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Kölner Baby-KlappeLetzter Ausweg Moses-Fenster

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In diesem gestellten Foto geht eine Mitarbeiterin des SkF mit Baby (hier in Form einer Übungspuppe) zum Moses-Fenster.

In diesem gestellten Foto geht eine Mitarbeiterin des SkF mit Baby (hier in Form einer Übungspuppe) zum Moses-Fenster.

Das „Baby-Fenster“ des Sozialdiensts katholischer Frauen Köln feiert 25-jähriges Bestehen. 37 Kinder wurden in der Zeit dort abgelegt.

Sobald der Alarm am „Moses-Fenster“ ausgelöst wird, bricht im Haus Adelheid eine Art von achtsamer Hektik aus, weil es um ein Baby geht, das versorgt und in Obhut genommen werden muss. Dabei ist jeder „Fall“ einzigartig.

Als vor einigen Jahren an einem düsteren Dezember-Abend die Nachtdienst-Mitarbeiterin das Fenster öffnet, blickt sie einer schluchzenden, jungen Frau ins Gesicht – erschrickt und macht das Fenster unverzüglich wieder zu. „Wir möchten den Eltern, meist sind es Frauen, die ihr Neugeborenes bei uns ablegen, absolute Anonymität garantieren, sie nicht erschrecken und ihnen die Chance geben, sich unerkannt zu entfernen. Doch manche brauchen mehr Zeit, um sich zu verabschieden. Deshalb kommt es vor, dass wir sie, ihre Tränen und Trauer sehen, bevor wir das Kind aus dem Fenster herausnehmen“, sagt die pädagogische Leiterin des Haus Adelheid Karin Horst.

Mütter geben Babys letzte Botschaften für ihr Leben mit

Die Trauer zeigt sich auch daran, dass fast alle Mütter ihrem Kind noch etwas für das Leben mitgeben, ein Schmusetier, eine Kette oder Botschaften wie „Das ist Marie“, „Ich wünsche Dir die besten Eltern der Welt“ oder „Wir haben verzweifelt nach Alternativen gesucht, doch wir können Dir kein gutes Leben bieten.“

„Wir wissen, dass es sich die Mütter oder Eltern nicht leicht machen, solch eine Entscheidung zu treffen und dass es ihr Wunsch ist, für das Kind den größtmöglichen Schutz und eine gute Zukunft zu schaffen“, sagt Susanne Breyer, Fachbereichsleiterin Kinder, Jugend und Familie beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF).

37 Kinder in 25 Jahren im Kölner Moses-Fenster abgelegt

37 Kinder sind in den vergangenen 25 Jahren in dem, auf Anregung des Kölner Stadtrats vom SkF eingerichteten „Moses-Fenster“ in der Eltern-Kind-Einrichtung Haus Adelheid in Bilderstöckchen abgelegt worden. Mit dem Standort war die Idee verbunden, dass hilfesuchende Mütter oder Eltern dort Tag und Nacht qualifiziertes Fachpersonal finden, das ansprechbar ist.

Uns geht es schließlich darum, Leben zu retten, Frauen in großer Not zu ermöglichen, ihre Neugeborenen straffrei und in Sicherheit abzugeben
Susanne Breyer, Fachbereichsleiterin Kinder, Jugend und Familie beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF)

Das Kölner „Moses-Fenster“ war das bundesweit zweite seiner Art. Inzwischen gibt es rund 100 weitere Angebote dieser Form der anonymen Kindesabgabe, die häufig Babyklappe heißen. „Wir haben uns für Moses Baby Fenster entschieden, da das freundlicher klingt“, sagt Breyer – „Uns geht es schließlich darum, Leben zu retten, Frauen in großer Not zu ermöglichen, ihre Neugeborenen straffrei und in Sicherheit abzugeben“.

Sechs Kinder kehren zu den leiblichen Eltern zurück

Sechs der 37 „Findelkinder“ kehrten, nach einem langen Prozess und mit entsprechender Unterstützung zu ihren leiblichen Eltern zurück. Die anderen 31 fanden Adoptivfamilien, die von Corinna Sturm und ihrem Team des „Fachdiensts für familienanaloge Unterbringung“ (FFU), dem Adoptions- und Pflegekinderdienst des SkF, vermittelt werden.

Hinter dem Kölner Moses-Fenster befindet sich ein Wärmebettchen, davor Informationen über Hilfsangebote für die Mütter.

Hinter dem Kölner Moses-Fenster befindet sich ein Wärmebettchen, davor Informationen über Hilfsangebote für die Mütter.

