Internationale Energieexperten raten zu Sparmaßnahmen. In Asien wird bereits Sprit rationiert. Die Bundesregierung hält derlei Eingriffe für „nicht nötig“. Wie lange noch?
IEA macht Vorschläge zum EnergiesparenEin Tempolimit gegen die Ölpreiskrise? Ökonom rät davon ab

In den Niederlanden gilt tagsüber bereits auf den meisten Strecken ein Tempolimit von 100 Stundenkilometern. Das erhöht nicht nur die Verkehrssicherheit, sondern spart auch Sprit.
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Schulen und Universitäten bleiben geschlossen, Kraftstoff wird rationiert, die 4-Tage-Woche eingeführt, Einkaufszentren müssen abends früher schließen, energieintensive Fabrikanlagen werden heruntergefahren, der Export von Benzin und Diesel wird eingeschränkt. All das sind keine Maßnahmen aus den historischen Ölkrisen der 1970er Jahre, sondern aus dem März 2026. Während die Regierungen in Pakistan, Indien, China und vielen weiteren asiatischen Ländern zu solch drastischen Maßnahmen greifen, reagiert Deutschland mit demonstrativer Gelassenheit. Auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ erklärt das Bundeswirtschaftsministerium: „Es besteht kein Versorgungsengpass bei Rohöl“. Maßnahmen wie 2022/2023, als eine Gasmangellage drohte, seien daher „nicht nötig“.
IEA hält „Steuerung der Nachfrage“ für notwendig
Das sehen renommierte Energie-Experten freilich anders. Die Internationale Energie Agentur (IEA) hat angesichts der jüngsten Entwicklungen im Iran-Krieg den Regierungen zu einem umfassenden Maßnahmenpaket geraten. Die Freigabe strategischer Ölreserven, an denen sich auch Deutschland beteiligt, könne die Preise nur kurzfristig stabilisieren. Um das Ausmaß der Störungen auszugleichen, sei eine Steuerung der Nachfrage ein „entscheidendes und unmittelbar wirksames Instrument“.
Dabei haben die Experten vor allem Eingriffe im Verkehrssektor im Sinn. Schließlich würden 45 Prozent des Öls auf der Straße verbrannt, so die IEA. Die Empfehlungen reichen demnach von einem niedrigeren Tempolimit bis hin zu Fahrverboten in Großstädten. Wenn im täglichen Wechsel nur Autos mit geraden und ungeraden Kennzeichen fahren dürften, würden insbesondere Staus verringert. Daneben fordert die IEA den Verzicht auf Flugreisen und mehr Homeoffice.
Energie-Ökonom: Hohe Preise führen zu hohen Nachfragerückgängen
Andreas Löschel ist kein Anhänger solcher Eingriffe. „Im Ukraine-Krieg haben wir gelernt, dass hohe Preise auch zu hohen Nachfragerückgängen führen. Es gibt also Einsparpotenziale“, erklärt der Professor für Umwelt-/Ressourcenökonomik und Nachhaltigkeit an der Ruhr-Universität Bochum. In der Spitze sei der Verbrauch damals um 25 bis 28 Prozent zurückgegangen. Statt allgemeine Einschränkungen vorzunehmen, könne man die Entscheidung, wo Verzicht nötig sei, folglich dem Verbraucher überlassen. „Wenn der Sprit teurer wird, sollte sich jeder Einzelne fragen, ob die nächste Fahrt tatsächlich notwendig ist und ob mit angepasstem Fahrstil der Verbrauch gemindert werden kann, etwa durch das Vermeiden hoher Geschwindigkeit“, führt er aus.
Bislang gebe es weder eine physische Knappheit noch dramatisch hohe Preise. „Die Belastung durch den höheren Benzinpreis bewegt sich bei durchschnittlicher Fahrleistung und Verbrauch augenblicklich bei rund 30 Euro pro Monat“, so Löschel. Wenn sich die Situation verschärfe, müsse allerdings über Entlastungen für Verbraucher nachgedacht werden. Eine pauschale Senkung der Energiesteuer wie 2022 hält er dabei nicht für die geeignete Maßnahme. „Das hilft absolut gesehen den hohen Einkommensbeziehern am meisten.“
Bloß keine Eingriffe beim CO₂-Preis
Ganz falsch wäre es, nun am „CO₂-Preis herumzudoktern“, warnt Löschel. Das Instrument lebe davon, dass Industrie und Verbraucher langfristig damit rechnen könnten, dass fossile Brennstoffe mit der Zeit teurer werden. „Wenn die Leute merken, wenn es hart auf hart kommt, wird der Staat schon eingreifen und fossile Energien wieder günstig machen, dann kommen wir nicht weg von Öl und Gas. Dann kauft sich niemand eine Wärmepumpe oder ein E-Auto.“ Fossile Brennstoffe müssten langfristig teurer werden, weil die Marktpreise das Risiko einer plötzlichen Verknappung nicht berücksichtigen. „An höhere Preise kann man sich in den meisten Fällen langfristig anpassen. Ein Problem ergibt sich insbesondere, wenn es unvorbereitet zu kurzfristigen Energiepreisschocks kommt“, so der Ökonom.
Eine schlechte Nachricht hat Andreas Löschel dann noch für deutsche Verbraucher. „Zuletzt sind nicht nur die Gaspreise für kurzfristige Lieferungen gestiegen, sondern auch die Kontrakte für den Winter 2026/27. Sprich: Die Marktteilnehmer gehen jetzt davon aus, dass sich die Krise auch im Winter noch auswirken wird. Das war vor drei Tagen noch anders“. Entsprechend rät Löschel sich auf die Energiespar-Tugenden zu besinnen, die schon 2022 gegolten haben: sparsam heizen, stoßlüften, unnötige Wege vermeiden oder auf den öffentlichen Nahverkehr ausweichen.
Auf eine zweiwöchige Schulschließung wie derzeit in Pakistan sollten Schüler in Deutschland dagegen lieber nicht setzen.
