Die neuseeländische Rugby-Nationalmannschaft gilt als das erfolgreichste Team der Welt, die All Blacks haben in der Welt des Sports Legendenstatus. Eines der Prinzipien des dreimaligen Weltmeisters lautet „Sweep the Sheds“, was bedeutet, dass selbst die größten Stars dafür Sorge tragen, dass nach dem Spiel die Kabine aufgeräumt ist. Vor der Abfahrt greifen die Kapitäne zum Besen und fegen den Dreck aus ihrer Kabine. Eine Geste von Demut und Verantwortungsgefühl, die sagen soll: Niemand ist zu groß, um die Drecksarbeit zu übernehmen.
René Wagner kennt dieses Prinzip, und obgleich er bislang noch keinen seiner Spieler aufgefordert hat, die Kabine zu fegen, hat er sich vor seiner ersten Saisonvorbereitung als Cheftrainer intensiv mit den Grundsätzen befasst, die im Profisport über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Fleiß, Verantwortungsgefühl und Demut waren Stichwörter, die ihm dabei begegnet sind; Zusammenhalt ein weiteres. Über diesen Gedanken steht das Wort Kultur, denn auch für eine Bundesligamannschaft gilt der Grundsatz: „Kultur verspeist jede Strategie zum Frühstück.“ Die besten Vorhaben zählen nichts, wenn eine Mannschaft in ihrem Kern keine gemeinsamen Werte hat.
Wagner hat im Profitrakt zwar keine Besen verteilt, am Geißbockheim aber mit einer anderen Eigenart für Aufmerksamkeit gesorgt: Der Trainer mag es nicht, wenn Dinge herumliegen, Pfandflaschen zum Beispiel. Mittlerweile weiß nicht nur jeder FC-Profi, wo leere Flaschen hingehören, das wussten sie bereits zuvor. Nun weiß aber jeder, dass der Trainer will, dass sie auch dorthin gelangen.
Wagner reguliert Verhalten nicht durch große Gesten, sondern durch Konsequenz im Kleinen. Auch bei den All Blacks war das mit dem Fegen keine Haltung, die einfach da war. Sie wurde durch kleine Gesten eingeübt, bis sie zur Selbstverständlichkeit wurde. Wagner wollte die Dinge offenbar ein wenig beschleunigen.

FC-Keeper Marvon Schwäbe im Trainingslager der Kölner in Österreich
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Vor Beginn der Vorbereitung ging der 38-Jährige mit seinem Trainerstab in Klausur nach Holland, „damit wir den Jungs ein bisschen was zu erzählen haben“, erklärte er bei seiner Rückkehr ans Geißbockheim. Auch im Trainerteam will er Geschlossenheit herstellen, alle sollen dieselbe Sprache sprechen – dieselben Inhalte mit demselben Vokabular vermitteln. „Wir müssen es schaffen, als Einheit aufzutreten“, sagt er – und bezog das nicht nur auf die Kölner Bundesligamannschaft. Sondern auch auf sein Team hinter dem Team. Eine seiner Fragen in diesem Sommer war: „Was war letztes Jahr? Und was wollen wir dieses Jahr anders machen?“
Dahinter steht die Erkenntnis, in der Vorsaison zeitweise kein gutes Trainerteam gewesen zu sein. Wenn der Coach im Trainingsspiel den Schiedsrichter gibt und drei Abseitsstellungen übersieht, merken die Spieler das. Wenn die Leibchen nicht bereitliegen, wenn Übungen unklar bleiben – wenn die Einheiten nicht im Detail geplant und sauber exekutiert werden, merken Profispieler das. Dann erodiert die Kultur, verlieren die Dinge an Wichtigkeit. Werden aus Detailfehlern Niederlagen und aus Niederlagen Krisen.
Ein Kulturwandel ist ein umfassendes Projekt, und in der kurzen Phase der vergangenen Saison, in der Wagner als Chef die Verantwortung trug, konnte er keine großen Veränderungen herbeiführen. Deshalb begrüßt Marvin Schwäbe, dass der Coach nun eine Saison inklusive Sommervorbereitung erhält, „um gewisse Themen anzusprechen, gewisse Dinge zu verändern. Damit wir eine gute Kultur haben, immer 100 Prozent im Training geben. Dass wir uns auch mal anscheißen“, sagt der Kapitän. Tatsächlich ist es erheblich lauter geworden auf dem Kölner Trainingsplatz. Die Ansprüche sind hoch, auch bei den Spielern untereinander.
