Stuttgarts Vorstandschef Alexander Wehrle spricht über Ex-Klub Köln, den FC-Jungstar, das direkte Duell am Freitag und Jürgen Klopp.
VfB-Boss Wehrle„El Malas Verbleib beim FC ist nachvollziehbar“

Seit 2022 Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart: der Ex-Kölner Alexander Wehrle
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Am Freitag (20.30 Uhr) stehen sich der 1. FC Köln und der VfB Stuttgart in Stuttgart im direkten Duell gegenüber. Alexander Wehrle (51) kennt beide Klubs aus dem Effeff: Der gebürtige Bietigheimer begann seine Karriere 2003 beim VfB und war von 2013 bis 2022 Geschäftsführer des 1. FC Köln. Seit März 2022 ist der Diplomverwaltungswissenschaftler Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart, seit April 2022 zudem Aufsichtsratsvorsitzender der DFB GmbH & Co. KG.
Im Gespräch spricht Wehrle über Rekordtransfers rund um den Deadline Day, die Entwicklung des 1. FC Köln und des VfB Stuttgart sowie die Erwartungen an den neuen Bundestrainer Jürgen Klopp.
Herr Wehrle, der Wechsel von Nick Woltemade nach Newcastle United war im vergangenen Sommer eine der großen Geschichten in der Schlussphase der Transferperiode. Wie turbulent waren die letzten Stunden?
Alexander Wehrle: Es war damals ein außergewöhnlicher Transfersommer, weil wir lange mit dem FC Bayern im Dialog waren. Wir hatten eine klare Vorstellung und zugleich Signale aus England, dass am Ende noch etwas passieren würde. Für uns war wichtig, nach dem Abgang von Woltemade mit Bilal El Khannouss und Badredine Bouanani noch zwei Spieler verpflichten zu können.
Bei einer Ablösesumme von mehr als 80 Millionen Euro ist die Verantwortung groß. Wird man da nervös?
Bei solchen Summen trägt man Verantwortung für das Unternehmen. Die Gelder englischer Investorenklubs wirken sich auch auf den deutschen Fußball aus. Deshalb muss man eine Ablöse im Kontext vergleichbarer Transfers bewerten – daran haben wir uns orientiert. In den letzten Tagen und Stunden des Transferfensters ist man schon sehr angespannt. Wenn ein Spieler unbedingt wechseln will und zugleich ein finanzielles Ziel erreicht werden muss, und das klappt dann nicht – dann hat man einen unzufriedenen Spieler und eine Lücke im Etat.
Woltemade ist nach nur einer Saison in Newcastle jetzt schon wieder zu Juventus Turin weitergezogen. Ist das ein Beispiel für den Irrsinn auf dem Transfermarkt?
Das würde ich nicht so sagen. Newcastle hat mit Matthias Jaissle einen neuen deutschen Trainer. Ich gehe davon aus, dass Nick seine Rolle in der Planung bewertet und zu dem Schluss gekommen ist, dass ihm mehr Spielzeit guttun würde. Offenbar hat er sich deshalb für Juventus entschieden. Das kann immer mal passieren.
Was bedeutet die Rekordablöse für einen Klub wie den VfB?
Ich möchte das mal einordnen, weil viel über Ein- und Ausgaben im Transfergeschäft berichtet wird, die nicht das ganze Bild zeigen. Das ist eine Bruttosumme. Es landet also bei weitem nicht der ganze Betrag in der Kasse, weil noch Abgaben an Spieler und Berater anfallen und weil Spieler in der Regel Restbuchwerte haben. Für die mittelfristige Planung war der Transfer dennoch ungemein hilfreich, weil er zu einem positiven Ergebnis und zum Aufbau von Eigenkapital geführt hat. Unser Eigenkapital liegt nun bei 83 Millionen Euro. Das erleichtert es, am Transfermarkt zu agieren und unter Umständen auch einmal ein negatives Ergebnis zu akzeptieren.
Der 1. FC Köln hat in diesem Sommer auf eine mögliche Rekordeinnahme mit Said El Mala verzichtet. Können Sie das nachvollziehen?
Ich bin zu weit weg, um das zu bewerten. Offenbar hatte der FC eine klare Vorstellung und hat daran festgehalten – ähnlich wie wir damals bei Woltemade. Offenbar war kein Klub bereit, diese Vorstellung zu erfüllen. Außerdem wollte El Mala nicht unbedingt weg, sondern hat signalisiert, dass er sich einen Verbleib beim FC vorstellen kann. Deshalb ist die Entscheidung nachvollziehbar.
Er hat eine große Zukunft vor sich. Wichtig ist, dass man in Köln den Druck nicht komplett auf einen 20-Jährigen abwälzt.
Wie schätzen Sie El Mala und seine Entwicklung ein?
