auch im Staff, viele neue, junge, dynamische Leute. Genau das braucht es, um erfolgreich zu sein.

Wie knapp war der Klassenerhalt aus Ihrer Sicht?

Anhand der Punkte kann man sagen, dass es sehr knapp war, und die Punkte sind nun mal der beste Anhaltspunkt. Ich hatte aber nie das konkrete Gefühl, dass wir absteigen. Wir standen nie auf einem Abstiegsplatz und die Gegner hinter uns haben zu viele Punkte verloren, um den maximalen Druck aufzubauen. Der Verein hat es gut gehandhabt und ist insgesamt ruhig geblieben, auch nach dem Trainerwechsel. Man hat immer gespürt, auch unter Kwasniok: Das Team hat sich nie aufgegeben. Egal, wie schlecht wir gespielt haben, wir haben immer bis zur 90. Minute alles reingeworfen. Daran gilt es festzuhalten, zusammen mit der individuellen Entwicklung, damit wir nicht bis zum Ende zittern müssen.

Sie haben Ihre Karriere nach und nach aufgebaut. Wie hoch war die Hürde Bundesliga für Sie persönlich?

Aus der zweiten in die erste Bundesliga war bislang der größte Sprung meiner Karriere. Man muss auch als Innenverteidiger die elf Kilometer abspulen und immer präsent sein – und wenn ich kurz abschalte, hat der Gegner eine Chance, und meistens ist die dann auch drin. Das ist der größte Unterschied von der zweiten Liga oder auch von der Schweiz zur Bundesliga: Details entscheiden, und die werden knallhart ausgenutzt.

Als Offensivspieler kannst du eine Aktion haben, und jeder denkt: „Wah, das ist Wahnsinn!“ Wenn man als Verteidiger einen weggrätscht, springt selten jemand auf
Joel Schmied über seinen Karriereweg

Sie waren immer ein Sportler, der an seinen Herausforderungen gewachsen ist.

Ja, absolut. Es hieß bei mir nie: „Hey, du bist das Supertalent, du läufst einfach durch.“ Ich bin mit harter Arbeit kontinuierlich aufgestiegen. Es gibt auch andere Wege – ich nehme mal Said El Mala: Der kommt, startet durch, und nach einer Saison hat er schon einen Marktwert von 50 Millionen. Aber es gibt ganz viele, die etwas länger brauchen. Als Verteidiger ist es auch noch einmal anders. Als Offensivspieler kannst du eine Aktion haben, und jeder denkt: „Wah, das ist Wahnsinn!“ Wenn man als Verteidiger einen weggrätscht, springt selten jemand auf. Aber ich bin zufrieden, wie es gekommen ist.

Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber wenn Sie im Training Jung gegen Alt spielen, sind Sie mittlerweile bei den Älteren.

Das ist die Realität, absolut (lacht).

Joel Schmied zählt mit 27 Jahren zu den erfahrenen Spielern im Kölner Kader – er will die Rolle annehmen, seine Kollegen zu coachen.

Joel Schmied zählt mit 27 Jahren zu den erfahrenen Spielern im Kölner Kader – er will die Rolle annehmen, seine Kollegen zu coachen.

Waren Sie eher spät dran mit Ihrer Karriere?

Ich habe mit 22 mein Super-League-Debüt gegeben in der Schweiz. Ich bin Jahrgang 98, das klingt jetzt schon fast wie ein Boomer. In meiner Zeit war es üblich, mit 22 in der ersten Liga zu debütieren. Jetzt bist du mit 22 schon spät dran. Heute wird man mit 18, 19 hochgezogen, das Geschäftsmodell hat sich verändert. Gleichzeitig ist es ein Fakt, dass ich ein Spätzünder war. Aber ich fühle mich nicht alt, sondern erfahren. Ich gebe meine Erfahrungen gern an junge Spieler weiter, es macht mir Freude, wenn ich teilweise schon in eine Coach-Rolle schlüpfen kann. Ich bin glücklich, so alt wie ich bin.

