Die Spritpreise steigen weiter. Das Kartellamt kündigt an, bei Missbrauch der Konzerne einzugreifen. Eine Steuerentlastung lehnen Ökonomen ab.
Kartellamt prüftAufregung um hohe Spritpreise – Nutzen Ölkonzerne den Krieg aus?

Die Spritpreise kennen aktuell nur den Weg nach oben.
Copyright: IMAGO/Jan Huebner
Die Spritpreise steigen immer weiter: Einen Tag nach Dieselkraftstoff hat am Donnerstag auch die günstigste gängige Benzinsorte Super E10 die Marke von zwei Euro pro Liter im bundesweiten Durchschnittspreis überschritten. In der Preisspitze am Morgen kostete sie 2,003 Euro, wie der ADAC mitteilte. Noch am Mittwoch war sie mit 1,995 Euro am Morgen knapp daruntergeblieben.
Auch Diesel verteuert sich weiter: Am Morgen erreichte der Kraftstoff im bundesweiten Durchschnitt 2,086. Am Mittwoch waren es noch 2,054 Euro. Diesel ist normalerweise billiger als E10, weil er deutlich niedriger besteuert wird. Sein Preis ist aber krisenanfälliger, auch in der Anfangsphase des Ukraine-Krieges hatte er stärker reagiert als Benzin. Einer der Gründe ist, dass Diesel auch als Ersatz für Gas verwendet wird und für die Industrie eine größere Rolle spielt.
Hintergrund der hohen Preise ist der Iran-Krieg und die Sperrung der Straße von Hormus vor der Küste des Landes. Sie spielt für Öl- und Gaslieferungen eine wichtige Rolle. Seit der Eskalation am Samstag sind auch Rohöl und Gas deutlich teurer geworden.
Alles zum Thema Nahostkonflikt
- „Putinismus“ erfasst die USA „Trump von Jesus auserwählt“ – US-Militärs rufen intern zum Religionskrieg
- Kartellamt prüft Aufregung um hohe Spritpreise – Nutzen Ölkonzerne den Krieg aus?
- Winter-Paralympics Zwischen Konflikten und Medaillen: Team D startet in Italien
- Nach Flugverbot in Dubai Nahost-Konflikt zwingt Tennisprofis zu komplizierter Anreise
- Iran-Krieg Iran dementiert Angriff auf Aserbaidschan
Diesel lag auch im Tagesschnitt des Mittwochs über zwei Euro
Im bundesweiten Tagesdurchschnitt des Mittwochs kostete ein Liter Diesel 2,005 Euro, also 25,9 Cent mehr als am Freitag vor Ausbruch des Krieges. Für E10 waren am Mittwoch im Tagesschnitt 1,935 Euro pro Liter zu bezahlen, 15,7 Cent mehr als am Freitag. Der Tagesdurchschnitt ist für längerfristige Vergleiche aussagekräftiger, weil er die oft starken Schwankungen im Tagesverlauf ausgleicht.
Heizöl legt ebenfalls weiter zu: Das Portal Heizoel24 meldete am Donnerstagmittag einen Preis von rund 133 Euro für 100 Liter. Das waren rund fünf Euro mehr als am Mittwoch. Vor Kriegsbeginn hatte der Preis noch unter 100 Euro gelegen.
Forderungen nach Spritpreisbremse
Dass E10 oder Diesel im Tagesdurchschnitt mehr als zwei Euro kosteten, war zuletzt 2022 der Fall – Hintergrund war damals der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und die Folgen für die Energieversorgung. Damals stellte sich die gleiche Frage wie heute: Nutzen die Ölkonzerne die Krise aus, um ihre Gewinnmargen in ihrem Schatten zu vergrößern?
Tatsächlich ist es gerade das Top-Thema an Theken, Kassen und Frühstückstischen: Machen sich die Tankkonzerne die Taschen voll, oder funktioniert der Markt korrekt? Ob die Ölkonzerne oder Tankstellenbetreiber die aktuelle Angst an den Märkten ausnutzen, um eine höhere Marge in Krisenzeiten auszunutzen, ist unter Marktbeobachtern zumindest umstritten.
„Ob die Mineralölkonzerne ihre Margen aktuell erhöhen, lässt sich wissenschaftlich erst im Nachhinein beurteilen“, sagte Manuel Frondel, Professor für Energieökonomik an der Ruhr-Universität Bochum und Energieexperte des RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, im Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Historisch gesehen war es oft so, dass bei einem steigenden Ölpreis auch die Margen steigen“, sagt Frondel.
Genau das kritisiert der Automobilklub ACV: steigende Rohölpreise würden sehr schnell an die Zapfsäule durchgereicht, teils bevor die höheren Beschaffungskosten in der Breite überhaupt in der Lieferkette angekommen sein können. „Tanklager sind nicht von heute auf morgen leer. Das nährt den Eindruck, dass der Preissprung in der momentanen Lage zumindest in Teilen nicht allein kostengetrieben ist“, sagte ein Sprecher des in Köln ansässigen Klubs dieser Zeitung.
