Leverkusen/München – Eine beliebte Weisheit besagt seit Trainer-Generationen, dass es in der Fußball-Bundesliga keine leichteren Spiele gibt als die gegen Bayern München. Weil man immer Außenseiter sei, nie etwas zu verlieren habe und für maximale Motivation nicht extra gesorgt werden müsse.
Für Bayer 04 Leverkusen gilt diese Weisheit nicht. Die letzten vier Duelle mit dem Rekordmeister gingen verloren. Gegen kein Team wartet die Werkself länger auf einen Punktgewinn. Bayer 04 verlor sieben der letzten zehn Duelle mit einem Spitzenreiter (der fast immer Bayern München hieß) und ist seit zehn Spielen sieglos gegen einen Spitzenreiter (der fast immer Bayern München hieß). Bayern München dagegen hat alle zehn Duelle mit Mannschaften aus der Top-10 der Liga gewonnen. Und marschiert als Spitzenreiter acht Punkte vor Dortmund und 16 vor Leverkusen mit 75 Treffern nach 24 Spieltagen auf einen Tor-Rekord in der Bundesliga zu.
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Es ist verständlich, dass Bayer-04-Trainer Gerardo Seoane alles tut, um dieses Top-Spiel des 25. Spieltages (Samstag, 15.30 Uhr/Sky) nicht mit zusätzlichen Superlativen und Extremen aufzuladen. Auch auf die schmerzhafte Erfahrung der 1:5-Niederlage im Hinspiel will er sich nicht ansprechen lassen. „Uns interessiert nicht, was gesprochen und geschrieben wird“, sagt der Schweizer, „wir gehen unseren eigenen Weg, wir sind in jedem Spiel gleich motiviert. Trotzdem haben gewisse Spiele einen zusätzlichen Reiz. Und in München zu spielen, hat so einen Reiz, weil man weiß, dass eine gute Leistung in der Regel nicht reicht.“
Personell haben beide Teams mit Schwächungen zu kämpfen. Bayer 04 muss weiter auf Torjäger Patrick Schick (Wadenverletzung) verzichten und bangt um den wichtigen Mittelfeldkämpfer Robert Andrich, der nach seiner Muskelblessur von Mainz bis Freitag nur individuell trainiert hat. Die Entscheidung über seinen Einsatz fällt kurzfristig. Die Münchner treten ohne Nationaltorhüter Manuel Neuer (nach Knie-OP gerade erst ins Teamtraining eingestiegen) und ohne Abwehrspieler Lucas Hernandez (5. Gelbe Karte) an, was schwer wiegt, weil er der beste Ersatz für den immer noch an den Folgen einer Herzmuskelentzündung leidenden Alphonso Davies ist. Und hier, auf der linken Verteidigungsseite der Bayern, wird Bayer 04 mit der verrückten Schnelligkeit von Jeremie Frimpong und Moussa Diaby viel Schrecken beim Rekordmeister verbreiten können.
Auf Nachfrage schwärmt der sachliche Fußballlehrer Seoane von den Entwicklungsschritten des Franzosen Diaby, der in den letzten fünf Spielen sieben Tore erzielt hat: „Das liegt vor allem am Spieler selbst, an seiner technischen Qualität. Moussa hat große Qualitäten im Dribbling und im Abschluss und ist auch fähig zur Selbstkritik. Es ist eine Kombination zwischen technischen Fertigkeiten und Fähigkeiten im mentalen Bereich. Er versteht, welches Entwicklungspotenzial er noch hat.“ Es liegt in der analytischen Natur des modernen gläsernen Fußballs, dass kein Trainer den anderen mehr überraschen wird. Bayern-Trainer Julian Nagelsmann kann präzise zusammenfassen, wie er der übermäßig talentierten und schnellen Werkself begegnen muss: „Für uns wird die Restverteidigung ganz wichtig sein, weil die vier Umschaltspieler bei Leverkusen extrem gefährlich sind, darauf müssen wir achten. Egal wer da spielt, sie haben extrem viel Speed. Darauf müssen wir gefasst sein.“Vorne und hinten stabil sein
Ebenso präzise beschreibt der Kollege Seoane, was passieren muss, damit sein Plan funktioniert: „Es braucht eine Top-Leistung im Spiel nach vorne. Es braucht einen Extra-Effort im Defensivbereich. Wir werden viel verteidigen müssen. Wir müssen es schaffen, dass die Bayern ihr Offensivspiel nicht wie gewohnt dem Gegner aufdrücken können.“ Und schließlich gelte: „Je länger wir im Spiel bleiben, desto größer die Chance, dass wir etwas mitnehmen.“