Wer stirbt, kommt auf den Friedhof. Doch für die Angehörigen der Familie von Diergardt und für Carl Duisberg und seine Frau Johanna galt das nicht.
FriedhöfeWo in Leverkusen zwei ganz besondere Grabstätten liegen

Die Familie von Diergardt hat seit 1883 eine private Grabstätte in dem Wäldchen westlich der Dhünn zwischen Manfort und Alkenrath.
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Ein Muster wiederholt sich auf allen Friedhöfen in Leverkusen, gleich ob in städtischer oder in katholischer Hand: Die „wichtigen“ Familien des Viertels – ob sie nun Unternehmer hervorbrachten oder Politiker, bedeutende Angehörige der Verwaltung oder ob sie einfach reich waren und sind – haben ihr Grab oder ihre Gruft fast immer an hervorgehobener Stelle, zumeist direkt an einem zentralen Weg auf dem jeweiligen Friedhof oder an sonst besonderem Ort. Zwar sind die Menschen nach ihrem Tod eigentlich alle gleich. Doch ihre besondere Bedeutung im Leben soll nach dem Willen dieser Familien auch durch ihre für alle Welt sichtbare Liegestatt auf dem Friedhof zum Ausdruck kommen.
Und dann gibt es die Menschen, deren Standesbewusstsein so ausgeprägt ist, dass die Vorstellung, im Tod auf einem gemeinen Friedhof mit jedermann und jederfrau aus der Bevölkerung vereint zu sein, einfach gar nicht infrage kommt. In Leverkusen trifft das auf zwei Familien zu, oder besser: auf eine Adelsfamilie und ein bürgerliches Ehepaar. Steingewordenes Zeugnis dieser Haltung sind die Familiengrabstätte von Diergardt in dem Wäldchen schräg gegenüber von Schloss Morsbroich und der Floratempel im Carl-Duisberg-Park, Grabstätte von Carl und Johanne Duisberg.
Der rheinische Textilfabrikant Friedrich Diergardt hatte Schloss Morsbroich 1857 erworben. Drei Jahre später wurde er in den preußischen Freiherrnstand erhoben. Friedrich von Diergardt starb 1869, seine Nachkommen ließen 1883 eine Familiengrabstätte vis-à-vis vom Schloss einrichten. Es sollte aber natürlich nicht irgendeine beliebige Form haben, sondern schon in seiner Form ausdrücken, mit wem man sich auf einer Stufe sah und woran man sich als Familie von Diergardt orientierte.
Von Diergardts klassizistischer Gedenkort
Und so entstand 1883 ein klassizistischer Gedenkort, in der Architektursprache angelehnt an die Grabstätte derer von Humboldt auf dem Berliner Friedhof Tegel. Diese wiederum orientierte sich an Grabmalen in Pompeji. Wie in Berlin schließt eine halbrunde Hippodromform die Grabstätte, einer Apsis gleich, zu einer Seite ab. Und wie in Berlin lädt eine Bank in dem steinernen Halbrund zum Verweilen ein, die freilich anders als in Tegel sich nur über das Zentrum des Halbrunds erstreckt. Und auch auf die ionische Säule, die in der Mitte der Familiengrabstätte von Humboldt steht, verzichtete man in Morsbroich. Ein schlichtes – und inzwischen ziemlich verwittertes – Holzkreuz markiert hier das Zentrum der Grabstätte.

Marmorplatten erinnern an Familienmitglieder, die andernorts begraben liegen.
Copyright: Peter Seidel
Und noch ein wichtiger Unterschied besteht zwischen den Grablegen von Diergardt und von Humboldt: In Berlin werden Angehörige der Familien nach wie vor in der Familiengrabstätte beerdigt. Die letzte Familienangehörige, die in Leverkusen zu Grabe getragen wurde, war hingegen im Jahr 2004 Gabriele Freiin von Finck. Zwar setzte die Stadt die Grabanlage 1984 instand, als sie in die Denkmalliste kam. Seit damals zählt die Anlage auch zu den „Historischen Stätten unserer Stadt“, wie eine Plakette am schmiedeeisernen Zaun bezeugt.
Die Pflege der Grabstätte obliegt aber eigentlich den privaten Eigentümern, einer Erbengemeinschaft des Porzer Maklers Wilfried Hilgert, der Ende 2016 gestorben war. Hilgert wiederum hatte der Familie von Diergardt 2009 313 Hektar Land abgekauft, den kompletten Bürgerbusch und eben auch das kleine, durch den Bau der Siedlung Alkenrath vom restlichen Bürgerbusch in der Nachkriegszeit getrennte Wäldchen, in dem die Familiengrabstätte liegt.
Die Grabstätte selbst macht in diesen Tagen denn auch einen zwar verwitterten, aber insgesamt ganz ordentlich gepflegten Eindruck, wenn auch die Schrift auf so manchem Grabstein derer von Diergardt kaum noch lesbar ist. Das Problem ist, dass der kurze Weg von der Gustav-Heinemann-Straße in den Wald hinein zu der Anlage total zerfurcht, schlammig und mit Pfützen übersät ist. Wer nicht mindestens sehr festes Schuhwerk, besser noch Gummistiefel an den Füßen hat, hat es schwer, diese „Historische Stätte“ Leverkusens aufzusuchen. Der beklagenswerte Zustand des Waldwegs liegt daran, dass er immer wieder mit tonnenschweren Waldwirtschaftsmaschinen befahren wird.
Duisbergs Grabstätte in einem Tempel
Diese Probleme gibt es im Carl-Duisberg-Park nicht. Wer an der Otto-Bayer-Straße sein Auto abstellt und von Süden oder aus dem Bus an der Haltestelle Chempark/Kasino aussteigt und von Norden in den Park geht, läuft ein paar Minuten zu Fuß durch eine gepflegte Rasenlandschaft mit kleinen Baumgruppen. Kurz vor dem Floratempel wird es dann schattig und fast ein bisschen düster, jedenfalls von Süden kommend: Der direkte Weg zu der Tempelanlage führt nach links durch einen Hain aus Eiben.

