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Tom Krauß beim Kölner DerbysiegDer Mann mit dem Gespür für Momente

5 min
Tom Krauß kam im Derby von der Bank und wurde in der zweiten Halbzeit zum prägenden Spieler der Partie.

Tom Krauß kam im Derby von der Bank und wurde in der zweiten Halbzeit zum prägenden Spieler der Partie.

In einer an Führungsspielern armen Mannschaft wird Tom Krauß der entscheidende Mann.

Es muss um die 39. Minute des Derbys gewesen sein, als Tom Krauß ein Gefühl beschlich. Der 1. FC Köln war in der 26. Minute unter großem Jubel durch Johannessons Tor 1:0 in Führung gegangen. Doch keine Viertelstunde später hatte sich die Kölner Fußballwelt schon wieder eingetrübt. „Ich habe auf der Bank gesagt: Es ist leider nur eine Frage der Zeit, bis wir das 1:1 kassieren – und fünf Sekunden später fällt’s“, berichtete Krauß am Sonntagabend im Tiefparterre des Kölner Stadions, während aus der Kabine der Heimmannschaft die Musik der Sieger donnerte.

Er konnte seine schlechten Gefühle unbesorgt teilen, schließlich hatten die Kölner gegen Borussia Mönchengladbach noch 2:1 gewonnen. Nach einem Sieg zu beschreiben, wie die Mannschaft zwischenzeitlich einmal mehr in sich zusammengesackt war, während er auf der Ersatzbank gesessen hatte, war für Krauß nicht weiter riskant. Überhaupt war er nach dem Spiel ein guter Zitatgeber. Schließlich hatte er großen Anteil daran gehabt, dass dieser wechselhafte Fußballnachmittag aus Sicht der Kölner gut geendet hatte.

Das 1:1 sei, befand Krauß, „zu dem Zeitpunkt völlig verdient“ gewesen. Dass der 25-Jährige den Ausgleich kommen sah, war ein Detail, das Bedeutung hat beim 1. FC Köln dieser Tage. Das Gefühl für die Situation zu haben, den Moment zu erkennen, in dem die Mannschaft ihre Spannung verliert und den Gegner ins Spiel zurücklässt, ist eine besondere Eigenschaft im fließenden Spiel Fußball. Das Momentum ist fragil, kann jederzeit wechseln – und es ist Aufgabe der Anführer, diese Situationen zu erkennen. Und idealerweise nicht nur vor sich hinzusprechen – sondern einzugreifen.

Es war unglaublich beeindruckend. Er ist ein Spieler, der unfassbar gut auf zweite Bälle geht, der einer Mannschaft Stabilität geben kann. Er hat einen super Impact gehabt
FC-Trainer René Wagner über Tom Krauß

Insofern war es misslich, dass Krauß im Derby zunächst auf der Bank saß und daher nicht in der Lage war, seinen Mitspielern das Signal zu geben, dass die Partie gerade kippte. Viel Führung gibt es nach wie vor nicht in der neuen Kölner Mannschaft. Auch René Wagner, der so akribische Kölner Trainer, der jede Situation vorab planen und hinterher analysieren kann, ist nicht zwingend der Mann, der vom Spielfeldrand eingreift, wenn die Dinge ins Rutschen geraten. Auch wenn das die Tribünen und die eigene Bank längst bemerkt haben.

So war es zwar eine Tragödie für Ellyes Skhiri, als Mönchengladbachs Florian Neuhaus in den Kölner Mittelfeldspieler rauschte und dem Tunesier eine Knöchelverletzung zufügte, die gleichbedeutend sein wird mit dem Ende des Fußballjahres für Skhiri. Für Krauß, den Mann mit dem Gespür für den Moment, war es dagegen entscheidend – er brauchte nur Minuten, um den Nachmittag zu drehen.

Wagner war begeistert vom Auftritt des Einwechselspielers. „Es war unglaublich beeindruckend. Er ist ein Spieler, der unfassbar gut auf zweite Bälle geht, der einer Mannschaft Stabilität geben kann. Er hat einen super Impact gehabt“, beschrieb der Kölner Trainer.