Er hat außergewöhnliche Fähigkeiten, die er in der vergangenen Saison eindrucksvoll gezeigt hat. Ich hätte ihn gern schon bei der Nationalmannschaft und bei der WM gesehen. Er hat eine große Zukunft vor sich. Wichtig ist, dass man in Köln den Druck nicht komplett auf einen 20-Jährigen abwälzt. Er muss sich weiterentwickeln dürfen – dazu gehören auch Rückschritte. Beim Bundesligastart hat er trotz des Drucks sofort geliefert und den wichtigen Ausgleich erzielt. Die Anzeichen sprechen dafür, dass er den nächsten Schritt machen wird.
War der VfB auch an El Mala interessiert?
Der VfB hat sich in dieser Transferperiode nicht mit ihm beschäftigt, weil wir auf seinen Positionen bereits gut besetzt waren. Unsere Scouts hatten ihn allerdings schon länger auf dem Radar. Zu konkreten Gesprächen oder Verhandlungen kam es aber nie.

Said El Mala (l., rechts Jan Thielmann) nach seinem Tor zum 1:1 gegen die TSG Hoffenheim
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Damit bleibt der Verkauf von Anthony Modeste im Sommer 2017 der Kölner Rekordtransfer. Überrascht Sie das?
Nein. Der Transfer ist fast zehn Jahre her und war damals höher zu bewerten. Heute sind 28 Millionen Euro im europäischen Fußball gefühlt keine große Summe mehr. Für den FC war es aber ein sehr wichtiger Transfer. Modeste wollte unbedingt nach China und wir haben versucht, das Beste für den Klub herauszuholen. Es war einer der verrücktesten Transfers meiner Laufbahn – mit vielen Wendungen und einer ablösefreien Rückholaktion schon Ende 2018. Die chinesischen Vertragspartner waren nicht die einfachsten. Zum Glück habe ich seitdem keinen Transfer mehr in Verbindung mit Reisschnaps abwickeln müssen. Das war damals nicht gut für meine Leber. (lacht)
Mit Blick auf die Kaderplanung glaube ich, dass der FC nichts mit dem Abstieg zu tun haben wird.
Wie ist der FC für die neue Saison strukturell und sportlich aufgestellt? Und haben Sie Sport-Geschäftsführer Thomas Kessler diese Entwicklung zugetraut?
Von außen nehme ich wahr, dass Ruhe eingekehrt ist, dass der Vorstand Stabilität geschaffen hat und die Geschäftsführung stabil aufgestellt ist. Philipp Liesenfeld war ein langjähriger Mitarbeiter von mir. Thomas Kessler hat bei uns ein Trainee-Programm absolviert. Es ist gut, dass die Geschäftsführung den Klub und sein Umfeld einordnen kann. Mit Blick auf die Kaderplanung glaube ich, dass der FC nichts mit dem Abstieg zu tun haben wird. Ich habe Thomas als Spieler im Mannschaftsrat erlebt. Auch wenn er als zweiter Torhüter sportlich nicht die wichtigste Rolle hatte, hatte seine Stimme schon damals großes Gewicht. Als er den Wunsch äußerte, den DFB-/DFL-Managementlehrgang zu absolvieren, habe ich mich bei Christian Seifert für ihn eingesetzt, obwohl eigentlich alle Plätze belegt waren. Dass er diesen Weg einschlägt, war für mich keine Überraschung.
Wenn man als Geschäftsführer nicht bereit ist, tief in die Kölner Seele einzutauchen, hat man keine Chance.
Kessler ist Ur-Kölner. Wie wichtig ist es, die Kölner Seele und das Umfeld zu verstehen?
Extrem wichtig. Wenn man als Geschäftsführer nicht bereit ist, tief in die Kölner Seele einzutauchen, hat man keine Chance. Die Verbindung der Kölner zu ihrem Klub ist extrem stark. Man muss bereit sein, in Köln anzukommen und die besonderen Eigenschaften der Kölner mitzugehen – dazu gehört der Karneval, aber vieles mehr. Ich mag die Mentalität und die Lebenseinstellung der Kölner sehr. Sie sehen das Glas eher halbvoll als halbleer. Ich bin bis heute regelmäßig bei der Bürgergarde „blau-gold“ beim Rosenmontagszug dabei und habe meine Wohnung in Köln behalten. Während der ersten ein, zwei Jahre nach meiner Rückkehr nach Stuttgart hatte ich immer mal wieder Heimweh nach meiner zweiten Heimat. Inzwischen fühle ich mich in Stuttgart aber wieder rundum wohl.
Sie kennen auch FC-Coach René Wagner aus Ihrer Kölner Zeit. Wie haben Sie ihn erlebt?
Ich habe ihn als sehr angenehmen, engagierten und fleißigen Menschen erlebt. Von seinen Erfahrungen in den USA hat er profitiert. Er war im Innenleben des Teams sehr kommunikativ. Es hat Spaß gemacht, sich mit ihm zu unterhalten. Dass er irgendwann Cheftrainer werden würde, war für mich damals nicht abwegig. Dass diese Konstellation beim FC entstehen würde, war allerdings nicht absehbar.
In den vergangenen vier Jahren hat sich der VfB positiv entwickelt. Natürlich ist vieles einfacher, wenn man sportlichen Erfolg hat.
