Bayer 04 will in Monheim-Süd ein neues Leistungszentrum für Profis und Nachwuchsspieler bauen. Klub und Bayer AG erhöhen den Druck. Abstimmung am Mittwoch.
Monheimer RatMachtspiele um den Campus von Bayer 04

So soll der neue Bayer-04-Campus im Monheimer Süden aussehen. Links unten: Bayer Crop Science.
Copyright: rendertaxi GmbH Alexander Pfeiffer und Felix Volland
Ratssaal in Monheim, Tagesordnungspunkt sieben, Nummer XI/0328 – zwischen Diskussionen über verkaufsoffene Sonntage und die Umbenennung einer Ganztagsschule entscheidet der Monheimer Stadtrat am Mittwochabend über die Voraussetzung für europäischen Spitzenfußball in Leverkusen. Es geht um einen Aufstellungsbeschluss für den geplanten Bayer-04-Campus – und um die Zukunft eines der erfolgreichsten Fußballvereine in Nordrhein-Westfalen.
Nordwestlich der Alfred-Nobel-Straße in Monheim-Süd soll auf 14,7 Hektar ein Leistungszentrum für Profis und Nachwuchsspieler entstehen. Geplant sind ein Hauptgebäude, ein Nebengebäude und zehneinhalb Fußballplätze. Vor mehr als zehn Jahren begann die Suche nach einem geeigneten Standort in Leverkusen und Umgebung. Vorgesehen waren 30 Hektar und 15 Plätze. Rund 70 Flächen wurden geprüft, keine erwies sich als geeignet. Am Ende blieb der Standort in Monheim übrig: auf einem Grundstück der Bayer AG, für das teilweise bereits Baurecht besteht.
Das Vorhaben schrumpfte über die Jahre. Zunächst auf 22 Hektar, dann auf 17,8. Jetzt ist das Vorhaben – aus Sicht von Bayer 04 – auf das absolute Minimum geschrumpft. „Das ist bereits unser Plan C. Wir haben keine andere Fläche, auf der dieses Projekt im zur Verfügung stehenden Zeitrahmen umgesetzt werden kann“, sagt Anne Dannenberg, geschäftsführende Projektleiterin bei Bayer 04, im Gespräch mit unserer Redaktion.
A1-Ausbau gibt Zeitrahmen vor
Den Zeitrahmen bestimmt vor allem der Ausbau der A1. Die auf Stelzen an der Bay-Arena vorbeiführende Autobahn wird ab 2032 umgebaut und um zwölf Meter in Richtung Stadion erweitert. Dafür müssen unter anderem die Trainingsplätze an der Arena den Bauarbeiten weichen. Das heißt: Spätestens dann muss die Alternative bereitstehen. Nach dem aktuellen Zeitplan soll der Bau in Monheim 2028 beginnen, der Umzug ab 2030 erfolgen. Doch auch unabhängig vom Ausbau der A1 braucht der Klub bessere Trainingsbedingungen, um mit der europäischen Spitze mithalten zu können.
Das Problem: Bayer 04 ist zum Spielball der Monheimer Politik geworden. Machtspiele haben den Prozess in den vergangenen Monaten geprägt. Zu Beginn der Planungen regierte die Peto-Partei mit absoluter Mehrheit im Rat. Sie unterstützte das Campus-Projekt. Vor der Wahl 2025 machten sich die anderen Parteien die Ablehnung des Projekts zu eigen, um Stimmen von Gegnern zu gewinnen – vor allem von direkten Anwohnern. Das Ergebnis: Teile der CDU, SPD und Grüne haben starke Vorbehalte und wollen ihr Wahlversprechen durchsetzen. Als Gründe nennen sie den Klimaschutz und die Bedenken der Anwohner. Eine „Kaltluftentstehungsfläche“ müsse erhalten bleiben. Die Lautstärke sei ein Problem. Tiere müssten bei einem möglichen Hochwasser des Rheins einen Rückzugsort haben.
