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Interview

Explodierende Energiepreise
Chef der Rhein-Energie: „Der Markt ist wahnsinnig nervös“

5 min
19.10.2023, Köln: Interview mit Andreas Feicht, dem Vorstandsvorsitzenden der RheinEnergie AG.

Foto: Michael Bause

Andreas Feicht, Vorstandschef des Kölner Energieversorgers Rhein-Energie

Andreas Feicht spricht im Interview über die Lage auf den Energiemärkten und die Frage, ob Rhein-Energie-Kunden mit steigenden Preisen rechnen müssen.

Herr Feicht, seit dem Angriff Israels und der USA auf den Iran sind die Gas- und Ölmärkte auf Achterbahnfahrt. Wie schätzen Sie die Lage auf den Energiemärkten derzeit ein?

Andreas Feicht: Mit Ausbruch des neuerlichen Nahost-Konflikts mit dem Krieg gegen den Iran ist die Straße von Hormus für die gesamte Schifffahrt geschlossen. Das hat sehr weitreichende Auswirkungen auf die Öl- und Gasmärkte, weil man eben wissen muss, dass 20 Prozent des globalen Öl- und Gasbedarfs in der Region exploriert und dann durch die Straße von Hormus an die Kundenländer verschifft werden. Die Mengen gehen größtenteils nach Asien. Es bestehen sehr langfristige Verträge. Nun aber können diese nicht bedient werden. Öl-Speicher gibt es in Ländern wie Pakistan oder Indien aber nur in sehr geringem Umfang, Gas lässt sich generell nur sehr langsam speichern. Jetzt müssen sich die asiatischen Länder kurzfristig mit Gas und Öl eindecken. Das treibt den Preis.

Aber Deutschland bezieht sein Gas und Öl doch aus Norwegen und den USA?

Seit dem Ausbruch des Ukrainekrieges und dem Ausstieg des Westens aus russischer Energie sind die Märkte vollkommen international. Früher mit russischem Pipeline-Gas gab es noch regionale Märkte. Wenn das Öl aus dem Golf knapp wird, steigen auch die Preise für norwegisches oder amerikanisches Öl und Gas. Das flüssige Gas ist weltweit auf Schiffen unterwegs und mobil. Wir haben es leider versäumt, als Europäer selbst langfristige Lieferverträge zu schließen, und müssen uns nun sehr teuer kurzfristig auf dem Spotmarkt eindecken.

Die nächsten vier Wochen werden entscheidend sein.
Andreas Feicht

Von welchen Steigerungen sprechen wir denn?

Der Markt ist wahnsinnig nervös. Anfang der Woche ist der Gaspreis auf 68 Euro die Megawattstunde gestiegen. Am Freitag lag er noch bei 55 Euro. Der war vor der Krise bei etwa 30 bis 33 Euro die Megawattstunde.


Zur Person

Andreas Feicht ist seit 2022 Vorstandsvorsitzender des Kölner Energieversorgers Rhein-Energie. Geboren wurde er 1971 in Bogen im niederbayerischen Landkreis Straubing. Der Betriebswirt war nach diversen Stationen viele Jahre Chef der Wuppertaler Stadtwerke. 2019 wurde er zum Staatssekretär beim damaligen Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) berufen.


Was war der Auslöser der erneuten Verteuerung?

Wegen möglicher Raketenangriffe des Irans hat Katar ein LNG-Terminal heruntergefahren. Der katarische Energieminister hat gesagt, es wird Wochen und Monate dauern, das wieder in Betrieb zu nehmen. Man kann ein solches Terminal eben nicht wie einen Wasserhahn auf- und zudrehen. Und die Nachricht allein, dass es eine gewisse Zeit zu einer Reduzierung der Produktion kommt, hat den Markt von Freitag auf Montag durchgewirbelt. Daran sieht man die Nervosität.

Was ist Ihre Prognose für die nahe Zukunft?

Wenn der Krieg jetzt relativ schnell beendet sein sollte, wird sich alles wieder beruhigen. Wenn das länger läuft, dann wird es kompliziert. Dann dürften die Preise volatil und hoch bleiben. Das ist für uns natürlich deswegen misslich, weil wir zwar am Ende der Heizperiode sind – das heißt, unser Gasbedarf sinkt jetzt –, aber der asiatische Gasbedarf steigt jetzt. Die asiatischen Länder sind aktuell in einer viel schwierigeren Lage als wir. Sie brauchen im Sommer das Gas für die Klimaanlagen, die jetzt anfangen zu laufen. Und damit gibt es eine ziemliche Nachfragekonkurrenz. Denn wir müssen ab Mai einspeichern. Unsere Gasspeicher sind ja relativ leer für den nächsten Winter. Und deswegen ist sehr wichtig zu verstehen, wie lange dann dieser Krieg dauert. Die nächsten vier Wochen werden entscheidend sein. Gas wird ja zum Beispiel auch für Ammoniak benötigt – und damit für Kunstdünger. Da schwappt die Krise gleich auf den Lebensmittelmarkt über, mit negativen Folgen.