2022 standen Sie mit dem VfB noch vor dem Abstieg und retteten sich ausgerechnet mit einem 2:1-Sieg am letzten Spieltag gegen den 1. FC Köln. Heute spielt Stuttgart in der Champions League. Das war nicht absehbar, oder?
2022 hätte damit niemand gerechnet. Seitdem sind Kontinuität und Ruhe eingekehrt – im Trainerteam, Vorstand und Verein. Wir haben gute Transferentscheidungen getroffen, mit Porsche einen Anteilseigner gewonnen und das württembergische Weltmarkenbündnis geschmiedet, eine Stiftung gegründet und sind wieder sehr stark in der Stadtgesellschaft präsent. In den vergangenen vier Jahren hat sich der VfB positiv entwickelt. Natürlich ist vieles einfacher, wenn man sportlichen Erfolg hat.
Kann der FC den Anschluss an obere Tabellenregionen herstellen?
Das hängt im Wesentlichen von der Kaderplanung und Kontinuität im Trainerteam ab. Der FC hat durch sein Umfeld, die Stadionauslastung, die Sponsoren und die Euphorie großes Potenzial. Entscheidend sind aber kluge Transferentscheidungen.
Wie blicken Sie auf das Duell mit dem FC?
Wir wollen unsere Heimspiele gewinnen. Köln ist aber sehr gut gestartet und wird mit viel Selbstbewusstsein nach Stuttgart kommen. Es wird mit Sicherheit kein einfaches Spiel. Diese Begegnung ist für mich jedes Mal etwas Besonderes, weil es im Umfeld beider Klubs noch viele Menschen gibt, die ich kenne.
Der FC hat am letzten Tag der Transferperiode noch den ehemaligen Stuttgarter Borna Sosa verpflichtet. Beim VfB hatte er seine stärkste Phase. Trauen Sie ihm nach einer schwierigen Karrierephase zu, wieder an seine stärkste Zeit anzuknüpfen?
Definitiv. Borna ist ein hervorragender Spieler und ein klasse Typ, der viele Sprachen spricht und sich ganz schnell in der neuen Umgebung zurechtfinden wird. Beim VfB ist er besonders wegen seiner gefährlichen Flanken, die zu vielen Toren geführt haben, in bester Erinnerung.
Sie haben den neuen Bundestrainer Jürgen Klopp am Montag beim VfB getroffen. Wie bewerten Sie seine Klubbesuche?
Wir haben uns ausgetauscht und uns bereits beim Auftaktspiel in München gesehen. Klopp wird auch Freitag im Stadion sein. Ich finde es klasse, dass er die einzelnen Klubs besucht und sich viel Zeit nimmt. Er hat ausführlich mit Sebastian Hoeneß und den Nationalspielern gesprochen. Das ist ein gutes Zeichen, weil die notwendige Zeit für Kommunikation wichtig ist.
Jürgen Klopp wird Deutschland nicht allein wieder an die Weltspitze führen. Seine Verpflichtung kann aber eine neue Aufbruchsstimmung rund um die Nationalmannschaft erzeugen.
Sie sind auch DFB-Aufsichtsratsvorsitzender. Sind die Erwartungen an Klopp zu groß?
Wir sind gut beraten, ihm und uns die notwendige Zeit zu geben, etwas aufzubauen. Ich halte wenig davon, die ersten Spiele nur an Ergebnissen zu messen. Es geht darum, mittel- und langfristig etwas zu entwickeln – mit dem Ziel, eine gute EM 2028 und eine gute WM 2030 zu spielen. Dazwischen gilt es, möglichst schnell eine Achse und eine Formation zu finden. Deutschland hat immer noch herausragende Einzelspieler. Jetzt geht es darum, daraus ein Team zu formen.
Trauen Sie Klopp zu, die Nationalelf wieder in Richtung Weltspitze zu führen?
Da bin ich sehr zuversichtlich. Klopp wird Deutschland nicht allein wieder an die Weltspitze führen. Dafür braucht es eine funktionierende Mannschaft, klare Strukturen und die notwendige Geduld. Doch er nimmt sich bereits die Zeit, die Klubs und Spieler kennenzulernen, und bringt die Erfahrung und Ausstrahlung mit, um einer Mannschaft Orientierung zu geben. Seine Verpflichtung kann eine neue Aufbruchsstimmung rund um die Nationalmannschaft erzeugen.
Stichwort DFB: Was ist Ihre Position zum seit Monaten schwelenden Streit um eine Regionalliga-Reform?
Ich halte den Vorstoß von DFB-Präsident Bernd Neuendorf für richtig und unterstütze ihn. Wir müssen dieses Thema endlich lösen und dafür sorgen, dass die Meister der Regionalliga-Staffeln aufsteigen. Das Kompass-Modell ist dafür in einer komplizierten Ausgangslage die beste Lösung und ich finde gut, dass sich auch das Bundesliga-Präsidium dafür ausgesprochen hat.