„Wenn sich die Moses-Eltern melden, weil sie es sich anders überlegt haben, dann tun sie es in der Regel recht schnell, innerhalb von einem Tag bis zu einer Woche“, sagt Karin Horst. Manche melden sich anonym, um zu erfahren, ob es dem Baby gut geht – oder gar nicht. Sie und die Gründe für diesen Schritt bleiben den Kindern und den Adoptivfamilien für immer unbekannt. „Aus unserer Beratungstätigkeit aber wissen wir, dass es verschiedene, häufig auch mehrere Probleme sind, die dazu führen können, wie akute psychische oder physische Überforderung, Angst vor Verantwortung, Druck seitens des Partners oder der Familie, finanzielle oder soziale Notlagen.“

Subjektiv empfundene existenzielle Notlage und Sprachlosigkeit

Einige Studien bestätigen, dass es sich nicht um eine homogene Gruppe von Eltern in einer speziellen Problemlage handelt, etwa um Prostituierte, Drogenabhängige oder minderjährige Frauen. Vielmehr stammen die Eltern, die sich nach der Abgabe zu ihren Motiven geäußert haben, aus sämtlichen Altersgruppen und sozialen Milieus. Allen gemein ist eine als subjektiv empfundene Notlage und ein Unvermögen aufgrund von Scham, Angst und Sprachlosigkeit, auf Hilfsangebote zurückzugreifen.

Aus unserer Beratungstätigkeit wissen wir, dass es verschiedene, häufig auch mehrere Probleme sind, die dazu führen können, wie akute psychische oder physische Überforderung, Angst vor Verantwortung, Druck seitens des Partners oder der Familie, finanzielle oder soziale Notlagen
Karin Horst vom Adoptions- und Pflegekinderdienst des SkF

Wenn eine Mutter ihr Baby in das Wärmebett hinter das rein spendenfinanzierte Moses-Fenster legt, das sich an einer sichtgeschützten Außenfassade des Haus Adelheid befindet, findet sie dort auch Kontaktdaten vor, die es ihr ermöglichen, sich später anonym zu melden, um sich zu erkundigen, Hilfe anzunehmen und am Ende vielleicht sogar ihr Kind zurückzunehmen.

Vertrauliche Geburt: In einer Klinik unter Pseudonym entbinden

Daneben gibt es Informationen über weitere Beratungs- und Hilfsangebote in mehreren Sprachen – wie die zur SkF-Schwangerschaftsberatung „esperanza“ oder zur Möglichkeit der sogenannten Vertraulichen Geburt, einer Alternative zur anonymen Abgabe. Schwangere können in einer Klinik, in der sie unter einem Pseudonym aufgenommen werden, sicher und medizinisch betreut, entbinden. Die Daten der Mutter hinterlegt der SkF bei der zuständigen Bundesbehörde, wo das Kind ab dem 16. Lebensjahr – bei Einverständnis der Mutter – Informationen über seine Herkunft anfordern kann. Somit wird das Grundrecht des Kindes auf seine Abstammung eingelöst, was bei der rein anonymen Geburt nicht der Fall ist – und Baby-Fenster in eine rechtliche Grauzone rückt.

Mit einem stillen Alarm auf ein Handy, das die diensthabenden Mitarbeitenden in einem Weidenkörbchen ständig bei sich tragen, werden sie informiert, dass die „Babyklappe“ genutzt wurde. Dann geht alles – nach einem streng standardisierten Verfahren – sehr schnell. Nachdem das Baby liebevoll und von Ultrarotlicht gewärmt in Empfang genommen wurde, müssen Klinik, Kriminalpolizei und Jugendamt informiert werden, ebenso wie Mitarbeitende des Adoptions- und Pflegekinderdienstes, die sofort prüfen, ob es eine passende Adoptionsfamilie gibt und die ehrenamtlichen Mitarbeitenden die Betreuung des Babys in der Klinik übernehmen können

Die kürzeste und intensivste Begegnung im Leben

„Bei uns hält sich das Kind am kürzesten auf, meist vergehen keine 12 Minuten, bis der Krankenwagen eintrifft. Aber viele Kolleginnen berichten, dass es, wenn auch die kürzeste, die intensivste Begegnung in ihrem Leben war“, sagt Karin Horst.

Die verantwortlichen SkF-Mitarbeiterinnen des Moses-Fensters Susanne Breyer, Corinna Sturm und Karin Horst stehen um eine Kinder-Wiege im freundlich eingerichteten Familien- und Kinderzimmer des Haus Adelheid.

