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Trainer muss gehenKwasnioks langer Fall

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Lukas Kwasniok erlebte beim 3:3 gegen Mönchengladbach einen schweren Tag an der Seitenlinie.

Lukas Kwasniok erlebte beim 3:3 gegen Mönchengladbach einen schweren Tag an der Seitenlinie.

Der abstiegsgefährdete Bundesligist trennt sich am Sonntag von Cheftrainer Lukas Kwasniok – Bisheriger Assistent René Wagner übernimmt

Am Sonntagnachmittag war es vorbei. Sportchef Thomas Kessler vollzog nach dem 3:3 des 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach im persönlichen Gespräch die Trennung von Cheftrainer Lukas Kwasniok – eine Entscheidung, die Kessler lange vorbereitet hatte, auch wenn sie auf den ersten Blick wie die Konsequenz aus dem Ergebnis des Derbys aussah. Hinter der Entlassung steckte mehr als eine zu geringe Zahl an Siegen und eine nicht mehr zu leugnende Abstiegsgefahr. Es war der lange Fall eines Trainers, der den 1. FC Köln in der Hinrunde auf Rang sieben geführt hatte und den Verein nun als Abstiegskandidat ohne jeden Rückhalt verließ.

Den Kipp-Punkt markierte wohl das Wintertrainingslager, in dem Kwasnioks Methode für alle sichtbar gegen ihn zu arbeiten begann. Öffentliche Kritik an Spielern, auch an Führungsspielern, kann als Druckmittel funktionieren – dosiert, wenn der Trainer anschließend liefert. Als Dauerzustand zerstört sie, was ein Abstiegskampf am meisten braucht: Vertrauen nach innen. Wer nicht weiß, ob er morgen noch zum Kader gehört, spielt nicht befreit. Wer als Führungsspieler öffentlich bloßgestellt wird, hört auf, Führungsspieler zu sein. Nicht aus Trotz. Sondern weil die soziale Grundlage dafür weggefallen ist.

Reize als Methode, der Glaube, dass Druck Energie freisetzt – das war schon in Paderborn Teil von Kwasnioks Führungsverhalten. Der Gedanke hatte seine Logik, zumal das Vorgehen an kleineren Standorten wie Jena und Saarbrücken funktioniert hatte. Noch nach dem Spiel gegen Mönchengladbach am Samstagabend verwies Kwasniok auf Jena, wo er nach langer Durststrecke doch noch den Erfolg erzwungen hatte.

„Keiner hat damals daran geglaubt. Es gab genau einen, und das war meine Wenigkeit. Der Verein hat mich gestützt. Und von den letzten sieben Spielen haben wir dann sechs gewonnen“, erzählte der Coach. Doch die Wucht in Köln war eine andere, für alle.

Keine Stabilität im Abstiegskampf

Kwasniok hatte Abstiegskampf vom ersten bis zum letzten Spieltag angekündigt. Dabei hatte er übersehen, dass ein Zermürbungskampf, der durchaus längere sieglose Phasen einschließt, stabile Strukturen und geschützte Spieler braucht. Der herausragende Start – Rang sieben vor dem Hinrundenderby – hätte früh die Gelegenheit geboten, personell, taktisch und im Umgang mit den Spielern zur Ruhe zu kommen. Stattdessen sendete der dramatische Auftritt beim 1:3 in Mönchengladbach ein klares Signal: Kwasniok konnte keine Stabilität halten – sie schien ihn in dieser Phase eher zu bremsen, ihm im Weg zu stehen. Das Derby in der Hinrunde eröffnete eine Serie von acht Spielen ohne Sieg, über die Winterpause hinweg, in der der Verein dem Trainer ein intern hoch umstrittenes Trainingslager in Spanien genehmigte. Die Reise zeigte eine Organisation am Rande ihres Zusammenhalts: Der Kader reiste von der Costa Blanca direkt zum Jahresauftakt nach Heidenheim, doch Luca Waldschmidt und Florian Kainz fehlten. Für sie rückten Fynn Schenten und Youssoupha Niang nach, während ihre Kollegen auf eigene Faust die Heimreise antreten mussten.

In Heidenheim begrüßten die aktiven Fans den Trainer mit dem mittlerweile fast legendären „Kwasni-Yok“-Banner. Ein weiterer Einschnitt: Kwasniok war spätestens jetzt vollständig von Ergebnissen abhängig. Beim Tabellenletzten spielte Köln nach einem zeitweise konfusen Auftritt 2:2. Wie so oft hatte die Qualität der Einzelspieler dafür gesorgt, dass es nicht schlimm endete. Doch hatten ein paar Prozent gefehlt, um einen Sieg einzufahren.

Hinzu kam ein Bild, das sich im Umfeld des Vereins über Monate festgesetzt hatte: dass Kwasniok abseits des Platzes Schwierigkeiten hatte, die Kontrolle zu halten. Berichte kursierten, wurden nicht dementiert, nicht kommentiert. Ob sie in jedem Detail stimmten, ließ sich nicht belegen. Dass sie existierten und wirkten, schon. Auch in der Fankurve, der solche Geschichten sonst wenig bedeuten – die aber von Beginn an gespürt hatte, dass etwas nicht stimmte.

Kwasniok sah das am Samstag anders. „Man muss erstmal einen finden, der mehr Überzeugung in sich trägt als ich“, sagte er nach dem Spiel. „Ich bin der richtige Mann am richtigen Ort, mit der richtigen Mannschaft, im richtigen Verein.“ Das klang nach einem Mann, der sich selbst zuredet. Doch seine Worte verfingen längst nicht mehr.

