Im Jobcenter Köln-Mülheim treffen arbeitslose Jugendliche auf Überforderung und Angst – und auf die Frage: Wie kann Erfolg gelingen?
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Martin Burosch hilft arbeitslosen jungen Menschen bei der Bewerbung.
Copyright: Alexander Schwaiger
Erfolg rechnet man sich hier aus den kleinen Fortschritten zusammen. Ein zugesagter Termin zum Probearbeiten. Eine Antwort auf eine Bewerbung. Ein Formular, das man endlich verstanden und ausgefüllt hat. An diesem Dienstagmorgen um neun Uhr sitzen zehn junge Erwachsene im ersten Stock des Jobcenter Köln Mülheim, Maßnahme „befitforjob“. Neonröhrenlicht, das niemandem schmeichelt. Acht Stühle, ein Sofa, nebenan ein paar Rechner, zwei Berater, die manchmal mehr Sozialarbeiter sind als Jobvermittler.
„So“, sagt Peter Langer und schlägt die Hände zusammen. „Wer möchte anfangen?“ Langer ist Diplomkaufmann, Quereinsteiger, seit zwölf Jahren in dieser Maßnahme. Ein Mann, der viel gesehen hat und den man nicht mehr so leicht überrascht. Er weiß, dass ein kleiner Summand des Erfolgs oft schon darin besteht, dass hier jemand pünktlich erscheint.
Alexander meldet sich. Er beugt den Kopf zur Seite und kämmt sich mit den Fingern die Haare aus der Stirn. Die Schultern hat er ein wenig hochgezogen, als müsste er sich gegen kalten Wind stemmen. „Ich war bei Netto. Probearbeiten. Und: Ich hab den Job“, sagt er. Erstmal 18 Stunden. Ware verräumen, später sitze er aber auch an der Kasse. „Am Anfang ist es schwer, wie immer am Anfang“, sagt er und nickt, als hätte er schon hunderte dieser Anfänge hinter sich. Die Gruppe klatscht. Alexander senkt den Blick, lächelt aber. Ein kleiner Sieg.
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Ein Befund zwischen Lifestyle-Teilzeit und Verunsicherung
Joy erzählt, dass sie am Montag bei einer Bäckerei am Flughafen zur Probe arbeiten soll. Nachtschicht will sie nicht, das habe sie allen Beteiligten schon klargemacht. Camillo verkündet, er suche derzeit nach der Adresse für seine Bewerbung bei DHL im Internet: „Da steht aber nur rechtsrheinisch. Ich denke, ich muss da heute noch anrufen.“ Man sieht ihm an, dass er sich über die Hürde, die in dieser Unschärfe liegt, ärgert. Als könne man von gerade mal 20 Jahre alten Menschen verlangen, dass sie ihr Leben ordnen, während selbst die Postanschrift eines Weltkonzerns im Nebel liegt.
Wer hier bei Peter Langer und Martin Burosch im Stuhlkreis sitzt, ist unter 25 Jahre alt und auf Arbeitssuche. In gewisser Weise sind Langer und Burosch die Tankstelle, die man vor allem dann immer wieder aufsuchen muss, wenn die Strecke zum Ziel sich länger zieht, als gedacht. Draußen im Land toben Debatten über „Lifestyle-Teilzeit“, über eine Jugend, die angeblich nicht arbeiten will, über die Deutschen im Allgemeinen, die produktiver werden müsste. Hier drinnen, mit Blick auf die Rückseite des Wiener Platzes sitzen in gewisser Weise die Protagonisten des Theaterstücks. Und je länger man ihnen zuhört, desto mehr dämmert einem: Sie sind wahrscheinlich gar nicht faul. Sicher nicht alle. Eher verunsichert, oft überfordert und in erster Linie eben verdammt jung. So jung, dass sie man unwillkürlich darüber nachdenken muss, wer denn hier wen dringender braucht: Der Arbeitsmarkt die Arbeitskraft der Menschen oder die Menschen die ins Leben einführende Struktur, die ein zugesagter Arbeitsplatz eben mit sich bringt. Arbeit nicht als Broterwerb. Auch nicht als Booster für die Volkswirtschaft. Sondern als Sicherheitsversprechen, Identitätsbaustein, sozialer Aufstiegsversuch.