Die verantwortlichen SkF-Mitarbeiterinnen des Moses-Fensters (von links): Susanne Breyer, Corinna Sturm und Karin Horst.

Es ist inzwischen zur schönen Tradition im Team des Moses-Fensters geworden, dass die Mitarbeiterin, die ein Kind in Empfang nimmt, einen weiblichen und einen männlichen Vornamen für das nächste Kind aussucht und auf einer Liste notiert – damit sich die künftige Kollegin in der Hektik des Moments nicht auch noch einen Namen überlegen muss. Da die Kinder auch einen Nachnamen brauchen, wird dieser auch vergeben.

Fotoalbum und sehr persönliche Aufzeichnungen fürs Moses-Baby

„Viele Kolleginnen haben dem Kind dafür ihren eigenen mit auf den Weg gegeben“, sagt Horst. „Den gewählten Vornamen übernehmen die Adoptiveltern in den meisten Fällen“, ergänzt Sturm – und berichtet von einer weiteren, schönen Tradition: „Zum Abschluss des Adoptionsprozesses laden wir die Adoptivfamilie noch einmal ins Haus Adelheid ein und überreichen den Eltern ein liebevoll gestaltetes Buch mit Fotos von den ersten Minuten bei uns und den sehr persönlichen Aufzeichnungen der Menschen, die das Kind in Empfang genommen haben.“

Die junge Frau, die ihr Kind an jenem Dezember-Abend in das Moses-Fenster legte, hat ihre Entscheidung zwei Tage später bereut und sich telefonisch gemeldet. Nach einem vom SkF finanzierten DNA-Test zum Nachweis der Mutterschaft wurde sie zum Jugendamt begleitet, um gemeinsam nach geeigneten Hilfsangeboten zu suchen. Die junge Frau zog schließlich in eine Mutter-Kind-Einrichtung in einer anderen Stadt, wo sie bei der Pflege und Erziehung ihres Kindes unterstützt wurde – und nach mehr als 12 Monaten das Sorgerecht für ihr Kind erhielt.

So können Sie helfen

Auszug aus dem neuen wir helfen-Folder 2025_2026

  1. Mit unserer neuen Jahresaktion „wir helfen: Kinder frühzeitig auf einen guten Weg zu bringen“ bitten wir um Spenden für präventive Projekte in Köln und der Region, die gefährdete Kinder und Jugendliche schützen , fördern und ihnen zu einer guten Zukunftsperspektive verhelfen.
  2. Die Spendenkonten lauten: wir helfen – Der Unterstützungsverein von M. DuMont Schauberg e. V.
  3. Kreissparkasse Köln, IBAN: DE03 3705 0299 0000 1621 55
  4. Sparkasse Köln-Bonn, IBAN: DE21 3705 0198 0022 2522 25
  5. Wünschen Sie eine Spendenbescheinigung, geben Sie bitte +S+ im Verwendungszweck an. Sollten sie regelmäßig spenden, ist auch eine jährliche Bescheinigung möglich. Bitte melden Sie sich hierzu gerne per E-Mail bei uns. Soll Ihre Spende nicht veröffentlicht werden, notieren Sie +A+ im Verwendungszweck. Möchten Sie anonym bleiben und eine Spendenbescheinigung erhalten, kennzeichnen Sie dies bitte mit +AS+.
  6. Bitte geben Sie in jedem Fall auch immer ihre komplette Adresse an. Auch wenn Sie ein Zeitungsabonnement der „kstamedien“ beziehen, ist Ihre Adresse nicht automatisch hinterlegt.
  7. Sollten Sie per PayPal spenden, beachten Sie bitte, dass Ihre Spende immer anonym ist. Wünschen Sie eine Spendenbescheinigung schicken Sie eine E-Mail an uns.
  8. Möchten Sie anlässlich einer Trauerfreier, einer Hochzeit oder eines Geburtstags zu einer Spendenaktion aufzurufen, informieren Sie uns bitte vorab per E-Mail über die Aktion. Sehr gerne lassen wir Ihnen dann, zwei Wochen nach dem letzten Spendeneingang, die gesammelte Spendensumme zukommen.
  9. Kontakt: „wir helfen e.V.“, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln, Telefon: 0221-224-2789 (Allgemeines, Anträge, Regine Leuker) 0221-224-2130 (Geschäftsführung/Redaktion, Caroline Kron), wirhelfen@kstamedien.de
  10. Mehr Infos, und die Möglichkeit, online zu spenden, finden Sie auf unserer Vereinshomepage, www.wirhelfen-koeln.de