Supertalent von Bayer 04Warum Florian Wirtz auf dem Weg zum Weltstar ist

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Bayerns Eric Dier, Joshua Kimmich und Raphael Guerreiro verfolgen Levekusens Florian Wirtz.

Bayerns Eric Dier, Joshua Kimmich und Raphael Guerreiro verfolgen Levekusens Florian Wirtz.

Leverkusens Florian Wirtz überragte beim 3:0 gegen den FC Bayern auch ohne Torbeteiligung. Weil er ein sich aufopferndes Genie ist.

Florian Wirtz will in diesen Wochen nicht öffentlich sprechen. Das ein oder andere Fernsehinterview direkt nach dem Spiel lässt sich für ihn zwar nicht vermeiden, ansonsten blockt er Medienanfragen aber konsequent ab. Er habe keine Lust, die immer selben Fragen zu einem möglichen Wechsel weg von Bayer Leverkusen zu beantworten, heißt es aus dem Verein. Irgendwann werde er sich sicher mal wieder stellen.

In der Zwischenzeit lässt der 20-Jährige Taten sprechen. Wirtz ist ein großes Puzzleteil im Bayer-04-Gebilde dieser Saison. Das Supertalent reift und erweitert die Palette seines Könnens um Eigenschaften, die ihn in naher Zukunft von anderen Superstars abheben werden.

Beim 3:0 am Samstagabend gegen den FC Bayern München trabt Wirtz in der 90. Minute zur Außenlinie, wird für die letzten Sekunden des Spiels von Adam Hlozek ersetzt. Er ist sichtlich erschöpft, erntet großen Applaus vom Publikum. Wirtz war an diesem Abend an keinem der Tore direkt beteiligt und doch war er wieder mal ein Unterschiedsspieler in dieser Werkself. Die Statistik weist 33 Sprints und 12,64 gelaufene Kilometer aus – in beiden Kategorien führt er am Samstag das Feld aller eingesetzten Spieler in der Bay-Arena an.

Genialität und Wille

Es ist nicht das erste Mal in dieser Saison, dass offensichtlich wird, dass dieser junge Mann nicht nur mit fußballerischer Genialität gesegnet ist, sondern auch den Willen besitzt, sich für die Mannschaft aufzuopfern. Schaut man in die höchsten Regale im Weltfußball – und in die kann und will sich Wirtz mittelfristig einordnen – ist das eine eher rare Kombination. Lionel Messi weigert sich konsequent gegen den Ball zu arbeiten, Cristiano Ronaldo ebenfalls. Auch Kylian Mbappé gilt nicht als Kämpfernatur.

Wirtz hingegen ist auch dann ein Faktor für sein Team, wenn er nicht gerade leichtfüßig durch die gegnerischen Reihen tänzelt und mit einem perfekten Schnittstellenpass eine komplette Abwehrkette bloßstellt, oder mit fantastischer Schusstechnik ein Traumtor erzielt. Nein, der gebürtige Pulheimer ist in dieser Spielzeit unter Trainer Xabi Alonso auch ein überragender erster Verteidiger. Die gesammelten Sprints und Kilometer holt er vor allem als Anläufer, der das Aufbauspiel der Gegner stören soll. Immer wieder attackiert er Verteidiger oder Mittelfeldspieler, um frühe Ballgewinne zu erzwingen. „Wie Florian Wirtz, bei aller seiner spielerischen Klasse, bis zum Anschlag alles gibt, ist unglaublich“, lobt etwa DFB-Sportdirektor Rudi Völler.

23 Scorerpunkte in 29 Partien

Wirtz hat im Erfolgsfall einer Balleroberung nah am gegnerischen Tor natürlich auch einen großen Vorteil. Er kann mit seinen außergewöhnlichen fußballerischen Fähigkeiten direkt für große Gefahr sorgen. Neben der feinen Technik und der schnellen Auffassungsgabe ist Wirtz in der Lage, mit Ball am Fuß Tempo aufzunehmen, wie es nur wenigen anderen Spielern gelingt. In 29 Partien in Liga, Pokal und Europa League hat der Mann, dessen Marktwert auf 100 Millionen Euro geschätzt wird, bisher 23 Scorerpunkte gesammelt (acht Tore, 15 Vorlagen).

Es hätten auch mehr sein können, wären seine Mitspieler, oder er selbst noch konsequenter im Abschluss. Neben diesem Manko kann Wirtz womöglich noch robuster im Zweikampf und noch konzentrierter beim ersten Kontakt werden. Das ist allerdings Jammern auf hohem Niveau und leichter Optimierungsbedarf für die kommenden Jahre. Der Weg des 20-Jährigen ist vorgezeichnet und wird aller Voraussicht nach zu den mächtigsten Klubs der Welt führen. Auch ein Kreuzbandriss im März 2022 konnte ihn nicht stoppen, warf ihn höchstens im Zeitplan ein wenig zurück.

Wann Wirtz die nächsten Schritte seiner Karriere angehen wird, bleibt offen. Im Juni 2022 hat er in Leverkusen bis 2027 verlängert. Zu den Gerüchten über einen Abgang im kommenden Sommer erneuerte Werkself-Sportgeschäftsführer Simon Rolfes am Sonntag seine Botschaft: „Ein Verbleib ist für ihn das Richtige. So wie er spielt, merkt man, dass er ein Umfeld hat, in dem er sich entwickeln kann.“ Zum Umfeld gehören natürlich auch seine Eltern Hans Wirtz und Karin Groß. Sein Vater und Berater, der das Spiel gegen die Bayern auf der Tribüne mit grüner Karnevals-Perücke und Schals von Bayer 04 und GW Brauweiler (Florian Wirtz' Stammverein) verfolgte, hatte zuletzt betont, dass man im Fußball nichts ausschließen könne, aber: „Mein Bauch sagt mir: Florian ist noch jung. Er hat noch einen Teil seiner Entwicklung zu gehen. Dafür ist Leverkusen eine gute Ausbildungsstätte.“

Im Klub ist man sich bewusst darüber, dass Florian Wirtz vor allem eines möchte: Titel gewinnen. In dieser Saison spricht Vieles dafür, dass das auch mit Bayer 04 möglich ist – in allen Wettbewerben. Deshalb gehen die Gedankenspiele auch in eine andere Richtung. „Ich bin davon überzeugt, dass er über 2024 bei uns bleibt“, sagte Fernando Carro, Vorsitzender der Geschäftsführung, und kündigte an: „Vielleicht müssen wir nicht über einen Weggang, sondern vielmehr über eine weitere Verlängerung mit Florian Wirtz sprechen.“ Wenn Wirtz denn mit Carro und Rolfes darüber sprechen will.

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