Das soll jetzt insgesamt nicht in die falsche Richtung gehen – Sie werden im September 28, haben noch viele Profijahre vor sich. Aber Sie stehen an einer Schwelle.

Definitiv. Wenn man unsere Kader-Zusammensetzung anschaut, wird auch verlangt, dass man ab 25 Verantwortung übernimmt. Weil man zu den Älteren gehört, denn wir haben viele 20-, 21-, 22-Jährige. Aber das ist auch gut so. Je früher man lernt, Verantwortung zu übernehmen, desto einfacher fällt es einem, das umzusetzen.

Beim Test in Bergisch Gladbach waren Sie sehr laut auf dem Platz.

Es war prinzipiell schon immer eine Qualität von mir, dass ich sehr lautstark bin, auch im Training. Ich war in der Schweiz mit 25 Kapitän, das wird man nicht, wenn man nur still ist. Du kannst zu mir kommen, und ich gebe dir meine Meinung. Ob die dir dann passt oder nicht, ist nicht mein Problem, aber du kriegst eine ehrliche Meinung. Wir haben generell ein Team, von dem ich sage: Wir haben nicht en masse viele, die viel coachen – generell kommen viele über ihr Talent, über ihr Spiel. Darum brauchen wir das speziell von den Torhütern und Innenverteidigern: Wir haben das Spiel vor uns, da kann man besser Anweisungen geben. Das war immer mein Naturell. Mein Vater war genau so, mein Onkel auch. Anschieben – das mache ich gerne.

Es scheint, dass die Verantwortlichen bei den Neuzugängen in diesem Sommer auch darauf achten, mehr Führung zu holen.

Das werden Spieler sein, die nicht nur den Kader füllen. Man hat den Anspruch, dass die uns direkt helfen. Zwei WM-Fahrer sowieso. Wir haben viele junge Talente, aber nur mit Jungen geht es nicht. Es ist wichtig, dass du eine gute Mischung hast mit genau solchen Spielern.

Der 1. FC Köln war in der vergangenen Saison die Mannschaft, die über alle fünf großen Ligen Europas hinweg die wenigsten Fouls gespielt hat.

Das ist schon etwas, das wir uns noch aneignen dürfen. In der Schweiz nennen wir das „Grinta“ – das kommt vom Italienischen und bedeutet, ein ekliger Gegenspieler zu sein. Man darf es nicht übertreiben, und wenn man nicht das Team dafür hat, muss man das auch nicht künstlich verordnen. Aber wenn wir merken, dass wir nicht ins Spiel kommen, kann das definitiv eine Lösung sein: mal das Tempo rauszunehmen, den Gegner zu verunsichern. Da können wir sicher einen Schritt machen.

Haben Sie Argentinien – Schweiz geguckt?

Ich wollte aufstehen, aber ich hab's nicht gepackt. 3 Uhr ist eine richtig üble Zeit. Es war grundsätzlich eine erfolgreiche WM für die Schweiz, trotz des Aus im Viertelfinale gegen Argentinien mit der unglücklichen Roten Karte. Der Kader der Schweiz ist aktuell extrem gut, muss man schon sagen – auch in der Breite.

Sie waren lange verletzt in der vergangenen Saison. Haben Sie dennoch auf die WM gehofft?

Wenn man in der Bundesliga spielt, darf man als Schweizer immer hoffen. Mit der Verletzung war mir aber schnell klar, dass es nichts wird. Bei der WM macht man keine Experimente, und ich war vorher auch noch nie bei der Nationalmannschaft. Es war auch gut, den Urlaub zu genießen, zu regenerieren. Der Traum, einmal für die Nati zu spielen, ist natürlich weiterhin da. Aber gerade bei den Innenverteidigern sind wir richtig gut aufgestellt.

