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Die neue Macht im FußballWie Standards das Spiel verändern und die Geister scheiden

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Schweiz-Torwart Gregor Kobel

Tor nach einer Ecke: Der Schweizer Torwart Gregor Kobel kann den Kopfball von Jonathan Tah nicht halten. (Archivbild)

Für manche sind sie die unschöne Seite des Spiels, für andere ein entscheidender Faktor. Die Bedeutung von Standardsituationen wächst stetig.

Ruhender Ball im Fokus: Wie Standards den modernen Fußball prägen. Die wiederentdeckte Bedeutung des ruhenden Balles sorgt für hitzige Diskussionen. Kritiker wie der ehemalige niederländische Nationalspieler Ruud Gullit und Liverpool-Coach Arne Slot bemängeln eine vermeintliche Unansehnlichkeit des zeitgenössischen Fußballs. Nach einem Spiel zwischen dem FC Arsenal und dem FC Chelsea, in dem sämtliche Treffer aus Eckbällen resultierten, kündigte Gullit an, keine Partien mehr verfolgen zu wollen. „Ich genieße es nicht mehr“, äußerte der Europameister von 1988, wie die dpa meldet.

Demgegenüber räumt Bundestrainer Julian Nagelsmann Standardsituationen einen derart großen Stellenwert ein, dass für seinen Assistenten Mads Buttgereit eine neue Stelle geschaffen wurde. Dieser soll sich nun vollständig auf das Ausarbeiten von Varianten konzentrieren, die potenziell die WM im Sommer entscheiden könnten. Ein Beispiel für den Erfolg ist der FC Arsenal: Der Dominator der englischen Premier League sicherte sich fast die Hälfte seiner Erfolge durch Eckstöße und steuert auf den Meistertitel zu.

Die Evolution der Standards und ihre Trainer

Die Fokussierung auf Standardsituationen wie Eckbälle, Einwürfe und Freistöße ist keineswegs ein neues Phänomen. So erzielte beispielsweise das Team von Stoke City im Zeitraum von 2008 bis 2013 in der Premier League einen Anteil von 43 Prozent seiner Treffer im Anschluss an eine Spielunterbrechung.

Eine neue Stufe erreichten Standardsituationen mit der Übernahme des dänischen Vereins FC Midtjylland durch den Sportwetten-Millionär und Daten-Nerd Matthew Benham. Der zuvor genannte Mads Buttgereit erhielt eine Anstellung als Spezialist für Standards. Gleichzeitig wurde Thomas Grönnemark, der später zum Trainerstab von Jürgen Klopp in Liverpool gehörte, als Coach für Einwürfe engagiert. Daraufhin gewann der FCM zum ersten Mal die Meisterschaft. Benham adaptierte dieses Erfolgsmodell für seinen zweiten Verein Brentford, der inzwischen in der Premier League antritt.

Julian Nagelsmann und Mads Buttgereit

Standard-Flüsterer Mads Buttgereit (r) mit Bundestrainer Julian Nagelsmann. (Archivbild)

Während in der Vergangenheit vorwiegend Mannschaften wie Midtjylland und Stoke Standards nutzten, um spielerische Defizite zu kompensieren, erweitern heutzutage Spitzenklubs wie Arsenal oder Chelsea ihr taktisches Arsenal damit maßgeblich.

Buttgereit, der Assistent von Nagelsmann, gehört zu den Koryphäen in diesem Bereich. Aktuell wird jedoch viel über einen ehemaligen Kollegen diskutiert: Nicolas Jover, der die Verantwortung für die Standards beim FC Arsenal trägt. Einige betrachten ihn als Totengräber des ästhetischen Fußballs. „Ich sehe Spieler, die nur Eckbälle herausholen wollen“, äußerte Gullit. „Fußball ist furchtbar geworden.“ Im Gegensatz dazu nennt Buttgereit seinen Kollegen Jover ein Genie.

