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Covestro-VorstandThorsten Dreier über Investition in Asien: „Das ist keine Entscheidung gegen Deutschland“

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Polyurethan-Hartschaum von Covestro kommt etwa bei der Dämmung von Flachdächern zum Einsatz.

Polyurethan-Hartschaum von Covestro kommt etwa bei der Dämmung von Flachdächern zum Einsatz.

Covestro will in den kommenden Jahren massiv im Ausland investieren. Technologievorstand Thorsten Dreier erklärt, warum.

Herr Dreier, Covestro hat Milliarden-Investitionen in China und Abu Dhabi angekündigt. Warum nicht in Deutschland?

Thorsten Dreier: In China und insgesamt in Asien sehen wir eine hohe Attraktivität des Marktes und ein deutliches Wachstumspotenzial für MDI. MDI ist ein äußerst wichtiges Vorprodukt für Isolationsanwendungen – also etwa Polyurethan-Hartschaum in Kühlgeräten und im Baubereich. Ohne solche Materialien gibt es heute praktisch keinen Kühlschrank und keine moderne, energieeffiziente Gebäudehülle. Wir gehen davon aus, dass der asiatische Markt in den kommenden Jahren mit rund vier Prozent pro Jahr wachsen wird. Daher haben wir beschlossen, dort zu investieren.


Covestro-Technologievorstand Thorsten Dreier

Covestro-Technologievorstand Thorsten Dreier

Thorsten Dreier ist seit 2023 Technologievorstand (CTO) von Covestro und Arbeitsdirektor beim Kunststoffhersteller. Er durchlief seit 2002 unterschiedliche Managementpositionen zunächst bei Bayer, dann in der Abspaltung Covestro. Dreier ist promovierter Chemiker. Sein Vorstandsmandat wurde im vergangenen Jahr bis 2031 verlängert.


Die Nähe zum Kunden trifft gewiss auf China zu. Wie steht es um die Entscheidung für Abu Dhabi?

Mit einer solchen Anlage können wir Märkte bedienen, die wir als „Emerging Markets“ bezeichnen: Indien, Afrika, Teile des Mittleren Ostens. Über Indien als Wachstumsmarkt sprechen wir seit Langem; das Wachstum ist real, auch wenn das Ausgangsniveau niedriger ist als in China. Wir sind überzeugt, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, uns für diese Märkte aufzustellen.

Covestro gehört seit einigen Monaten zu Adnoc, dem staatlichen Ölunternehmen Abu Dhabis. Wäre die Entscheidung für eine Investition dort auch gefallen, wenn der Eigentümer ein anderer wäre?

Die zentrale Frage lautet dabei, wie wettbewerbsfähig können wir an einem Standort produzieren? Wir gehen davon aus, in den Vereinigten Arabischen Emiraten eine der weltweit wettbewerbsfähigsten MDI-Anlagen bauen zu können – mit Blick auf Energie, Rohstoffintegration und Logistik. Die Anlage wäre stark in die lokale Chemie- und Energieinfrastruktur eingebunden. Diese hohe Integration ist ein wesentlicher Baustein für die Wettbewerbsfähigkeit solcher Anlagen – unabhängig von der Eigentümerstruktur.

Sie sind auch Arbeitsdirektor von Covestro. Wie kommt es in der Belegschaft an, wenn das Unternehmen Milliarden im Ausland investiert? Entstehen da Ängste um die deutschen Standorte – und wie begegnen Sie denen?

Gerade als Arbeitsdirektor ist das natürlich ein zentrales Thema. Wichtig ist uns, zu betonen, dass dies keine Entscheidung gegen Deutschland oder gegen Europa ist. Es ist eine Entscheidung für das Wachstum von Covestro. Wir wollen insgesamt als Unternehmen wachsen und gemeinsam weltweit Wert schaffen. Unsere Philosophie lautet seit vielen Jahren: „In der Region für die Region.“ Diese Logik setzen wir jetzt in Asien und im Mittleren Osten fort. In der Belegschaft erklären wir genau, welche Gründe hinter der Entscheidung stehen. Und ich nehme wahr, dass das grundsätzlich positiv gesehen wird.

Unseren bestehenden Anlagen in Europa sind weiterhin wettbewerbsfähig.

Wie sieht Ihre Prognose für MDI in Europa aus?

Der Chemiemarkt in Europa und speziell in Deutschland wächst deutlich schwächer als in Asien. Das gilt auch für MDI. Gleichzeitig sind wir mit unseren bestehenden Anlagen in Europa weiterhin wettbewerbsfähig. Kunden schätzen kurze Lieferketten und die Möglichkeit, dass wir auf Nachfrageänderungen schnell reagieren können.

Wie groß ist denn der Produktionsanteil, der bislang nach Asien und Nahost exportiert wird – und der durch die neuen Anlagen ersetzt werden könnte?

In der Regel versuchen wir, unsere Chemikalien möglichst in der Region zu vermarkten, in der sie produziert werden. Wenn wir zwischen Regionen transportieren, dann reden wir typischerweise über einen hohen einstelligen, gelegentlich niedrigen zweistelligen Prozentanteil.

Als Grund für die Investitionsentscheidung nannten Sie auch „steigende Anforderungen an die Versorgungssicherheit“. Warum soll der Standort Abu Dhabi in dieser Hinsicht verlässlicher sein als etwa Krefeld-Uerdingen?

In einem Markt mit wenigen MDI-Anbietern ist es für Kunden entscheidend, dass ihr Lieferant langfristig liefern kann und dass er bereit ist, selbst in zusätzliche Kapazitäten zu investieren. Viele Kunden kommen auf uns zu und sagen: „Wir wachsen – können Sie dieses Wachstum dauerhaft mitgehen?“ Die Frage lautet also: Traut der Kunde dem Lieferanten zu, dass dieser sein eigenes Wachstum mit Investitionen unterlegt? Je mehr Produktionsquellen und damit Flexibilität ein Anbieter hat, desto größer ist das Vertrauen in seine Liefersicherheit. Genau daran arbeiten wir mit den jetzt geplanten Projekten. Wir wollen unseren Kunden zeigen, dass wir sie auch in Zukunft verlässlich und in größerem Umfang beliefern können.

Sie binden jetzt Milliarden in China und möglicherweise Abu Dhabi. Bleibt in den kommenden Jahren noch Spielraum für weitere Investitionen – auch an anderen Standorten?

Ja, selbstverständlich. Ein Unternehmen mit einem so großen Anlagenpark wie Covestro muss kontinuierlich weltweit investieren – in den Erhalt und die Modernisierung bestehender Anlagen ebenso wie in weiteres Wachstum. Wir haben dazu einen mehrjährigen Investitionsplan, der deutlich über die beiden MDI-Großprojekte hinausgeht. Die jetzt angekündigten Projekte sind sehr wichtig, aber sie sind nicht das Einzige, was wir tun.