Anfang der Woche war Lukas Podolski (41) mal wieder in Köln. Dabei traf die Kölner Fußball-Ikone im Kwartier Latäng den aktuellen FC-Himmelsstürmer Said El Mala (20) und dessen Bruder Malek (21), der am vergangenen Spieltag mit seinem Ausgleichstor beim 1:1 bei Union Berlin ein traumhaftes Bundesliga-Debüt gefeiert hatte. Die Begegnung fand im Rahmen eines gemeinsamen Sponsorentermins statt.
Nach dem Ende seiner aktiven Karriere im vergangenen Sommer – gekrönt vom Pokalsieg mit Górnik Zabrze – ist der 130-fache Nationalspieler Podolski alles andere als untätig. Der langjährige FC-Profi will den polnischen Traditionsklub weiter voranbringen und baut nebenbei seine zahlreichen Unternehmen aus.
Diese Redaktion sprach mit dem Weltmeister von 2014 im ersten Teil des großen Interviews über die El-Mala-Brüder, das Derby gegen Leverkusen, seine wieder gewachsene Verbindung zum FC und darüber, was ihm bei seinem Heimatklub nicht gefällt. Mit Blick auf das Derby gegen Leverkusen wird Podolski deutlich – auf seine ganz eigene Art: „Das Stadion muss für die gegnerischen Mannschaften die Hölle sein, keine Familienveranstaltung.“
Wie kam es am Montag zu Ihrem Treffen mit den El-Mala-Brüdern? War es Zufall oder verabredet?
Das war kein Zufall. Mein Werbepartner hatte eine Aktion, bei der die beiden Brüder auch dabei waren. Wir haben uns getroffen, ausgetauscht und etwas zusammen gemacht. Das Treffen hat Spaß gemacht – die Jungs sind cool.
Wie erleben Sie die beiden – menschlich und sportlich?
Es ist super, dass zwei Brüder in einer Mannschaft spielen. Das hätte ich mir immer gewünscht, aber ich hatte leider keinen Bruder. Und dann stehen die beiden gemeinsam auf dem Platz. Malek trifft bei seinem Profidebüt – das ist eine geile Geschichte. Sie zeigt, was man mit harter Arbeit und Ausdauer erreichen kann. Beide wirken ruhig und geerdet, sind aber robust, ein bisschen frech und haben Spielwitz – immer mit einem Spruch auf den Lippen. Manche jungen Spieler haben einen Stock im Hintern und scheitern dann oft. Man braucht mehr Freigeister.
Manche jungen Spieler haben einen Stock im Hintern und scheitern dann oft. Man braucht mehr Freigeister.
Wie schätzen Sie Said El Mala aktuell ein?
Er gibt der FC-Offensive mit seinen Dribblings und dem frechen Eins-gegen-eins etwas anderes. Das braucht man zwar nicht immer, kann aber den Unterschied machen. Man bleibt 25-mal hängen, kommt ein- oder zweimal durch und entscheidet damit ein Spiel. Wichtig ist, dass er immer wieder ins Eins-gegen-eins geht, weiß, was er kann, und seine Stärken ausspielt. Er muss sich noch mehr zutrauen. Natürlich spielt er in einer Mannschaft, die nicht ständig den Ball hat und viele Offensivaktionen kreiert. Aus meiner Sicht fehlt ihr noch ein klarer Spielstil. Der FC hat noch nicht die Qualität, um aus den Jungs mehr herauszuholen.
Rechnen Sie damit, dass Said El Mala nach der Saison wechselt – und wäre ein Wechsel für ihn das Beste?
