VfL-Geschäftsführer Christoph Schindler spricht über die Gummersbacher Saisonziele, neue Hoffnungsträger und den Handball in Köln.
VfL Gummersbach„Von Titeln träume ich jede Nacht“

Christoph Schindler, Geschäftsführer des VfL Gummersbach
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Herr Schindler, der VfL Gummersbach hat den Vertrag mit Erfolgstrainer Gudjon Valur Sigurdsson kurz vor Saisonstart vorzeitig bis 2029 verlängert. Ein Erfolg, am Isländer waren auch andere Klubs interessiert.
Ich habe schon sehr, sehr oft betont, dass er für mich der beste Trainer überhaupt ist – und dass das ganz speziell auch für den VfL Gummersbach gilt. Das haben unsere Entwicklung in den vergangenen Jahren und die Entwicklung einzelner Spieler gezeigt. Es passt einfach perfekt. Und deswegen war natürlich mein Wunsch sehr groß, ihn weiter hier in Gummersbach zu halten. Es ist kein Geheimnis, dass er einige Angebote hatte, auch von wirklich sehr ambitionierten Vereinen. Und dass er sich dann bis 2029 zum VfL bekannt hat, macht uns sehr stolz. Wir wollen den eingeschlagenen Weg weiterverfolgen. Wir sind hoffentlich noch nicht am Ende der Entwicklung.
Zum Bundesliga-Auftakt am Sonntag (15 Uhr) ist gleich der Meister SC Magdeburg zu Gast in der Schwalbe-Arena. Wie groß ist die Vorfreude?
In allererster Linie freuen sich die Spieler, die die anstrengendste Phase im Jahr hinter sich haben und endlich mehr spielen als trainieren. Und wir insgesamt als Verein freuen uns, weil die letzten Wochen oder Monate eher darin bestanden haben, Dinge vorzubereiten. Jetzt startet es mit einem richtigen Knaller, weshalb die Vorfreude noch ein bisschen größer ist. Auf der anderen Seite wissen wir, dass gleich zu Beginn der schwerstmögliche Gegner kommt.
Seit der Bundesliga-Rückkehr hat sich Gummersbach fast immer gesteigert: Platz 10, 6, 7 und 4 in der vergangenen Saison. Was ist das Ziel für die neue Spielzeit?
Unsere Entwicklung machen wir weniger an Tabellenplätzen fest, sondern es geht darum, dass wir die Spieler in unserem Kader entwickeln wollen. Es gibt kaum einen Spieler, der schon irgendwo am Zenit ist – vielmehr haben alle noch Potenzial. Auf der anderen Seite wollen wir uns als Mannschaft und als Verein weiterentwickeln. Wenn wir das tun, dann werden auch Ergebnisse kommen und dann werden auch Platzierungen kommen, mit denen wir zufrieden sind. In dieser Saison das zu bestätigen, was wir in der letzten Saison erreicht haben, wird schwer. Zum einen, weil wir wichtige Spieler verloren und neue Spieler geholt haben, die alle Qualität mit sich bringen, aber teilweise noch sehr jung sind beziehungsweise noch nicht Bundesliga gespielt haben. Das braucht Zeit, bis wir eingespielt sind. Das Zweite ist natürlich, dass alle Mannschaften um uns herum und auch diejenigen, die letztes Jahr noch hinter uns waren, brutal aufgerüstet haben. Deswegen wird es eine extrem schwierige Saison, aber für den Handballfan an sich wird sie extrem spannend.
Wäre deshalb die Zielsetzung Champions League vermessen?
Es gibt kaum einen Verein, der sich hinstellt und sagt, dass die Champions League erreicht werden muss. Es ist einfach so unglaublich schwer geworden. Unsere Zielsetzung ist, dass wir in jedem Spiel gewinnen wollen – in jedem Wettbewerb. Und wir spielen in drei Wettbewerben. Dann schauen wir, was dabei herauskommt. Natürlich ist es ein Wunsch, irgendwann einmal ein Final Four zu erreichen, an dem wir in den letzten Jahren echt oft knapp vorbeigeschrammt sind. Aber wir sollten die Erwartungshaltung gerade am Anfang angesichts des schweren Auftaktprogramms ein bisschen bremsen und der Mannschaft Zeit geben, sich einzuspielen. Dann werden wir erfolgreich sein.