Der Trainer eines Aufsteigers, der praktisch jeden Punkt braucht, hat keine langfristige Perspektive. Das wusste Kessler – und er dürfte längst zweigleisig geplant haben. Auf die Frage, ob seine Haltung ergebnisoffen sei, antwortete er nach dem Spiel: „Wenn du jetzt zum wiederholten Mal nicht gewinnst und die Tabellensituation von Woche zu Woche prekärer wird, steht eins über allem: dass der 1. FC Köln in der Bundesliga bleibt.“ Das war keine offene Haltung. Das war eine Ankündigung in Verwaltungssprache. Am Sonntag folgten Taten.

Hätte Köln im Saisonfinale noch eine Serie gestartet, man hätte Kwasniok wohl eine weitere Sommervorbereitung gegeben – einen guten Start hätte er wahrscheinlich erneut hingelegt. Doch seine Position wäre von Spiel zu Spiel noch fragiler geworden. Ohne jeden Rückhalt in eine neue Saison: Das war keine Perspektive.

Wir sind überzeugt, dass René gemeinsam mit unserem Trainerteam und der Mannschaft unser Ziel erreichen wird. Dafür bringt unser Team die Qualität, die Mentalität und die notwendige Bereitschaft mit
Thomas Kessler zur Trainerentscheidung

Schon vor der Partie gegen Mönchengladbach war es nicht mehr um Taktik gegangen, nur noch um Zahlen. Auf die Frage, was für Kwasniok spreche, antwortete Kessler: „Wir haben heute wieder gesehen, dass der Trainer die Mannschaft gut eingestellt hat.“ Dann folgte das Aber: „Am Ende des Tages muss man einen Strich drunter machen und sagen: Es reicht trotzdem nicht, um drei Punkte zu holen.“ Und einen Tag später folgte für den Coach sowie für dessen Co-Trainer Frank Kaspari das Aus. „Wir haben uns am Sonntag sehr intensiv mit unserer aktuellen Situation beschäftigt und sind zu der Entscheidung gekommen, für die letzte Phase der Saison auf der Cheftrainer-Position einen Impuls zu setzen. Lukas’ Fußballwissen und seine fachliche Expertise sind unbestritten. Er hat unsere Mannschaft mit großer Sorgfalt und hohem Engagement auf die Spiele vorbereitet. Trotz leidenschaftlicher und ordentlicher Auftritte war zuletzt ein klarer Abwärtstrend in unserer Entwicklung erkennbar. Wir haben zu wenige Punkte geholt – das ist die Realität. Vor diesem Hintergrund sind wir nach intensiver Analyse zu der Entscheidung gekommen, Lukas freizustellen. Wir danken ihm für seine Arbeit beim FC und wünschen ihm für seinen weiteren Weg alles Gute“, teilte Kessler mit.

Viel zu analysieren gab es dann nicht mehr. Nur noch die Frage, wie es nach Kwasniok weitergehen sollte. Auch die war rasch beantwortet. René Wagner, 38 Jahre alt, bislang Co-Trainer unter Kwasniok, übernimmt. Das klingt nach Verlegenheitslösung – ist es aber nicht. Kessler hatte Wagner bereits im vergangenen Sommer nach Köln geholt, und es war kein Geheimnis, dass dabei auch die Perspektive einer eigenen Cheftrainerrolle eine Rolle spielte. Wagner ist kein gewöhnlicher Aufsteiger. Der Dresdner hat keine Profikarriere vorzuweisen, dafür einen ungewöhnlichen Weg: Wirtschaftsstudium, Collegefußball auf Hawaii, Jugendtrainer in Florida, dann Co-Trainer unter Steffen Baumgart – in Paderborn, dann in Köln, zuletzt beim HSV und Union Berlin.

René Wagner (r.) bewarb sich im Sommer bei Thomas Kessler um die Stelle als Assistenztrainer, nun steigt er zum Chef auf.

René Wagner (r.) bewarb sich im Sommer bei Thomas Kessler um die Stelle als Assistenztrainer, nun steigt er zum Chef auf.

„Wir sind überzeugt, dass René gemeinsam mit unserem Trainerteam und der Mannschaft unser Ziel erreichen wird. Dafür bringt unser Team die Qualität, die Mentalität und die notwendige Bereitschaft mit. René kennen und schätzen wir seit seinem ersten Engagement bei uns als Co-Trainer als ausgewiesenen Fußballfachmann. Er kennt die Mannschaft, hat einen guten Zugang zu den Spielern und wir trauen ihm absolut zu, die vorhandenen guten Leistungen nun auch wieder in positive Ergebnisse zu überführen“, gab sich Kessler überzeugt. Und Wagner erklärte: „Die Verantwortung, die mir der FC übertragen hat, werde ich mit dem gleichen Engagement und der gleichen Hingabe angehen wie meine bisherigen Aufgaben. Gemeinsam mit der Mannschaft, meinen Trainerkollegen, unserem Staff und mit der Unterstützung des gesamten Vereins werde ich alles daransetzen, um in der Bundesliga zu bleiben.“

Stefan Ruthenbeck, dessen Name als möglicher Nachfolger ebenfalls kursierte, wird die FC-Profis nicht wie einst in der Saison 2017/18 übernehmen und bleibt Trainer der U19-Junioren. Zu Friedhelm Funkel nahm Kessler diesmal keinen Kontakt auf. Die 72-jährige Bundesliga-Legende hatte den FC bereits dreimal trainiert – zuletzt am Ende der vergangenen Saison, als er mit der Mannschaft den Bundesliga-Aufstieg perfekt machte. Jetzt muss Wagner dafür sorgen, dass die Kölner auch im Oberhaus bleiben.