Wenn er beim FC weiter so gut spielt und derart auf sich aufmerksam macht, könnte er natürlich auch bald weg sein. Das ist aber ein normaler Weg, und seine Ablöse würde dem Verein für die Zukunft sehr helfen. Ich sehe aber auch das Gesamtbild des FC. Der Verein ist meiner. Leider spielt er nicht in den Regionen, in die er meiner Meinung nach gehört: international, unter den sechs oder sieben besten Vereinen. Dort kannst du sagen: „Wir spielen offensiv, wir spielen international, hier kannst du gutes Geld verdienen.“
Ich hätte damals mein letztes Hemd gegeben, um immer beim FC zu bleiben. Nach den Abstiegen war ich als Nationalspieler zu gut, um beim FC zu bleiben. Außerdem habe ich dem FC gleich zweimal eine für den Verein wichtige Ablösesumme eingebracht. Bayern, Arsenal, Inter, Galatasaray und die Champions League waren Erfahrungen, für die man den Sport macht. Wenn das Umfeld beim FC solche Möglichkeiten nicht bietet und rund um den Verein wie auf dem Platz Unruhe herrscht, gehen die Spieler zwangsläufig. Da muss sich der Verein an die eigene Nase fassen.
Hat es Sie überrascht, dass der FC Said halten und seinen Vertrag verlängern konnte?
Borussia Dortmund war am Ende auch im Gespräch. Ich dachte, es klappt, das war dann aber nicht der Fall. Vielleicht haben weder dem FC noch ihm die Angebote gepasst, oder kein Verein hat die 50 Millionen hingelegt. Schön für den FC und die Stadt, vielleicht aber auch für den Jungen, dass er noch ein Jahr Bundesliga-Erfahrung in Köln als Stammspieler sammeln und sich weiterentwickeln kann. Am Ende muss jeder selbst entscheiden.
Erkennen Sie etwas von Ihrem jungen Ich in Said?
Nein. Es sind andere Zeiten, und jeder Spieler und jeder Charakter ist anders. Mich freut, dass ein junger Spieler aus der Region nach seinem Wechsel von Viktoria Köln zum FC auf Anhieb den Durchbruch in der Bundesliga geschafft hat. Es zeigt Wertschätzung, dass er verlängert hat und sich in der Stadt und im Verein entwickeln kann. Jetzt nutzt er sein Potenzial.
Mein Werdegang – von der D-Jugend bis zum Nationalspieler und Weltmeister, in internationalen Topligen und bei großen Vereinen – lässt sich nicht mit dem eines anderen vergleichen. Das liegt inzwischen mehr als zwei Jahrzehnte zurück. Darauf bin ich stolz: dass ich das am Geißbockheim gelernt und es von dort aus geschafft habe.
Hat Said El Mala die erneute Nominierung für die Nationalmannschaft verdient?
Ja, eigentlich schon früher. Er hätte auch zur WM mitfahren können. Aber jeder sieht das anders, und damals war ein anderer Bundestrainer im Amt. Jürgen Klopp setzt jetzt offenbar auf ihn – und das freut mich.
Wie schätzen Sie Malek El Mala fußballerisch ein?
Das ist für mich schwierig zu beantworten, weil ich ihn zu selten spielen gesehen habe. Ich habe ihn einmal am Geißbockheim getroffen, aber da war er leider verletzt.
Beim FC muss man sich schon fragen, wozu man so viel in den eigenen Nachwuchs investiert, wenn die Spieler oben keine Chance bekommen.
Was sagt der Weg der El-Mala-Brüder über die Nachwuchsarbeit beim FC aus?
Beim FC muss man sich schon fragen, wozu man so viel in den eigenen Nachwuchs investiert, wenn die Spieler oben keine Chance bekommen. Ist der Trainer schuld, der Druck zu groß oder die Akademie, die den Spielern nicht ermöglicht, sich zu entfalten? Man kann nicht ständig eine starke U19 und Erfolge feiern, wenn am Ende kaum einer den Sprung schafft.
Zu den wenigen, die sich aus der Jugend beim FC durchgesetzt haben, gehört für mich Jan Thielmann – mit seiner Schnelligkeit und Gerissenheit. Andere – etwa Florian Wirtz, Yann Aurel Bisseck oder Jonas Urbig – spielen nicht mehr beim FC. Das sind fast schon tragische Geschichten. In NRW ist die Konkurrenz groß; die Vereine werben sich gegenseitig Spieler ab. Das ist nicht nur ein Problem des FC: Später fehlen diese Typen oben.
