Köln – Kurz bevor das Siebenmeterwerfen beginnt, lehnt Filip Jicha am Torpfosten und starrt ins Leere. Die Lanxess-Arena bebt, aber der THW-Trainer steht da ganz allein, überwältigt von einem nervenaufreibenden Spiel um Platz Drei gegen den KC Veszprém. Nach der regulären Spielzeit steht es 34:34, deshalb muss das Siebenmeter-Duell entscheiden.
Für Kiel treffen drei von vier Schützen. Bei Veszprém verschießt einer, zweimal hält Niklas Landin im Tor des THW. Schlusspfiff, Jubel, Ekstase. Und jetzt bricht es auch aus Filip Jicha heraus.

THW-Trainer Filip Jicha.
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Eigentlich geht es beim Final Four ja vor allem um solche Momente: Sportliche Höchstleistungen im Kampf um den Champions-League-Titel. Aber längst hat sich das Turnier zu einem Festival der Handballverrückten entwickelt. Und so lohnt an diesem Wochenende auch ein Blick vor die Halle – und hinter die Kulissen.

Fans von Kielce dominieren das Bild in der Lanxess-Arena.
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Es ist 14 Uhr am Samstag, als ein Meer aus gelben Trikots den Vorplatz der Lanxess-Arena überschwemmt. Die Fans von KS Kielce sind angekommen und haben sich am Bierstand postiert. Zwei Anpeitscher mit verspiegelten Sonnenbrillen und schwarzen Anglerhüten schlagen auf ihre Trommeln ein, ein dritter greift zum Megafon.
Gabor gefällt das gar nicht. Er steht an der Brandung des gelben Trikotmeers und winkt ab. „Wir müssen sie nachher zum Schweigen bringen“, sagt der Ungar aus Veszprém und lacht. „Aber nicht hier, sondern auf dem Platz.“

Showtime in der Kölner Lanxess-Arena.
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Das hört sich martialischer an, als es gemeint ist: Eine halbe Stunde später, zum Anpfiff des ersten Halbfinals um 15.15 Uhr, singen sich die Fangruppen in der Halle gegenseitig an. Aber kein Bierbecher fliegt, keine Polizeikette muss die Lager voneinander trennen. Der Kampf zwischen den beiden Rivalen findet allein auf der Platte statt. Angetrieben vom eigenen Fan-Block gewinnen die Polen 37:35.

Hat schon im Rheinland gespielt: Kentin Mahé.
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17.20 Uhr. Im Interviewbereich steht ein verschwitzter Kentin Mahé und blinzelt ins Licht der Kameras. Abgekämpft sieht der Franzose aus, der früher für Gummersbach und den DHC Rheinland gespielt hat und heute für Veszprém aufläuft.
„Ich liebe Köln“, sagt Mahé. „Umso mehr schmerzt die Niederlage. Ich liebe diese Halle, ich liebe unsere Fans. Die haben so viel geopfert, um uns zu unterstützen, und wir verlieren. Deswegen ist das so, so bitter.“
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Vor der Halle steht an diesem Mittag Per Kling und sucht seinen Fanblock. Auch der junge Kieler ist zum Unterstützen dabei, erstmals bei einem Final Four. Natürlich hofft er im zweiten Halbfinale auf einen Sieg der Norddeutschen gegen den FC Barcelona. Aber er weiß auch: „Das wird hart.“
18 Uhr. Die „weiße Wand“ in der Halle steht. Lautstark feuern die Kieler Fans ihre Mannschaft an, die lange mithält. Erst in der zweiten Halbzeit wird es deutlich, Barcelona gewinnt 34:30.

Der Kölner Dom verschwindet in Rauchschwaden.
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Es ist 12 Uhr am Sonntag, als gelber Rauch über dem Kölner Dom aufsteigt. Wieder sind es die Fans aus Kielce, die am meisten Stimmung machen. Als sich der Fanmarsch in Bewegung setzt, stehen rotgekleidete Veszprém-Fans Spalier. Die Polen bedanken sich mit „Ungarn, Ungarn“-Chören.
Polen, Kieler, Spanier und Ungarn sind aber nicht die einzigen Handballverrückten, die nach Köln gereist sind. Am Sonntagmittag feiert vor der Arena eine Gruppe aus sieben Männern mit grünen Hüten, grünen Röcken und roten Kunstbärten. Es handelt sich um Dublin City Handball, den irischen Meister.

Auch Iren sind in Köln dabei.
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„Handball ist in Irland völlig unbekannt“, erklärt ein schon leicht angetrunkener Spanier, der seit einigen Jahren für die Dubliner spielt. Für den European Cup, den kleinen Bruder der Champions League, wären die Dubliner trotzdem qualifiziert.
„Nur das Geld für die Reisen fehlt uns“, sagt einer. Die Chancen scheinen also eher gering, dass die sieben Männer in grünen Röcken bei ihrem nächsten Final Four in Köln selbst auf dem Feld stehen müssen.
EHF startet eigenen Stream
Für alle Fans, die in diesem Jahr nicht live in Köln dabei sein können, steht ein gläserner Container auf dem Vorplatz der Arena. Darin sitzen zwei Männer auf Barhockern und sprechen in Mikros. Um sie herum Technik, Kameras, Mischpulte.
Zum ersten Mal bei einem Final Four wird hier ein Twitch-Stream in die Welt gesendet. Twitch ist eine Plattform für Livestreams, das Fernsehen der Zukunft sozusagen. Die EHF ist schon länger auf Twitch unterwegs, um sich neue Märkte zu erschließen.
52 Stunden Handball pur
Der Livestream beim Final Four aber ist eine Premiere: Knapp 52 Stunden lang wird durchgesendet, in der Nacht übernehmen brasilianische und US-amerikanische Kollegen. Anders als bei ARD und ZDF können die Nutzer hier sogar mit den Moderatoren interagieren, Kommentare schreiben, Fragen stellen.

So kennen ihn viele: Kevin Gerwin ist auch Hallensprecher bei den Rhein-Neckar Löwen.
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„Genau das gefällt mir so an diesem Format“, sagt Kevin Gerwin, den viele als Hallensprecher der Rhein-Neckar Löwen kennen und der in Köln mehrere Stunden am Stück mit moderiert. Vieles im Studio der EHF entsteht spontan, manche Gäste stehen erst Minuten vor ihrem Live-Auftritt fest. „Ich liebe dieses Chaos“, sagt Gerwin dazu und lacht. „Solche Live-Momente machen es aus.“
14.15 Uhr. Ein weiterer besonderer Fan steht kurz vor dem Bronze-Match auf dem Dach der Lanxess-Arena und genießt den Blick über Köln. Dominik Klein kennt den Hexenkessel unter seinen Füßen gut: 2007 wurde er hier Weltmeister, dreimal stand er mit Kiel und dem HBC Nantes schon im Final Four.
Zweimal Topform in 24 Stunden
Was das Besondere an diesem Turnier ist? „Innerhalb von 24 Stunden musst du zweimal top performen. Und die Arena ist aufgeteilt wie ein Kuchen: In jeder Ecke steht der Block von einem anderen Team und macht Lärm.“
Womit die Stimmung für die Finals gesetzt wäre. Um 15.15 beginnt der Krimi zwischen dem THW Kiel und KC Veszprém. Und um 17.30 Uhr drängt wieder ein Meer aus gelben Trikots in die Halle – zum Finale eines denkwürdigen Wochenendes.



