Vier Wochen DeutschlandticketVerbraucherschützer fordern Verbesserungen bei der Fahrradmitnahme

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Ein Mann geht am Hauptbahnhof mit seinem Fahrrad zwischen der Werbung für das Deutschlandticket und einer Regionalbahn vorbei. Seit einem Monat gilt bundesweit das 49 Euro teure Deutschlandticket im öffentlichen Personennahverkehr.

Beim Deutschlandticket sehen Verbraucherschützer vor allem Verbesserungsmöglichkeiten bei der Fahrradmitnahme.

Rund zehn Millionen Menschen haben bundesweit bereits ein Abo abgeschlossen. Die Verbraucherzentrale NRW sieht einen Monat nach dem Start des Deutschlandtickets noch Verbesserungsbedarf vor allem bei der Fahrradmitnahme und der Buchung der ersten Klasse.

Der Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) zieht nach den ersten vier Wochen des Deutschlandtickets eine positive Bilanz. „Wir können  feststellen, dass sich das Deutschlandticket positiv entwickelt, auch wenn es mit dem 9-Euro-Ticket im vergangenen Jahr nicht vergleichbar ist“, sagt Geschäftsführer Michael Vogel auf Anfrage. „Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, insbesondere wegen seiner Einfachheit. Für eine nachhaltige Verkehrswende müssen allerdings noch viele weitere große Schritte im Bereich der Finanzierung und des Angebotsausbaus folgen.“

Mit der Startphase sei man „trotz vereinzelter kleiner Probleme“ zufrieden. Im Blick stehen demnach für das Deutschlandticket nun noch Lösungen für die Schülertickets sowie für bundesweite Solidar-Modelle beim Semester- und Jobticket.

Wir beantworten die wichtigsten Fragen zur Start-Bilanz des Deutschlandtickets

Hat sich der Tarifdschungel mit der Einführung des Deutschlandtickets gelichtet?

Nur bedingt, sagt Beatrix Kaschel von der Schlichtungsstelle Nahverkehr bei der Verbraucherzentrale NRW. „Das Ticket ist ein Riesenschritt in die richtige Richtung, da Deutschland in unzählige Tarifgebiete mit unterschiedlichsten Bedingungen zersplittert ist.“ Es macht den öffentlichen Nahverkehr für viele Menschen günstiger. Dennoch gibt es laut Kaschel noch Verbesserungsbedarf bei den Verkehrsverbünden. Besser laufen müsste es bei den abweichenden Regelungen zur Buchung der ersten Klasse und der Fahrradmitnahme. „Verbraucher müssen sich daher im Vorfeld ihrer Reise genau über die verschiedenen Bedingungen auf ihrer Strecke informieren.

Welche Probleme zeigen sich nach den ersten vier Wochen in der Praxis?

Vor allem Reisende, die das Deutschlandticket in Kombination mit einer Fahrkarte für den Fernverkehr nutzen möchten, stoßen auf Probleme. „Die Deutsche Bahn hat sich entschieden, die neue Fahrkarte nicht in ihr Buchungssystem für Fernverbindungen einzubauen“, sagt Kaschel. „Wer etwa von einem kleineren Bahnhof, der nicht direkt ans ICE-Netz angebunden ist, zum Beispiel nach Berlin oder München will, muss abwägen: Wird das Deutschlandticket für die Fahrt zum nächstgrößeren Bahnhof genutzt, entfallen die Fahrgastrechte. Wenn die Regional- oder S-Bahn Verspätung hat und dadurch der Anschluss zum Fernzug verpasst wird, haben Reisende mit dem Deutschlandticket kein Recht auf Entschädigung.“ Wer das Risiko nicht eingehen will, muss „die gesamte Reisekette über das Buchungssystem kaufen. Der Kostenvorteil des Deutschlandtickets ist dann aber futsch.“

Was muss ich bei der Kündigung des Deutschlandtickets beachten?