Auch das Training muss sich ändern: mehr Ballkontakte, weniger Laptop und Taktik. Lasst die Kinder spielen und Fehler machen – auf dem Kleinfeld, im Eins-gegen-eins. Heute ist in den Akademien alles zu glattgebügelt.
Sie haben Said El Mala Ihre Rückennummer überlassen. Was hat Sie dazu bewogen?
Ich mag einfach, wie er auftritt und für meinen Verein spielt. Vor allem war die Kommunikation mit dem FC so gut wie seit zehn Jahren nicht mehr. Das hat mir sehr gefallen. Wer sich ausgenutzt oder alleingelassen fühlt, hebt irgendwann das Telefon nicht mehr ab. Es ist eine Frage der Menschlichkeit und der persönlichen Beziehung. Wenn die Kommunikation gut, vernünftig und fair läuft, macht man gerne mit. Und der Junge macht das ohnehin gut.
Das Trikot mit der Zehn trugen beim FC schon legendäre Spieler, auch ich. Ich hoffe, dass ihm und dem Verein die Nummer hilft, das Maximum aus ihm herauszuholen. Wenn der Verein irgendwann 50 Millionen oder sogar deutlich mehr für ihn bekommt, ist das doch super.
Der Draht ist besser, und es läuft nicht mehr so politisch.
Sie sprachen die Kommunikation mit dem FC an. Wie hat sich Ihr Verhältnis zum Verein verändert?
Der Draht ist besser, und es läuft nicht mehr so politisch. Thomas Kessler (Sport-Geschäftsführer, d. Red.) kenne ich schon aus der FC-Jugend; später waren wir auch zusammen bei den U-Nationalmannschaften. Er hat in Brauweiler gewohnt, und wir sind zusammen zum Training gefahren. Auch mit Philipp Liesenfeld (Geschäftsführer Marketing und Vertrieb, d. Red.) und dem ganzen Marketingteam läuft die Kommunikation gut.
In den zehn Jahren seit meinem Weggang habe ich erlebt, dass manche Verantwortliche den Verein nicht repräsentiert, sondern vor allem auf den eigenen Vorteil und die eigene Karriere geschaut haben. Zum Glück sind diese Personen nicht mehr dort. Ich meine damit aber nicht alle. Mit Alexander Wehrle etwa hatte und habe ich einen guten Kontakt.
Hatten Sie manchmal das Gefühl, dass Ihr Name beim FC instrumentalisiert wurde?
Nein, dafür bin ich vom Kopf und Charakter her zu stark. Ich fühle mich nicht gekränkt und muss mich nicht öffentlich mit Tränen in den Augen äußern. Ich spreche die Dinge einfach an, wie sie sind.
Überall, wo ich hinfahre, verbinden mich die Leute noch heute mit dem FC. Wenn es im Verein Menschen gibt, die das nicht wollen oder sogar schlecht finden, muss man sich fragen, ob die richtigen Personen eingesetzt waren.
Was fehlt der Mannschaft, und wie beurteilen Sie Trainer René Wagner?
Kein Trainerjob ist einfach. Mir fehlt beim FC eine klare Spielidee. Ich schaue mir nicht alle Spiele an, aber in denen, die ich sehe, frage ich mich: Wofür steht die Mannschaft? Spielt sie defensiv kompakt und lauert auf Konter, setzt sie aufs Umschalten, spielt sie offensiv oder mit viel Ballbesitz?
Der Kader, den Thomas Kessler zusammengestellt hat, müsste mehr können, als er auf dem Platz zeigt. Bei manchen Mannschaften weißt du, wofür sie stehen. Kovac steht für Disziplin und Kompaktheit; bei Freiburg siehst du junge Talente und offensiven Fußball. Beim FC wirkt es oft wie ein Durchwursteln – Hauptsache, das Ergebnis stimmt.