Wenn Länder mit geringen Speicherständen auf russisches Öl wechseln, dann erhält Russland wieder höhere Einnahmen, weil der Preis gestiegen ist, was dann auf deren Durchhaltefähigkeit im Ukraine-Krieg einzahlt
Andreas Feicht

Welche indirekten Folgen hat das?

Wenn Länder mit geringen Speicherständen auf russisches Öl wechseln, dann erhält Russland wieder höhere Einnahmen, weil der Preis gestiegen ist, was dann auf deren Durchhaltefähigkeit im Ukrainekrieg einzahlt. Länder wie Indonesien oder Pakistan könnten bald in eine Energiemangellage geraten. Japan und Singapur werden dagegen relativ lange durchhalten können. Deutschland hat große Ölreserven, insgesamt für 90 Tage. Wir bekommen unsere Mengen aus Kasachstan und aus anderen Ländern, nicht vom Golf. Man könnte darüber nachdenken, ob man einen Teil der Ölreserven in den Markt bringt, um den Preis nach unten zu bringen.

Wäre das gut?

Ja, abhängig natürlich vom weiteren Kriegsverlauf. Wenn es länger dauert, muss man das wahrscheinlich tun. Auch um die Wirtschaft zu stützen.

Was ist denn mit Rhein-Energie-Kunden? Müssen die sich auf steigende Gas- und Strompreise einstellen?

Kurzfristig nicht. Wir haben für 2026 beschafft. Das heißt, wir haben für unsere Kunden die Gasmengen geordert und den Preis gesichert. Das gilt auch für die kommende Heizperiode. Das gilt auch für unsere Kraftwerke. Hier haben wir Gasmengen bis Sommer nächsten Jahres gesichert. Es gibt aber zwei Risikoszenarien.

Kommt ein sehr kalter Winter, der oberhalb des Flexibilitätsbandes von zehn oder 15 Prozent liegt, dann müssen wir Gas nachbeschaffen
Andreas Feicht

Und die wären?

Kommt ein sehr kalter Winter, der oberhalb des Flexibilitätsbandes von zehn oder 15 Prozent liegt, dann müssen wir Gas nachbeschaffen. Das würde einen negativen Effekt haben. Und Gaslieferanten mit kurzfristigen Gaslieferverträgen könnten in Schwierigkeiten kommen.

Welche wären das konkret?

Es gibt einen Effekt, den es auch schon in den letzten Krisen gegeben hat. Die Discounter, die sehr günstige Preise bieten, beschaffen ganz kurzfristig Gas oder Strom. Das heißt: Wenn der Preis steigt, geht deren Kalkulation nicht mehr auf. Und dann kann es eine Pleitewelle geben oder die Discounter könnten den Kunden einfach kündigen, die würden dann bei uns in die Grundversorgung fallen. Dann müssten wir für diese Kunden Gas relativ teuer nachbeschaffen. Das sehen wir aktuell noch nicht, aber das Szenario könnte kommen. Es bleibt dabei: Discounter können langfristig keine Preisstabilität bieten.

Sie sind Energiemarkt-Experte. Was sagen Sie: Machen sich die Öl-Multis an den Tankstellen gerade die Taschen voll, angesichts der Spritpreise?

Das ist aus meiner Sicht nicht so einfach zu beurteilen. Es ist erstmal ein normaler Marktmechanismus. Anders als bei uns, schließen die Kunden ja kein Tank-Abo ab. Die Tankstellen müssen sich auf kurzfristige Käufe einstellen. Wir haben oft längerfristige Verträge mit den Kunden, was Kalkulationssicherheit gibt. An der Tankstelle gibt es sowas nicht. Die Tanks wieder zu füllen, kostet eben den heute teureren Marktpreis. Das, was Sie günstig in den Tank gefüllt haben, ist ja jetzt auch mehr wert.

Momentan ist das Laden eines Elektroautos vergleichsweise günstig. Die Strompreisentwicklung und die Gaspreisentwicklung sind viel träger. Wenn ich jetzt an einer Schnellladesäule lade, sagen wir mal, für 54 Cent die Kilowattstunde, entspricht das beim Durchschnittsbenzinverbrauch ungefähr 1,40 Euro pro Liter. Wenn ich zu Hause lade für 30 Cent, entspricht das weniger als einem Euro je Liter. Das Laden eines E-Autos ist also gerade jetzt sehr wirtschaftlich, und alle, die ein Hybridauto fahren, sollten jetzt wirklich darauf achten, dass sie absolut diszipliniert immer ihre Batterie vollgeladen haben.