Flora-Tempel, Grabstätte von Johanne (Johanna) und Carl Duisberg im Carl-Duisberg-Park, liegt in einem Eibenhain.
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Und dann steht man vor dem Floratempel, entstanden in den 1920er-Jahren und 1933 fertiggestellt, in Sichtweite der Villa Duisbergs. Bereits 1921 hatte Duisberg beim preußischen Regierungspräsidenten die Erlaubnis erhalten, dass der Tempel einmal die Grablege für ihn und seine Frau Johanne sein würde. Erbaut hat ihn Fritz Klimsch nach dem Vorbild des „Temple d’Amour“, des Amor-Tempels, einem klassizistischen Tempel im Garten von Schloss Versailles von 1778, das sich der Sonnenkönig Ludwig XIV. erbauen ließ. Der französische Amor-Tempel wiederum bezieht sich baulich auf den Vesta-Tempel, das zentrale Heiligtum auf dem Forum Romanum.
Im Zentrum des Klimschen Tempels steht die ebenfalls von Klimsch geschaffene Marmorfigur der römischen Göttin Flora, der Göttin der Jugend, der Blüte und des Frühlings, erkennbar an dem Blumenstrauß in ihrer rechten Hand. Oberhalb der Säulen, im Übergang zum Dach, steht der Sinnspruch: „Edel sei der Mensch, hülfreich und gut.“ Weist die Statue als Sinnbild der (ewigen) Jugend also über den Tod hinaus, teilt das Motto dem Betrachter mit, was Duisberg als Richtschnur für sein Leben betrachtete. Oder jedenfalls das, von dem er wollte, dass die Nachwelt es als sein Lebensprinzip annahm.

Der Floratempel mit der vergoldeten Klimsch-Skulptur der Auferstehenden rechts.
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Im Boden des Tempels eingelassen sind die schlichten Grabplatten mit den Namen und Lebensdaten des 1935 gestorbenen Carl Duisberg und seiner Frau Johanne, die ihn um zehn Jahre überlebte. Doch wer Duisberg wirklich war, das erfährt der Besucher der Anlage eigentlich hinter dem Tempel. Und hier wird es aus heutiger Sicht ein bisschen skurril. Eine bronzene Plakette am steinernen Halbrund hinter dem Tempel, die diesen als Ruhestätte ausweist, listet neben Duisbergs 1882 erworbenem Doktortitel noch weitere acht Doktortitel ehrenhalber auf, nebst einem Professorentitel, seiner Funktion als Geheimer Regierungsrat (eine Art Berater) der preußischen Regierung und seiner Ehrenbürgerwürde der Stadt Leverkusen.
Einander zugewandte Bronzereliefs in der Mauer erinnern die Betrachter an das Aussehen der Duisbergs. Und so schlicht, wie ihr Name unter dem Titelhaufen ihres Gemahls auf der bronzenen Plakette steht, so einfach und ehrlich mutet der Spruch unter Johannes Profil an: „Die Liebe höret nimmer auf.“ Unter Carls Konterfei hingegen klingt bei aller Selbstüberhöhung der Person durch Tempel, Statuen und Titelansammlung im Sinnspruch Wehmut über die eigene Endlichkeit durch: „Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehn – es sei, wie es wolle – es war doch so schön.“
Weitere Mitglieder der Familie Duisberg sowie die von ihm hochgeschätzte Hausdame Minna Sonntag sind nicht im Floratempel begraben. Sie liegen auf dem Wiesdorfer Friedhof an der Manforter Straße beerdigt. Auch diese Grabstätte ziert eine Klimsch-Skulptur, die die Auferstehung symbolisiert. Allerdings deutlich kleiner als im Park. Und nicht vergoldet.