Seit Steffen Baumgart weg ist, hatte der FC in etwa drei Jahren fünf Trainer. Das ist zu viel. Wenn man ständig Trainer und Verantwortliche wechselt, hat man keine DNA als Verein oder Mannschaft.
Eine Gesamtstruktur entsteht nur, wenn man an Personen festhält und jemanden findet, der eine Idee durchzieht. Du kannst Spieler verpflichten und Geld ausgeben – wenn sie nicht ins System des Trainers oder des FC passen, wird es schwierig.
Ist das Spiel gegen Leverkusen für Sie ein Derby?
Klar. Viele sagen, nur Gladbach sei das richtige Derby. Aber wer als Jugendspieler beim FC war, für den ist auch ein Spiel gegen Leverkusen ein Derby.
Ist es bitter, dass der FC mit seinen Möglichkeiten und 175.000 Mitgliedern Leverkusen seit vielen Jahren hinterherläuft?
Das ist bitter. Man darf aber nicht vergessen: Wenn du einen Konzern wie Bayer im Hintergrund hast, der dir vieles verzeiht und Löcher stopft, ist es einfacher als beim FC. Auf der anderen Seite macht Leverkusen mit seinen Möglichkeiten auch gute Arbeit. Du kannst ein doppelt oder dreimal so hohes Budget haben, aber auch schnell Geld verbrennen – was in Leverkusen selten passiert. Es ist schade, dass so ein „Dorf“ wie Leverkusen dem FC zeigt, was möglich wäre.
Was haben Sie gedacht, als Leverkusen 2024 erstmals Meister wurde und den Pokal gewann?
Natürlich habe ich gehofft, dass der FC Bayern es noch dreht. Am Ende war es hochverdient: Leverkusen hat eine geile Saison gespielt. Als Kölner hoffst du natürlich, dass Leverkusen nichts holt und der eigene Verein gewinnt – das ist doch logisch.
Das Stadion muss für die gegnerischen Mannschaften die Hölle sein, keine Familienveranstaltung.
Was erwarten Sie für das Derby am Sonntag?
Ich bin ein schlechter Tipper. Ich hoffe auf einen Sieg wie gegen Gladbach. Ein 1:0 reicht auch. In den Heimspielen muss die Mannschaft mehr herausholen. Das Stadion muss für die gegnerischen Mannschaften die Hölle sein, keine Familienveranstaltung. Sie müssen Angst haben, die Treppe hochzukommen. Wenn die Hymne läuft, muss es brennen. Die Spieler müssen heiß und gierig darauf sein, den Gegner zu besiegen.
Für mich war es immer geil, in solchen Stadien zu spielen. Dafür machst du das doch. Die Spieler müssen Leverkusen von Anfang an aus dem Stadion kicken – zusammen mit den Fans. Es muss rappeln, direkt eine Gelbe Karte geben, irgendetwas passieren. Das erwarte ich in einem Derby.
Könnten Sie sich jetzt nach dem Karriereende vorstellen, sich irgendwann wieder stärker beim 1. FC Köln zu engagieren?
Das schließe ich nicht aus. Ich bin gerade erst am Anfang und will mich nicht ständig wiederholen. Der FC ist mein Verein. Wenn du aus der Jugend kommst, in FC-Bettwäsche geschlafen hast und schon als Jugendlicher in Bergheim FC-Fan warst und oft im Stadion warst, bleibt das immer dein Verein.
Für mich ist der FC auch immer die Fans im Stadion und in der Kurve – nicht einzelne Leute, die da waren und wieder gegangen sind. Dazu gehören die Legenden, die den Verein aufgebaut haben, und die Menschen am Geißbockheim. Von ihnen hat man gelernt und zu ihnen aufgeschaut. Ich werde den Verein immer unterstützen und helfen, wo ich kann. Wenn Hilfe gebraucht wird, reiße ich mir dafür den Arsch auf.
Aber ich habe aktuell auch viel zu tun, bin inzwischen Klubbesitzer von Górnik Zabrze und habe Freude daran, zu sehen, wie positiv sich der Verein entwickelt.