Wir haben viel versucht, gelungen ist uns leider wenig. Das müssen wir dieses Jahr deutlich besser machen. Wenn ein Verteidiger mit einem Standard mal das 1:0 macht, kann sich ein Spiel ganz anders entwickeln
FC-Verteidiger Joel Schmied

Noch eine Statistik: 1. FC Köln: null Innenverteidiger-Tore in der vergangenen Saison.

Das ist schwach, ja. Standards waren eine unserer Baustellen, defensiv wie offensiv. Wir haben viel versucht, gelungen ist uns leider wenig. Das müssen wir dieses Jahr deutlich besser machen. Wenn ein Verteidiger mit einem Standard mal das 1:0 macht, kann sich ein Spiel ganz anders entwickeln. Es ist immer eine Kombination zwischen Schütze und Timing in der Mitte, Blockarbeit. Ein Fan sieht den Standard als einfaches Prozedere, aber es steckt sehr, sehr viel Arbeit dahinter. Wenn wir mal ein Standardtor schießen, haben wir anschließend auch mehr Überzeugung, als wenn wir jede Woche besprechen müssen, dass es wieder zu wenig war.

Wie trainiert man Defensiv-Standards?

Das kann man nur bedingt. Der Stürmer ist gegen den Verteidiger immer im Vorteil, weil er weiß, was passiert. Man muss eine Formation finden – wen stellt man in den Raum, wen gegen den Mann? Da muss man tüfteln. Es kann immer sein, dass der Gegner eine perfekte Flanke schlägt, der eine blockt sensationell und der andere hat das bessere Timing – dann muss man am Ende womöglich sagen: „Super gemacht.“ Es ist vor allem Überzeugung, ein bisschen Glück und Talent – ein Mix aus allem.

Auf Ihrer Position ist Luka Lochoshvili geholt worden, ein etwa gleichaltriger und international erfahrener Spieler. Wie empfinden Sie die Konkurrenzsituation?

Auf der Innenverteidigerposition sind wir aus meiner Sicht super aufgestellt. Jeder von uns hat den Anspruch, Stammspieler zu sein. Konkurrenzkampf bringt dich am weitesten. Wenn du tagtäglich sagen musst: „Hey, ich muss besser sein als die“, dann kommt man einfach weiter. Wenn jeder den Anspruch hat, zu spielen, hat man auch die Intensität im Training und kann im Spiel reagieren. Man weiß: Ich habe Qualität von der Bank.

René Wagner ist kein Trainer, der auf eine große Spielerkarriere zurückblickt. Er scheint vor allem durch seinen inneren Antrieb zu begeistern. Wie nehmen Sie ihn wahr?

Was uns antreibt, ist die Leidenschaft für den Fußball – das haben wir gemeinsam. Renés Traum war, Trainer zu werden. Mein Traum war immer, Fußballer zu sein. Wenn man erreicht, was man sich immer gewünscht hat, ist es nicht schwer, die Energie dafür aufzubringen. Diese Selbstverständlichkeit: „Ich mache das, was ich immer wollte, darum mache ich das Beste daraus.“ Das ist unser innerer Anspruch: Der Beste zu sein und die Energie weiterzugeben. René Wagner hat sehr viel Energie, er ist jung, dynamisch, hat ein gutes Team um sich.

Kann man diese innere Einstellung lernen?

Die sollte man nicht lernen müssen, wenn man das macht, was man am liebsten macht. Fußball war mal unser aller Hobby, und jetzt ist es unser Beruf. Wenn man Fußball spielen und damit auch noch viel Geld verdienen kann – und sieht, dass die Familie stolz ist, Kinder mit seinem Trikot laufen, bei mir zwar noch ein bisschen weniger, aber das kommt hoffentlich noch –, das erfüllt einen mit Stolz, das ist eine Ehre. In ein Stadion zu kommen mit 50.000 Zuschauern – wenn man dann denkt: „Puh, heute gar kein Bock“ –, dann muss man zu Thomas Kessler gehen und sagen: „Lass mich gehen.“ Aber solche Spieler haben wir nicht. Wir haben sehr viel Energie in der Mannschaft.