Der Derbyfaktor war hinsichtlich der Zweikampfführung eher gering ausgefallen. Skhiris Verletzung bildete da keine Ausnahme – der Schiedsrichter sprach den Kölnern nicht einmal einen Freistoß zu, sondern entschied auf Einwurf, nachdem Skhiri auf einer Trage vom Rasen gebracht worden war.

Neuhaus hatte sauber den Ball gespielt und keinen Vorsatz gezeigt, Skhiri zu verletzen. Mit Derbyhärte hatte die Aktion jedenfalls nichts zu tun, so dramatisch der Vorfall war. Ob Neuhaus fahrlässig gehandelt hatte, ob er Skhiris Verletzung im Kampf um den Ball in Kauf genommen hatte – das blieb ungeklärt. Von einer Vernehmung des Spielers sahen die Behörden ab. Unterstellt werden darf allerdings, dass Neuhaus nicht mit dem Plan in den Zweikampf gegangen war, seinem Gegenspieler das Sprunggelenk zu verdrehen.

Die Kölner Derbysieger feiern in der Kabine mit dem Trikot ihres verletzten Teamkollegen Ellyes Skhiri.

Die Kölner Derbysieger feiern in der Kabine mit dem Trikot ihres verletzten Teamkollegen Ellyes Skhiri.

Den erfolgreichsten Zweikampf des Tages führte Krauß. Als Said El Mala in der 67. Minute beschleunigte, um die entscheidende Attacke auf das Gladbacher Tor zu führen, stellte sich Krauß dem Mönchengladbacher Verteidiger Daiki Hashioka in den Weg, der möglicherweise noch hätte eingreifen können. „Welcher Block jetzt nochmal?", fragte Krauß nach dem Spiel – dann fiel ihm ein, zu welcher Situation er befragt wurde. Das sei nicht weiter der Rede wert, er habe „den Weg freigeräumt für Said“, beschrieb er. Keine große Sache – und gewiss kein Anlass, das Tor zu annullieren.

Das sahen nicht alle so. Mönchengladbachs neuer Trainer Alexander Blessin festigte seinen Ruf als schlechter Verlierer, indem er seinen Ausführungen vorausschickte, er laufe Gefahr, als eben solcher dazustehen. Schon als Trainer des FC St. Pauli hatte Blessin sich beim Gastspiel in Müngersdorf beschwert – damals über die Kölner Ballkinder, die das Spiel verzögert hätten. Beim Rückspiel hatte er sich dann darüber beklagt, Köln habe einen unberechtigten Elfmeter bekommen. Diesmal beschwerte er sich über Krauß‘ Einsatz gegen Hashioka. „Er geht aktiv rein mit voller Wucht und schmeißt ihn um mit dem Knie voraus“, beschrieb Blessin, und man fragte sich glatt, warum Hashioka nicht Skhiri ins Krankenhaus hatte folgen müssen.

Dafür bin ich da
FC-Mittelfeldspieler Tom Krauß über seinen Einsatz im Derby

Sein Kollege Wagner blieb grundsätzlich: Er thematisierte weder, dass es nach Skhiris schwerer Verletzung nur Einwurf gegeben hatte, noch ließ er sich zu einer Nacherzählung von El Malas Treffer hinreißen. „Tom ist ein Spieler, der sich in alles reinschmeißt. Der sich für die Mannschaft aufopfert. Daher: Sonderlob an Tom“, sagte der Trainer nur.

In der Schlussphase wehrte Krauß noch einen Ball mit dem Kopf ab, den Schwäbe wohl nicht mehr hätte halten können. Doch der Mann von der Bank wollte keine weiteren Worte über seine Taten verlieren und lieber der Musik folgen, die ihn in die Kabine rief. Dort machten die FC-Profis noch ein Foto, auf dem sie Skhiris Trikot in die Kamera hielten, um ihm den Sieg zu widmen. Das Tor sei jedenfalls kein Zufall gewesen. „In der zweiten Halbzeit haben wir unfassbar auf das 2:1 gedrückt. Am Ende war es purer Wille, pure Leidenschaft“, sagte er, und zu seinem Block gegen Hashogai nur noch: „Dafür bin ich da, wir wollen Spiele gewinnen.“