Zur Person: Christoph Schindler (43) wurde in Elsterwerda geboren. Seine Karriere begann beim HC Bad Liebenwerda. Über Cottbus, Altenholz, den THW Kiel, Balingen und Dormagen kam er 2010 zum VfL Gummersbach. Mit Kiel wurde er zweimal Deutscher Meister, mit dem VfL zweimal Europapokalsieger. 2017 wurde er Sportdirektor, seit 2018 ist er Geschäftsführer. (red)
Gummersbach hat mit Julian Köster, Kentin Mahe und Dominik Kuzmanovic einige prominente Profis verloren. Wie sehen Sie den aktuellen Kader im Vergleich zu dem der letzten Saison?
Das ist schwer zu sagen. Wir haben definitiv Qualität dazubekommen und sind in der Breite stärker geworden, aber wir haben natürlich auch wichtige Spieler verloren. Gerade Julian Köster und Dominik Kuzmanovic haben in der Rückrunde eine ganz wichtige Rolle gespielt und waren mitentscheidend für das gute Abschneiden. Das müssen jetzt andere auffangen – nicht einzelne Spieler, sondern wir insgesamt als Mannschaft.
Was erwarten Sie von Gummersbachs Star-Zugang, Spaniens Nationalspieler Alex Dujshebaev?
Alex hat große individuelle Qualität, die uns vor allem in der Spitze weiterbringt. Auf der anderen Seite macht er uns als Linkshänder im Rückraum noch einmal variabler. Das Wichtigste ist, dass er sehr viel Erfahrung hat. Er weiß, wie es ist, Titel zu gewinnen. Er weiß, wie es ist, Profi zu sein und K.-o.-Spiele zu absolvieren. Das ist alles, was wir brauchen. Alex kann unsere vielen jungen Spieler an die Hand nehmen und ihnen ein Vorbild sein. Er ist ein Gesamtpaket – ein überragender Typ, erfolgshungrig und gleichzeitig total bodenständig.
Miro Schluroff hat sich in den vergangenen Jahren neben Köster zum Gummersbacher Aushängeschild entwickelt. Er träumt von einer Meisterschaft mit dem VfL.
Erst einmal finde ich es nicht schlimm, wenn jemand von Titeln träumt. Das tue ich jede Nacht. Und jeder soll Träume haben – die haben wir ja auch als Verein. Die Frage ist immer, wie man so etwas formuliert. Aber zu sagen, dass man sich wünscht, mit dem VfL Gummersbach Erfolg zu haben, finde ich prinzipiell sehr gut. Am Ende gehört es dazu, diesen Wunsch dann auch in die Tat umzusetzen. Und in den vergangenen zwei Jahren hat er dabei eine sehr wichtige Rolle eingenommen. Miro ist nicht nur deutscher Nationalspieler geworden, sondern auch eine absolute Führungsfigur bei uns in der Mannschaft. Gerade bei vier Neuzugängen ist es wichtig, dass die Spieler, die schon hier waren, die Basis bilden – gerade am Anfang. Und deswegen kommt auf ihn und auf die anderen Jungs, die letztes Jahr schon da waren, sehr viel Verantwortung zu – verbunden mit einer hohen Erwartungshaltung. Aber die möchte er auch haben.
Die Schwalbe-Arena in Gummersbach war in jedem Heimspiel der vergangenen Saison ausverkauft. Wäre es aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll, mehr Partien in einer größeren Halle zu veranstalten? Aktuell ist nur eine Partie in der Lanxess-Arena geplant, am 22. Dezember gegen Berlin.