Bayer 04 hat all diese Bedenken aufgenommen und sein Projekt insgesamt dreimal angepasst. Nun sollen Gutachten klären, ob die verbleibenden Fragen ausgeräumt werden können. Denn am Mittwochabend geht es nicht etwa um eine Baugenehmigung, sondern zunächst nur um einen Antrag auf ein Bebauungsplanverfahren. Der Vorwurf aus Reihen des Bundesligisten: Die Kritiker argumentieren derzeit nicht mit belastbaren Daten, sondern mit Annahmen und Befürchtungen. Der Verdacht dränge sich auf, dass die politischen Gegner die Ergebnisse der Gutachter fürchten und dem Projekt deshalb so früh wie möglich einen Riegel vorschieben möchten.
Der Doublesieger von 2024 möchte die Chance erhalten, alle Bedenken mit Fakten auszuräumen. „Deswegen haben wir den Antrag auf ein Bebauungsplanverfahren gestellt. In einem solchen Verfahren prüfen Gutachter und Fachbehörden mit Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger fair und transparent, ob und wie der Campus auf unserer eigenen Fläche möglich ist“, betont Dannenberg. Simon Rolfes, der sich als Sport-Geschäftsführer von Bayer 04 Leverkusen in der Regel eher diplomatisch äußert, schlug in der vergangenen Woche einen ungewohnt scharfen Ton an: „Unser Campus wird von der Lokalpolitik blockiert, zerredet, verzögert“, schrieb er auf Linkedin. „Es geht vor allem darum, was alles nicht geht. Unternehmen, die investieren möchten, gelten als störend, als Gefahr. So baut man keine Zukunft, so verhindert man sie. Genau darin sehe ich ein grundsätzliches Problem. (…) Wenn wir aber weiter glauben, wir könnten mit Selbstzufriedenheit und struktureller Trägheit zur Spitze gehören, dann werden wir uns leider an solche Turniersommer wie 2026 gewöhnen müssen. Allein diese Vorstellung ist für mich unerträglich. Wer Spitzenleistungen will, muss Spitzenbedingungen schaffen.“
Die Bayer AG hat zudem den Druck auf die Politik vor der Ratsentscheidung erhöht. In der vergangenen Woche reichte das Unternehmen eine Bauvoranfrage für das diskutierte Areal ein. Dort könnten somit mehrere hohe Gewerbegebäude statt des Leistungszentrums entstehen. Zudem sagte Vorstandschef Bill Anderson der „Welt“: „Ob Verein oder Unternehmen: Wir sind auf ein gutes Miteinander an unseren Standorten überall auf der Welt angewiesen. Deswegen beobachten wir bei Bayer natürlich sehr genau die aktuellen Aussagen, Entwicklungen und Entscheidungen in Monheim, die wir jeweils entsprechend bewerten.“ Bayer ist mit rund 2200 Beschäftigten der größte Arbeitgeber Monheims. Die Landwirtschaftssparte Crop Science hat dort ihren Hauptsitz. Bayer und Bayer 04 würden das rund 120 Millionen Euro teure Campus-Projekt vollständig aus eigenen Mitteln finanzieren.
„Ein Punkt ist besonders wichtig: Das vorgeschlagene Gelände gehört bereits Bayer“, schrieb Fernando Carro, Vorsitzender der Geschäftsführung von Bayer 04, am Montag auf Linkedin. „Bayer 04 fordert keine öffentliche Finanzierung. Wir bitten einfach um die Möglichkeit, in unsere eigene Zukunft – auf unserem eigenen Land – und gleichzeitig in die Zukunft der Region zu investieren. (…) Ich bleibe optimistisch, weil ich immer noch glaube, dass Fakten, Dialog und eine gemeinsame Vision für die Zukunft sich durchsetzen können. Großartige Leistungen entstehen nicht zufällig. Sie werden über viele Jahre hinweg gebaut.“ Sollte der Antrag am Mittwochabend im holzvertäfelten Monheimer Ratssaal nicht die nötige einfache Mehrheit erhalten, bliebe als letzte Chance auf den Campus ein Bürgerentscheid. Dieser müsste zunächst beantragt werden. Der Leverkusener Bundesligist hofft, dass dieser Umweg, der erneut viel Zeit kosten würde, nicht nötig wird.