Nicolas Jover

Nicolas Jover (l) ist der Standardtrainer des FC Arsenal. (Archivbild)

„Unter ihm haben Standards eine andere Dimension bekommen“, erklärte der ehemalige Nationalspieler Shkodran Mustafi gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ bezüglich Jover. Set-Pieces haben gelegentlich auch eine abschreckende Wirkung, weil Gegenspieler Zweikämpfe umsichtiger führen, um keinen Eckball zu verursachen. Beim Bundesligaklub 1. FC Union Berlin ist Sebastian Bönig schon seit 2014 für die Standards zuständig, was wesentlich zum Aufstieg des Vereins von der zweiten deutschen Spielklasse bis in die Champions League beitrug.

Die Aufgabenverteilung der Akteure

Heutzutage ist ein Eckstoß eine vollständig choreografierte Aktion, vergleichbar mit einem Playbook aus dem American Football. Jedem Akteur kommt eine definierte Aufgabe zu. Man unterscheidet Schützen, die den Ball mit Effet zum Tor (In-Swinger) oder vom Tor weg (Out-Swinger) treten. Sogenannte Zielspieler haben die Aufgabe, den Ball in Richtung Tor zu bringen. Andere Akteure sollen durch ihre Laufwege ablenken oder als Blocker Gegenspieler binden und somit Raum generieren.

Gegenwärtig werden die Blocks gegen Torhüter innerhalb des Fünfmeterraums höchst kontrovers diskutiert. Trainer wie Slot und auch Kasper Hjulmand von Leverkusen kritisierten eine zu nachsichtige Interpretation der Regeln. „Hier kannst du dem Torwart fast ins Gesicht schlagen“, äußerte sich Slot zur Premier League. Der Dortmunder Schlussmann Gregor Kobel befand: „Ich finde, die Blocks, die man im Moment stellen kann, sind aus Torwartsicht krass.“

Standards im Fokus der Nationalelf

„Die Anzahl an Standardtoren ist eh schon extrem. Und ich befürchte, in Anführungszeichen, dass sie auch noch höher wird“, so die Einschätzung von Bundestrainer Nagelsmann laut dpa. Diese Entwicklung lässt sich am DFB-Team nachvollziehen: Während bei der Heim-EM 2024 kein Treffer nach einem Standard gelang (Elfmeter nicht mitgezählt), rangierte die Mannschaft in der darauffolgenden Nations League gemeinsam mit Frankreich an der Spitze. In der letzten WM-Qualifikation war Deutschland das erfolgreichste Team unter den führenden Fußballnationen.

Nico Schlotterbeck

Nico Schlotterbeck steigt zum Kopfball hoch. (Archivbild)

Für die Ausführung sind im Nationalteam David Raum, Joshua Kimmich und Florian Wirtz eingeplant. „Er geht uns damit auch auf die Nerven“, kommentierte Raum mit einem Augenzwinkern die Arbeit von Buttgereit. Dieser muss sich für die WM nun neue Spielzüge einfallen lassen.

FC Arsenal als aktueller Maßstab

Der FC Arsenal wird momentan als das führende Beispiel angesehen. Der Tabellenführer der Premier League errang in 31 Partien 21 Siege, wobei in neun Fällen der siegbringende Treffer nach einem Eckstoß fiel. Ungefähr 35 Prozent aller Tore erzielt Arsenal aus Situationen mit ruhendem Ball, womit der Klub den Ligadurchschnitt in dieser Spielzeit um rund zehn Prozentpunkte übertrifft. Bei Eckbällen besetzt das Team den Fünfmeterraum des Gegners massiv, sodass der Ball notfalls auch per Zufall ins Tor gelangen kann.

Ein unansehnliches Spiel? Trainer Mikel Arteta teilt diese Bewertung nicht. „Für mich ist es wunderschön“, konterte er. „Es ist so viel Qualität auf dem Platz, deshalb sind die Unterschiede sehr, sehr klein. Am Ende entscheiden einzelne Duelle diese Spiele.“ (red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.