Peter Hermann, langjähriger und beliebter Co-Trainer bei vielen Bundesligisten, ist im Alter von 74 Jahren verstorben.
Nachruf auf Bayer-04-Ikone Peter HermannDer Fußball hat eine reine Seele verloren

Viele Jahre arbeitete Peter Hermann für Bayer 04 Leverkusen, war ein Urgestein des Werksklubs.
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In der Bay-Arena blieb am Sonntag im Spiel gegen RB Leipzig (2:0) ein Platz leer. Deshalb schwiegen rund 30.000 Menschen eine Minute lang und die Spieler von Bayer 04 Leverkusen trugen ein schwarzes Armband zum Zeichen der Trauer. Peter Hermann war nicht mehr gekommen. Der Fußball-Trainer verstarb am Tag zuvor im Alter von 74 Jahren an den Folgen der unheilbaren Nervenkrankheit ALS. Dieser Tod war das Einzige, was ihn vom Besuch des Spieles abhalten konnte. Zwei Wochen zuvor, gegen Union Berlin, war er noch anwesend. Schweigend im Rollstuhl aber wach und interessiert. Und die Karte für Sonntag war schon bestellt.
Wenige Menschen haben Fußball gelebt, wie ihn Peter Hermann gelebt hat. Und wenige haben ihm so viel gegeben, ohne dabei die Popularität von gefeierten Stars zu erlangen. Dem Peter, wie ihn alle nannten, genügte es, jeden Tag auf dem Trainingsplatz zu stehen und jungen Menschen dieses verflixte Spiel beizubringen. Viele seiner angeblichen Cheftrainer standen staunend daneben, wenn er, lange vor der Digitalisierung und Verwissenschaftlichung des Sports, Trainingsgruppen mit schwindelerregenden Passstaffetten über den Platz jagte und jeden geglückten Versuch mit einem lauten Ruf begleitete. Man glaubte als Beobachter zu fühlen, wie jeder Spieler mit jedem Versuch besser wurde.
Viele Superstars wurden unter Peter Hermann besser
Die Liste der Spieler, die unter ihm in dreieinhalb Jahrzehnten besser wurden, geht in die Tausende. Die Aufzählung der bekanntesten Namen ist atemberaubend: Jorginhio, Lucio, Zé Roberto, Ulf Kirsten, Bernd Schneider, dazu die Riege der Bayern-Stars, mit denen er 2013 unter Jupp Heynckes das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League gewann: Arjen Robben, Franck Ribéry ,Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller, später Robert Lewandowski, Mats Hummels und vor allem Toni Kroos, den er schon in Leverkusen kennenlernte und in München zum Weltklassespieler geformt hat.
Die Liste der Trainer, die von Peter Hermanns leisem Genie profitierten, ist nicht minder beeindruckend: Jürgen Gelsdorf, Dragoslav Stepanovic, Erich Ribbeck, Christoph Daum, Berti Vogts, Klaus Toppmöller. Und natürlich Jupp Heynckes, der mit Hermann ein Gespann der Integrität bildete, das im deutschen Fußball einmalig bleiben wird. Nicht nur wegen der Erfolge.
Zu seinem 73. Geburtstag haben einstige Spieler dem schon von seiner Krankheit Gezeichneten Videobotschaften mit ihren Erinnerungen zugeschickt. Michael Reschke, als Jugendtrainer und Manager bei Bayer 04 mit Reiner Calmund einer der Ur-Weggefährten und besten Freunde Hermanns, hatte die Aktion organisiert. Mehr als 140 Botschaften haben den stillen Lehrer erreicht. Der bulgarische Zauberer Dimitar Berbatov, der in der Premier League bei Tottenham Hotspur und Manchester United zu einem Star wurde, rief ihm zu: „Auch nach so vielen Jahren, wenn ich über meine Leverkusener Tage rede, sage ich allen: Der eine, dem ich bei Bayer 04 am meisten zu verdanken hatte, war Peter Hermann. Es warst du, mein Freund! Ich war fremd, sprach die Sprache nicht, war enttäuscht und wütend und wollte schon wieder nach Hause. Dann hast du mir bei einem Mittagessen gesagt: ‚Berba, du hast ein großes Talent, aber Talent ist nicht genug. Du brauchst Geduld, du musst hart arbeiten. Du spielst jetzt im zweiten Team...‘ Und du warst der Trainer. Danach wurde alles gut. Ich habe dir alles zu verdanken. Du warst für mich da. Du hast versucht, mich zu einem besseren Spieler zu machen. Das ist, wer du bist. Du hast versucht, alle Spieler besser zu machen.“
Niko Kovac trauert um Weggefährten
Diese Botschaften, in denen Hermann 2025 sein eigenes fußballerisches Erbe betrachten konnte, haben ihn tief bewegt. „Als ich gesehen habe, dass es über vier Stunden sind, wollte ich eigentlich jeden Tag eine Stunde gucken. Und dann konnte ich nicht mehr aufhören und habe mir eine Träne verdrückt“, antwortete Hermann seinen einstigen Schülern.
Peter Hermanns Bedeutung wurde in der Stunde der Nachricht seines Todes im aktuellen Geschäft der Bundesliga unmittelbar sichtbar. Dortmunds Trainer Niko Kovac erfuhr nach dem 1:0-Sieg in Stuttgart, einem für ihn hoch erfreulichen Ereignis, auf dem Podium davon und reagierte tief berührt. Er war sowohl Spieler unter Herrmann – in Leverkusen von 1996 bis 1999 – als auch beim FC Bayern Cheftrainer neben ihm (2018/2019). „Ein toller Mensch ist von uns gegangen, das ist natürlich ein Schock“, erklärte Kovac mit Tränen in den Augen und sagte danach ein geplantes Exklusiv-Interview mit dem ZDF zum Topspiel des Tages ab. Edin Terzic (FC Bilbao), dem Hermann bei Borussia Dortmund von Juli bis Dezember 2022 bei Borussia Dortmund zur Seite stand, verabschiedete sich so: „Lieber Peter, danke für alles, was du dem Fußball und ganz besonders mir gegeben hast. Du warst ein großartiger, herzlicher und bescheidener Mensch, der sein ganzes Leben in Fußballschuhen verbracht hat.“
Der Fußball hat eine reine Seele verloren
Der letzte Satz über Peter Hermann ist einer zum Auswendiglernen. Den größten Teil seiner Spielerkarriere verbrachte der Vater dreier Töchter bei Bayer 04 Leverkusen, wo er 1979 als fleißiger Arbeiter im Mittelfeld Teil der Aufstiegsmannschaft in die Bundesliga wurde. Auch wenn er seine größten Erfolge an der Seite von Jupp Heynckes beim FC Bayern München feierte und sein Fachwissen auch Fortuna Düsseldorf, dem FC Schalke 04 und dem Deutschen Fußball-Bund als Nachwuchstrainer zur Verfügung stellte, bleibt er für immer ein Stück Bayer 04. Hier hat er von 1989 bis 2008 ununterbrochen, zwischen 2009 und 2011 unter Jupp Heynckes und während Corona zwischen März und Juni 2021 an der Seite von Hannes Wolf gearbeitet. „Er stand für diesen Klub wie wenige andere“, erklärte Sport-Geschäftsführer Simon Rolfes, „mit seiner eigenen herzlichen Art war er immer für jeden Einzelnen da. Auf Peter konnte man sich verlassen.“
„Der Fußball hat mir alles gegeben“, hat Peter Hermann in einem seiner letzten öffentlichen Interviews dem WDR gesagt. Mit ihm hat dieses so oft schmutzige Geschäft eine reine Seele verloren.