Martin Buroschs und Marco Langers Motivation? Die Hall of Fame hinter ihnen. Wer vermittelt wurde, hinterlässt aufmunternde Worte für alle, die da noch kommen und erstmal zweifeln.
Copyright: Alexander Schwaiger
Befitforjob ist eine Maßnahme des Kölner Jobcenters, die diejenigen wieder in den Arbeitsmarkt bringen will, die ihm viel zu früh entglitten sind – manchmal gar auf die Verliererstraße zu rutschen drohen, ohne überhaupt jemals einen Arbeitsvertrag unterschrieben zu haben. Die Erfolgsquote sei hoch, wenn auch sehr von der individuellen Zusammensetzung der Gruppe abhängig. Was aber immer gelte: „Wenn wir den jungen Menschen im SGBII Bezug möglichst früh Perspektiven eröffnen, investieren wir nachhaltig in Chancen, Integration und damit auch in gesellschaftliche Teilhabe“, sagt Sabine Mendez, Geschäftsführerin des Jobcenter Köln dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.
Angeboten wird die Maßnahme den Fähigsten, denjenigen, die gut genug Deutsch sprechen oder nicht so krank sind, dass eine Beschäftigung ohnehin ausgeschlossen erscheint. Wer sich dann hier zweimal in der Woche für drei Stunden trifft, der lernt: Bewerbungen schreiben, Gehälter einschätzen, Vorstellungsgespräche bestehen. Die Fehlermöglichkeiten sind mannigfach. „Viele erzählen dem Chef sofort ihre ganze Krankengeschichte. Das ist natürlich ein K.o.-Kriterium.“ Langer sagt das ganz sachlich. „Man muss nicht lügen, aber man kann weglassen, was einen nicht schmückt.“
Helfertätigkeiten? Sind kaum zu bekommen
Der Arbeitsmarkt, so berichtet Langer, sei in den vergangenen Jahren härter geworden. Helfertätigkeiten? „Kaum zu bekommen.“ Das könnte auch daran liegen, dass der Anteil derer, die keinen Abschluss vorweisen können, gestiegen ist. Laut dem Bundesbildungsbericht hat fast jeder Fünfte der 20- bis 34-Jährigen in Deutschland keine formale berufliche Qualifikation. Das sind 2,9 Millionen Menschen. Langer empfiehlt die Ausbildung dringend. Vor allem im Einzelhandel sei die Nachfrage groß.
Aber nicht immer gelingt ein Match, die Arbeitszeiten und das eher niedrige Gehalt schreckten viele ab. Paradoxerweise muss auch der Mindestlohn oft als Argument gegen die Lehrzeit herhalten. Der Helferjob ohne Ausbildung lockt da vergleichsweise mit dem schnellen Geld. Dass sich die Lehrzeit aufs Leben bezogen durchaus rentiert, müsse man den jungen Menschen oft erst vorrechnen, sagt Langer. Und sie zudem von falschen Informationen befreien: Seit Einführung des Bürgergeldes dürfen Auszubildende einen Großteil ihres Gehaltes behalten – auch dann wenn sie bei den Eltern wohnten und diese Bürgergeld bezögen. Viele wüssten das nicht. „Viele kommen hierher und bringen von zu Hause die Annahme mit: Arbeiten lohnt sich nicht. Das stimmt aber gar nicht.“
Aron, 25, fällt einem sofort ins Auge. Nicht nur deshalb, weil er sehr groß ist, viel Raum einnimmt. Er spricht auch viel, eine Geschichte im Galopp, in nicht einmal zehn Minuten ist er sein gesamtes Leben abgeritten. Am Ende bleibt da eine Landschaft in gedeckten Farben: Eine Kindheit zwischen Angst und Krankenzimmern, der Bruder überlebte Leukämie und danach einen Autounfall. Bei Aron selbst wird ADHS diagnostiziert, eine Ausbildung zum Game Artist bricht er ab, weil er gemobbt wird. „Ich musste mich erst um mich selbst kümmern.“

Wer hier in der Gruppe untergekommen ist, kann Berufsbilder in der virtuellen Realität erkunden.