Die Frage stellt sich uns nicht, zumal die Auslastung der Lanxess-Arena gar keine weiteren Heimspieltermine für uns hergeben würde. Der VfL gehört nach Gummersbach, und das wird auch so bleiben. Trotzdem kann es charmant sein, ein oder zwei Highlight-Spiele pro Saison in der Lanxess-Arena zu veranstalten. Dann können auch mal Menschen den VfL live sehen, die das bei den 16 anderen Bundesliga-Partien nicht können, weil die Halle immer ausverkauft ist. Und auf der anderen Seite kann man an so einem Spieltag den einen oder anderen Euro verdienen, den man sonst nicht einnehmen kann. Ein Teil der Wahrheit ist aber auch: Durch so ein Spiel wird man definitiv nicht reich, und man muss natürlich auch immer den Aufwand sehen, der für uns als Geschäftsstelle dahintersteckt. Von daher sind wir zufrieden damit, wie das letzte Highlight-Spiel gelaufen ist, und sehr zufrieden damit, wie bisher der Ticketverkauf für das Spiel läuft. Aber es ist definitiv nicht geplant, deutlich mehr Spiele in der Lanxess-Arena zu machen.
Sie haben vom Träumen gesprochen. Ist es denkbar, mehr Zuschauerkapazitäten in Gummersbach zu schaffen?
Von der Statik her ist es nicht möglich, die Halle auszubauen. Von daher ist es kein Szenario, mit dem wir uns beschäftigen können. Ob es irgendwann einmal denkbar ist, dass es eine größere Halle in Gummersbach gibt, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass wir in Deutschland wohnen und nicht in China. Da hätten wir wahrscheinlich bis zur Rückrunde eine neue Halle gebaut. Das ist in Deutschland leider nicht möglich. Und das Wichtigste ist: Es muss auch irgendjemand finanzieren. Und auch wenn wir uns in den vergangenen Jahren weiterentwickelt haben, könnten wir das natürlich nicht. Von daher leben wir mit den aktuellen Gegebenheiten, die gegenüber den anderen Vereinen ohne Wenn und Aber nachteilig sind, keine Frage. Aber wir machen das, was wir in den vergangenen Jahren gemacht haben. Wir nehmen es so an und versuchen, das Beste daraus zu machen.
Im Januar wird Deutschland seine Hauptrunden-Spiele der WM in Köln bestreiten. Was trauen Sie der DHB-Auswahl zu?
Viel. Deutschland hatte lange nicht mehr eine so talentierte und ausgeglichene Nationalmannschaft. Wenn man eine Heim-WM hat, auf die sich natürlich alle freuen, dann muss man die Ambition haben, ganz vorne zu landen. Dänemark ist der haushohe Favorit, weil die Dänen in den letzten Jahren alles gewonnen haben. Aber ich glaube, Deutschland braucht sich nicht zu verstecken. Und gerade wegen der Atmosphäre in Deutschland und ganz speziell in Köln – das hat die Vergangenheit gezeigt – sind Wintermärchen möglich. Und das muss das Ziel sein.
Welche Rolle werden die VfL-Profis in der Nationalmannschaft einnehmen?
Hoffentlich eine wichtige. Wir als VfL haben bei jedem Spiel mit potenzieller deutscher Beteiligung die größte Loge in der Lanxess-Arena mit über 100 Personen. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, erstens die Gummersbacher zu supporten, zweitens die Nationalmannschaft zu supporten und darüber hinaus viele Menschen und Unternehmen für den Handball zu begeistern. Das ist neben unserem Tagesgeschäft hier ein großer Punkt in dieser Saison. Und von daher kommt auf uns während der WM viel Arbeit zu. Aber all das zahlt natürlich darauf ein, dass auch der VfL Gummersbach in Zukunft davon profitiert.
Trotz der regelmäßigen Highlights wird der Handball in Köln eher stiefmütterlich behandelt. Longerich ist als guter Drittligist ein eher kleines Aushängeschild. Glauben Sie, dass sich mittelfristig etwas daran ändern kann?
Ja, warum nicht? Köln ist eine Millionenstadt und eine Stadt, in der man Menschen sowohl mit Sport als auch mit Karneval oder anderen Dingen begeistern kann. Es wäre toll, wenn man auf Klubebene in Köln zukünftig etwas hinbekommt. Ich sehe das nicht als Konkurrenz zu Gummersbach; am Ende würden alle davon profitieren. Ein zusätzliches Derby schadet nicht. Ich bekomme mit, was gerade im Jugendbereich in Köln passiert. Das sind sehr engagierte Leute. Und am Ende geht es für uns alle darum, Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Unternehmen für den Handball zu begeistern. Dann werden auch alle Vereine davon profitieren.