Das Kölner Trainerteam sei phasenweise nicht gut gewesen, lautet eine Erkenntnis der vergangenen Saison, der auch Wagner nicht widerspricht. Lukas Kwasniok nahm Hinweise nicht an oder ernst, auch nicht aus der medizinischen Abteilung, wenn es hieß, Spieler seien gefährdet und brauchten eine Pause. Oft stellte er sie dann trotzdem auf, belastete angeschlagene Spieler aus, bis sie mit Verletzungen wochenlang ausfielen.
Gleichzeitig beklagten aber auch Mitglieder des Stabs, dass sie kaum gefragt waren. Manche hatten den Eindruck, nie in ihrer Karriere weniger gearbeitet zu haben – und das bei einem Bundesligisten. Kwasniok regelte vieles auf eigene Faust, auf seine Art. Gemeinsinn kam dabei nicht heraus, im Gegenteil. Die Kultur des Miteinanders blieb auf der Strecke. Als die Ergebnisse ausblieben, reagierte der Verein nur auf den ersten Blick drastisch. Je näher Menschen an den Geschehnissen waren, desto klarer war ihr Urteil, dass ein Wechsel auf der Trainerposition hermusste. Wagner war in den kritischen Feldern Kwasnioks Gegenteil. Auch deshalb bekam er den Job.
Mir ist wichtig, dass die Jungs Gas geben. Dass wir in den Spielen, in denen wir qualitativ nicht die bessere Mannschaft sind, die bessere Haltung haben und den besseren Charakter zeigen
Wagner formuliert seine Ansprüche in den ersten Wochen des Sommertrainings immer wieder. Als er im Frühjahr übernahm, punktete die Mannschaft zwar weiterhin schwach. Doch die Daten stimmten. Statistisch gesehen spielte Köln einen Fußball, der bezüglich Intensität und Torgefahr im oberen Drittel der Liga anzusiedeln war. Für den Trainer war das eine zentrale Beobachtung: Für seine Mannschaft wird es vorerst darauf ankommen, die Summe ihrer Einzelfähigkeiten zu übertreffen, indem sie mehr auf den Platz trägt als der Gegner. Wenn man schon nicht besser Fußballspielen kann, hat man immer die Möglichkeit, mehr zu rennen; schlauer zu sein, akribischer am Plan gearbeitet zu haben. „Mir ist wichtig, dass die Jungs Gas geben. Dass wir in den Spielen, in denen wir qualitativ nicht die bessere Mannschaft sind, die bessere Haltung haben und den besseren Charakter zeigen“, beschreibt er. Und er will, dass die Mannschaft ihre Kraft auch aus sich heraus entfaltet. „Wenn da einer nicht mitzieht, ist es die Aufgabe der Mannschaft, denjenigen mitzuziehen. In der Liga werden wir nicht in jedem Spiel die größere Qualität auf dem Platz haben. Da sind wir auch nicht dumm. Wir müssen jeden Tag unser Bestes geben.“

René Wagner, hier mit Alessio Castro-Montes, legt großen Wert darauf, dass jeder Spieler weiß, was verlangt wird.
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Wagner lebt Fleiß und Akribie vor, er hat keine andere Wahl, denn ihm fehlt die große Karriere als Spieler, mit der er die Kabine begeistern könnte. Er versucht es mit klarer Kommunikation. So sorgte er gleich zu Beginn der Vorbereitung für Klarheit bei den ausgeliehenen Spielern Gazibegovic und Rondic, die gar nicht erst am Training teilnahmen, weil er nicht mehr mit ihnen plante. Während nun in Kitzbühel die Intensität auf dem Trainingsplatz und mit jedem Zugang auch die Qualität des Kaders weiter steigen, werden weitere Profis an den Rand gedrängt. Doch findet das offen statt. „Performance“ ist ein weiteres Schlagwort: die Gesamtheit der erbrachten Leistungen, gemessen am Potenzial des Einzelnen. Erst wenn Leistung und Potenzial übereinstimmen, wird sich Wagner seinem Ziel nahe fühlen.
Viel Erfahrung zugekauft
Der FC hat zuletzt zahlreiche Spieler mit internationaler Erfahrung verpflichtet, weitere werden dazukommen. Spieler wie den Georgier Luka Lochoshvili etwa, den die Kölner aus Nürnberg holten. Der Verteidiger werde „ein bisschen Mentalität in die Gruppe bekommen. Es ist wichtig, dass wir auch diesen Charakter in der Mannschaft haben. Einen, der auch mal durchgreifen kann auf dem Platz. Das hat uns vielleicht in Phasen auch mal gefehlt“, sagte Wagner zuletzt.
Lochoshvili verkörpert die Vorstellung einer veränderten Kultur beim 1. FC Köln derzeit wahrscheinlich am deutlichsten. Vielleicht wird der georgische Nationalspieler ja schon bald mit einem Besen in der Kabine auftauchen.