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Aron will jetzt Ergotherapeut werden. Es ist eine schulische Ausbildung. Was schon wieder Probleme mit sich bringt. Schließlich hat er für seine erste schulische Ausbildung als Gestaltungstechnischer Assistenz schon mal Bafög erhalten. Ein zweites Mal werde das nicht bewilligt. Die WG‑Miete müsse er aber trotzdem bezahlen. Und natürlich das Leben. Wenn ihm jemand Faulheit vorwirft, oder missbilligt, dass er wohl doch zu viel Wert auf Lifestyle lege, dann rutschen seine Augenbrauen ein ganzes Stück nach oben in die Stirn. Belustigt, empört, beides ein bisschen: „Ich habe viel Freizeit, ja, aber ich kann sie mir nicht finanzieren. Das ist kacke.“ Sein Traum: ein eigenes Waldstück mit Atelier. „Die Natur einfangen, das wäre toll.“
Aber Langer mahnt immer zu Plan B. Erst Recht dann, wenn in Plan A Komponenten wie Atelier und Waldstück vorkommen. Gleich wird Aron also am PC den Test „Check you“ machen. Am Ende soll da stehen, welche Berufe noch so zu Arons Interessen und Fähigkeiten passen könnten. „Zu Hause“, das gibt Aron zu „bin ich dafür zu abgelenkt.“
Fürs Dealen brauchst du keinen Pass
Hennessy ist 18 und schiebt seinen Spitznamen wie eine Sprechblase zur Begrüßung über den Tisch. Er will passenderweise gerne Barkeeper werden. „Früher habe ich Mist gebaut“, sagt er. Drogen, Dealen. Aus der unvernünftigen Sicht eines Jugendlichen sei der Weg auf die schiefe Bahn ein folgerichtiger gewesen. „Fürs Dealen brauchst du keinen Pass.“ Er hat nur einen ausländischen, obwohl er in Köln geboren wurde, und selbst der sei abgelaufen. Eine Fiktionsbescheinigung, die er alle paar Monate neu beantragen müsse, ersetze ihn, aber nicht in allen Betrieben. Oft herrscht dort auch Unsicherheit. „Heute soll ich nochmal einen Anruf von der Zeitarbeitsfirma bekommen, ob ich arbeiten kann“, sagt er. Catering, Veranstaltung, vielleicht ja sogar Cocktails mixen. Später will er gerne eine Bar besitzen. Das wäre ein Traum. Hennessy grinst wie jemand, der mit dem Glück rechnet, einfach deshalb, weil er lange nicht bedacht worden ist. Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Er sagt, er habe „die Kurve gekriegt“. Wegen seiner Mutter. Die habe ihre beiden Söhne alleine großgezogen und es damit nicht immer leicht gehabt. „Ich will ihr keinen Kummer mehr machen.“ Hennessy mag die Schule, will irgendwann sein Fachabitur nachholen. Physik sei eines seiner Lieblingsfächer gewesen. „Am liebsten wäre ich für immer in der achten Klasse geblieben.“ Dann schiebt er ein paar Sätze hinterher, die er vielleicht hier im Coaching gelernt hat, Sätze wie Bausteine, um zumindest das Fundament eines Berufslebens pflastern zu können: „Geld kommt wieder, Zeit nicht.“ Und: „Wer Fähigkeiten hat und sie nicht nutzt, beweist seine Dummheit.“
Manchmal ist die Arbeitslosigkeit das kleinste Problem

Anna ist nach sechs Monaten im Modegeschäft gekündigt worden. Aber die Arbeitslosigkeit ist ihr kleinstes Problem: Ende März läuft ihr Mietvertrag für ihr Zimmer aus. Eine neue Bleibe ist nicht in Sicht.