Wissenschaftler sprechen von „Rakete-und-Feder-Effekt“ bei den Preisen
Wissenschaftler sprechen hierbei vom sogenannten Rakete-und-Feder-Effekt. „Steigt der Ölpreis stark, gehen die Benzinpreise unmittelbar mit nach oben, sinken die Preise wieder, bröckeln die Benzinpreise aber nur langsam wieder ab“, erklärt Energieexperte Frondel.
Der Ökonom will zwar keine Prognose für die Entwicklung des Ölpreises abgeben, sagt aber: „Wenn die Straße von Hormus über Monate geschlossen bleibt, dann kann der Ölpreis lange über 100 Dollar bleiben“.
Das Kartellamt hat jedenfalls ein Auge auf das Agieren der Ölkonzerne und Tankstellenbetreiber. „Die Abstände der Tankstellenpreise beziehungsweise der Raffinerie- und Großhandelspreise vom Rohöl beobachten wir fortlaufend und engmaschig. Parallel dazu führen wir unser Verfahren im Bereich Raffinerien und Kraftstoffgroßhandel fort, in dem wir etwaigen Störungen des Wettbewerbs nachgehen“, sagte Kartellamtspräsident Andreas Mundt dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.
Sollten sich Hinweise auf kartellrechtswidriges Verhalten der Mineralölkonzerne zeigen, würden wir konsequent dagegen vorgehen
„Wir analysieren die Preisentwicklung mit der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe ohnehin fortlaufend und stehen darüber auch in engem Austausch mit dem Wirtschaftsministerium. Sollten sich Hinweise auf kartellrechtswidriges Verhalten der Mineralölkonzerne zeigen, würden wir konsequent dagegen vorgehen“, sagte der Kartellamtschef weiter.
Es gebe aber kein kartellrechtliches Instrument, um geopolitisch getriebene Preissteigerungen unmittelbar zu verhindern. „Bereits die Erwartung an eine Zuspitzung der Lage hat Beschaffungskosten und Preise in die Höhe getrieben. Dabei reagiert Diesel generell stärker auf geopolitische Verwerfungen als Benzin, da die Importquote deutlich höher ist“, so Mundt weiter.
Die steigenden Spritpreise sorgen inzwischen auch für eine Diskussion um eine mögliche Spritpreisbremse. Unter anderem fordert der ADAC, dass die Politik eine „vorübergehende Absenkung der Energiesteuer auf Kraftstoffe prüfen“ müsse. „Diesel könnte auf den EU-Mindeststeuersatz für Energie abgesenkt und Benzin vergleichbar reduziert werden.“ Dies würde für rund 15 Cent Entlastung je Liter Kraftstoff sorgen.
Auch der Verkehrsclub Mobil in Deutschland fordert eine Spritpreisbremse, eine von ihm gestartete Online-Petition an die Bundesregierung habe inzwischen mehr als 14.000 Unterschriften, heißt es.
2022 hatte der Staat die Steuern auf Diesel und Benzin von Juni bis August deutlich gesenkt, um die Autofahrer angesichts der hohen Preise zu entlasten. Damals war der Anstieg der Spritpreise zu Kriegsbeginn allerdings deutlich höher als dies bisher der Fall ist.
Wirtschaftswissenschaftler sehen Tankrabatt kritisch
Führende Wirtschaftswissenschaftler sehen einen möglichen Tankrabatt auch kritisch. Ifo-Chef Clemens Fuest hält einen solchen Eingriff für volkswirtschaftlich schädlich. Wenn Öl knapp und teuer sei, sollten die Verbraucher auch das Signal erhalten, davon etwas weniger zu verbrauchen, argumentiert er. Dies sei eine der großen Stärken der Marktwirtschaft. Zudem sei die Belastung durch die Energiepreise noch nicht so groß, dass daraus Notsituationen entstünden.
DIW-Chef Marcel Fratzscher ist ebenfalls kritisch: „Ein Tankrabatt, um höhere Spritpreise abzufedern, wäre ein teurer Fehler und die falsche Priorität der Bundesregierung“, schreibt er auf Anfrage. „Die Bundesregierung kann die höheren Preise nicht verhindern, aber sie kann Bürger zielgenau entlasten.“
Priorität sollte für Fratzscher die Entlastung von Menschen mit geringen Einkommen haben. „Dies könnte beispielsweise über eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel geschehen.“ Zudem plädiert er für eine Übergewinnsteuer „um möglichen Missbrauch durch Mineralölkonzerne zu bekämpfen“.
Ökologisch und ökonomisch bedenklich
Energieökonomik-Professor Manuel Frondel nennt einen Tankrabatt „sowohl ökologisch als auch ökonomisch bedenklich“ und verweist auf die hohen Kosten, die 2022 bei rund einer Milliarde Euro pro Monat lagen. Zudem würde eine solche Maßnahme auch ökologisch ein falsches Signal senden.
Frondel hat zudem zur Frage geforscht, ob Ölkonzerne und Tankstellen den Steuerrabatt 2022 komplett an die Verbraucher weitergaben. „Im ersten Monat wurde der Tankrabatt noch komplett weitergegeben“, beschreibt er seine Erkenntnisse. „Als die Aufmerksamkeit nachließ, sank auch die Weitergabe. Zum Ende des Rabatts war es nach unseren Daten nur noch etwa die Hälfte.“