Das Deutschlandticket ist in erster Linie als dauerhaftes Abo gedacht. Wer das Ticket nur zeitweise nutzen möchte, sollte die Kündigungsfrist im Blick behalten. Diese gilt nämlich immer zum 10. eines Monats. Ansonsten verlängert sich das Ticket automatisch um den folgenden Monat. Wer es also nur einen Monat lang nutzen möchte, sollte das Ticket direkt nach dem Kauf wieder kündigen. Das Abo kann jederzeit neu abgeschlossen werden und für Spontanreisende auch per App bei den jeweiligen Verkehrsunternehmen zur sofortigen Nutzung gebucht werden.

Gibt es dazu eine Alternative?

Ja. Eine Alternative für Menschen aus NRW, die nur unregelmäßig den Nahverkehr nutzen, ist der e-Tarif „eezy.nrw“, bei dem nur die Strecke zu zahlen ist, die tatsächlich zurückgelegt wird. Die Kosten im Monat übersteigen dabei nie das Preislimit von 49 Euro, unabhängig davon, wie viele Fahrten unternommen werden.

Welche Veränderungen sind in Planung?

Das Deutschlandticket soll nach dem Willen der Koalitionsfraktionen von SPD, Grünen und FDP sozialer und familienfreundlicher werden. Der Verkehrsausschuss des Bundestags votierte jüngst für einen Entschließungsantrag der drei Fraktionen und fordert Bund und Länder darin auf, das 49-Euro-Ticket ab 2024 weiterzuentwickeln - „unter anderem mit dem Ziel einer noch familienfreundlicheren Regelung für die Mitnahme von Kindern und Jugendlichen“ sowie günstigen Angeboten für Studierende.

Weiterentwicklung des 49-Euro-Tickets: familienfreundlicher, günstiger für Auszubildende und barrierefreie Stationen

In dem Antrag heißt es weiter, dass die Bundesregierung „im Rahmen der verfügbaren Haushaltsmittel“ auf bessere Bedingungen für die Mitnahme von Fahrrädern hinwirken müsse. Außerdem müsse ein Konzept zur Förderung „barrierefreier Mobilitätsstationen“ vorgelegt werden. Insgesamt gehe es darum, die Fahrgastzahlen für das Ticket deutlich zu steigern.

Ist das alles?

Nein. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) fordert ein vergünstigtes Deutschlandticket für Auszubildende. Ein bundesweites Ticket dürfe es nicht nur für Studierende geben, „es muss ein solches Ticket dringend auch für Azubis geben“, sagt der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. Sie müssten gut und günstig dorthin kommen, wo es viele Ausbildungschancen gibt. Bayern gehe hier ab dem 1. September mit gutem Beispiel voran, sagt Dercks.

Im Freistaat sollen Auszubildende, Studierende und Freiwilligendienstleistende das Deutschlandticket dann für ermäßigte 29 Euro bekommen. Ein Flickenteppich müsse dringend vermieden werden. „Wenn etwa in einem Bezirk der Arbeitsagenturen etwas weniger betriebliche Ausbildungsstellen zur Verfügung stehen, gibt es oft schon im benachbarten Bezirk passende Stellen, die nicht besetzt werden können.“

Wird sich das Deutschlandticket dauerhaft etablieren und welche positiven Folgen hat es für die Verkehrswende und die Klimaziele?

Professor Gernot Liedtke vom Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) geht davon aus, dass rund zwölf Millionen Menschen in Deutschland mit dem Ticket fahren werden. Die Zahl der Abonnenten dürfte aber deutlich geringer als beim 9-Euro-Ticket ausfallen. Das liege daran, dass „Kinder nicht umsonst mitfahren und man auch am Wochenende keine weiteren Personen mitnehmen“ dürfe. „Es kann also sein, dass nicht alle Zeitkartenbesitzenden auf das Deutschlandticket umstellen“, so Liedtke.

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