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Ursprung dieses Baustoffs könnte Martin Burosch sein, langer Bart, kurzes Haar, Lachfalten um die Augen. Seine Aufgabe, so sagt er: „Den Funken entfachen.“ Ein Zündholz könnte der Satz sein: Die Gesellschaft braucht euch. Ein anderes auch die Geschichte Buroschs eigener Biografie, seiner eigenen Orientierungslosigkeit, die sich viele Jahre hingezogen habe. „Ich bin eigentlich Diplomökonom. Und auch nur als Quereinsteiger hier gelandet.“
Anna sitzt am Tisch und streicht sich die langen blonden Haare glatt. Wer sie beobachtet, kann sich erstmal dem Eindruck nicht erwehren, dass hier jemand wahnsinnig gelangweilt ist von all dem Brimborium. Sie sei nach sechs Monaten in einem Modegeschäft gekündigt worden, ohne Erklärung. „Ich habe gut gearbeitet. Mein Chef hat mich danach aber auf Whatsapp blockiert“, sagt die Abiturientin. Sowieso will sie lieber in den Blumenladen. 16 Mal hat sie sich schon bei einer Kette beworben, aber immer nur Absagen erhalten. Wer sich länger mit ihr unterhält, merkt, dass sie einfach verunsichert ist, dazu allein in einer ihr fremden Stadt – eigentlich kommt sie aus Oldenburg, ihr Abitur hat sie an einer deutschen Schule im Ausland gemacht. Und dass sie sich schlicht fürchtet. Vor allem vor der drohenden Wohnungslosigkeit. Ab Oktober will sie an der Uni Köln Politik studieren, gerade absolviert sie schon einen vorbereitenden Kurs dazu, das mache alles auch Spaß und interessiere sie sehr. Ihr Zwischenmietvertrag endet aber bald, eine Wohnung ist nicht in Sicht. „Ich kann Freunde fragen“, sagt sie. „Aber eigentlich habe ich in Köln gar keine.“
Und plötzlich erscheint die Wahrscheinlichkeit einen Job zu ergattern riesig im Vergleich zur Suche nach einer kleinen bezahlbaren Wohnung.
Anna ist nicht die Einzige, die hier mit einem ganzen Rucksack an Schwierigkeiten sitzt, von denen die Arbeitslosigkeit häufig das kleinste ist. Daniela Herder, stellvertretende Leiterin U25, sagt im Gespräch mit dem Kölner Stadt-Anzeiger: „Viele kommen wegen der Jobsuche. Aber dahinter steckt oft viel mehr.“ Pandemie, Depressionen, Sprachprobleme, fehlende Anerkennungen, Schulden, Wohnungslosigkeit, psychische oder soziale Probleme. „Einige trauen sich kaum raus und schon gar nicht, auf andere zuzugehen.“
Manchmal wandert der Blick während des Trainings durch den Raum, schließlich kann man nicht drei Stunden am Stück konzentriert bleiben. Und dann sind da diese bunten Post-its, die an der Türseite bis hinauf zur Decke krabbeln. Die „Hall of Fame“ nennt Burosch sie: Erfolge sind hier verzeichnet, Ausbildungsverträge. Ermutigungsrufe. „Mama, ich hab’s geschafft. Ich bin jetzt an der WAND!“, steht da zum Beispiel. Oder: „Gib nicht auf! Ich bin eine 21-jährige Mama von einer einjährigen Tochter und habe eine Ausbildung gefunden!“ Optimismus überall, wer sich einmal festliest, kommt so leicht nicht los, so rosarot scheint plötzlich die Gesamtlage. Aber lesen und träumen allein, das dämmert dann doch, reicht eben nicht aus. „Jeder ist zu so viel im Stande. Ihr müsst nur den ersten Schritt machen.“ Auf einem roten Zettel hat jemand mit schwarzem Filzstift in Großbuchstaben notiert: „Hätte, sollte, könnte, würde – Machen!“ Das letzte Wort zweimal unterstrichen. Wie das Ergebnis einer Rechnung, die nur aufgeht, wenn der eigene Impuls größer ist als die Summe aller Widrigkeiten.
