Auf dem internationalen Ölmarkt geht es infolge der Angriffe auf Iran turbulent zu. NRW-Wirtschaftsministerin Neubaur fordert eine Gaspreisbremse für die Industrie.
Warum kostet Diesel mehr als Benzin?Wie es bei den Sprit-, Gas- und Energiepreisen weitergeht

Die Spritpreise explodieren wegen der Krise in Nahost.
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Die Angriffe der USA und Israels auf den Iran haben die Energiemärkte auf der ganzen Welt kräftig durchgeschüttelt. Warum aber steigen die Preise an den Tankstellen binnen kürzester Zeit so rapide? Schließlich haben sich die Ölkonzerne doch langfristig mit dem Rohstoff eingedeckt. Welche Auswirkungen hat das Kriegsgeschehen letztlich auf die Kosten für eine warme Wohnung und warmes Wasser? Und was sagt die NRW-Politik? Ein Überblick über die aktuelle Gemengelage beim Thema Energie.
Wie hat sich der Preis entwickelt?
Für Diesel mussten Autofahrer am Mittwochmorgen mehr als zwei Euro pro Liter zahlen, das waren laut ADAC rund 18 Cent mehr als in der Vorwoche. Super E10 verteuerte sich um rund zwölf Cent, am Mittwochmorgen lag der Preis bei durchschnittlich 1,995 Euro pro Liter.
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Wie kann das noch weitergehen?
Im Vergleich zum Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 ist noch Luft nach oben. Damals kostete Diesel in der Spitze 2,14 Euro und Super E10 2,07 Euro. Allerdings ist die Ausgangslage heute eine andere. Infolge des russischen Überfalls auf das Nachbarland blieben die Lieferungen russischen Öls nach Deutschland komplett aus. Jetzt ist die Wasserstraße von Hormus als wichtige Passage für Öltransporte vermutlich nur vorübergehend blockiert. US-Präsident Donald Trump hat am Dienstagabend sogar angekündigt, Tanker notfalls mit US-Streitkräften durch die Meerenge zu eskortieren. Der ADAC warnt allerdings: „Während steigende Ölpreise meist sehr schnell an den Zapfsäulen ankommen, dauert es bei sinkenden Preisen oft länger“, sagt ADAC-Kraftstoffmarktexperte Christian Laberer.
Warum kostet Diesel mehr als Benzin?
Ein Liter Diesel kostet an der Tankstelle jetzt rund fünf Cent mehr als ein Liter E10-Benzin, obwohl Diesel niedriger besteuert wird. Dafür gibt es mehrere Gründe. Der übliche Preisabstand ist schon vorher geschrumpft, weil die Erhöhung des CO2-Preises Diesel etwas stärker belastet als Benzin. Außerdem haben die Raffinerien im Winter mehr Heizöl und weniger Diesel produziert. Vor allem aber ist Deutschland beim Diesel stärker von Importen abhängig als beim Benzin. Deshalb reagiert der Preis noch stärker auf den Weltmarkt.
Esra Limbacher: „Was wir an vielen Tanksäulen in unserem Land erleben, ist schlicht und ergreifend Abzocke“
Schlagen Konzerne aus der Krise Profit?
Das werfen zumindest Kritiker den Mineralölfirmen vor. „Was wir an vielen Tanksäulen in unserem Land erleben, ist schlicht und ergreifend Abzocke“, sagte etwa der SPD-Bundestagsabgeordnete Esra Limbacher. Benzin und Diesel seien überwiegend vor Beginn des Kriegs zu deutlich niedrigeren Rohölpreisen eingekauft worden. Es sei „inakzeptabel, wenn geopolitische Unsicherheiten als Vorwand für überzogene Margen genutzt werden“. Der Wirtschaftsverband Fuels und Energie widerspricht auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Redaktionsnetzwerk Deutschland RND) und verweist auf normale Marktmechanismen. In Krisenzeiten sei es möglich, dass die Nachfrage besonders stark anzieht. „Dieser Umstand und die Verknappung des Angebots durch die blockierte Straße von Hormus können zu steigenden Preisen führen“, so ein Verbandsvertreter.
Wird auch der Erdgaspreis steigen?
Nach Einschätzung der Bundesnetzagentur ist die physische Gasversorgung in Deutschland derzeit stabil und gesichert. „Lieferengpässe werden aktuell nicht erwartet“, hieß es vom Kölner Energieversorger Rhein-Energie am Mittwoch. Deutschland beziehe den überwiegenden Teil seines Erdgases über Pipelineimporte aus Norwegen sowie über LNG-Terminals mit breit diversifizierten Lieferquellen, vor allem aus den USA. Gaslieferungen direkt aus der Golfregion spielten für die deutsche Versorgung nur eine untergeordnete Rolle.
Wird die Rhein-Energie den Preis erhöhen?
Die aktuellen Preisausschläge für Erdgas auf den internationalen Energiemärkten wirken sich nach Angaben eines Rhein-Energie-Sprechers nicht unmittelbar auf die Erdgaspreise des Unternehmens aus. „Wir beschaffen die benötigte Energie für unsere Bestandskundinnen und -kunden mittel- bis langfristig im Voraus.“ Außerdem hätten viele Kundinnen und Kunden Verträge mit Festpreis für ein oder zwei Jahre. Die momentan gestiegenen Preise seien nur eine Momentaufnahme (kurzfristiger Markt). „Die weitere Entwicklung hängt von der Dauer und dem Verlauf des Krieges ab“, so der Rhein-Energie-Sprecher.
Wie entsteht der Benzinpreis?
Der Benzinpreis in Deutschland setzt sich primär aus einem hohen Steueranteil (mehr als 50 Prozent), dem Produktpreis (Einkauf, Transport) und den Kosten beziehungsweise Gewinnmargen der Mineralölkonzerne zusammen. Maßgeblichen Einfluss haben der internationale Preis für Rohöl (das in US-Dollar gehandelt wird), die Wechselkurse, CO2-Abgaben, die Nachfrage (saisonal schwankend) und der Wettbewerb zwischen Tankstellen.
Gaspreis: Mehr als die Hälfte entsteht aus Kosten für die Energiebeschaffung
Wie entsteht der Gaspreis?
Rund 54 Prozent des Gaspreises ergeben sich aus Kosten für die Energiebeschaffung und den Vertrieb. Da die Beschaffungskosten dem Wettbewerb unterliegen, können sie variieren. Der Rest sind Steuern, Abgaben, Umlagen sowie Netzentgelte und Messstellenbetrieb.
Welche Rolle spielt Spekulation?
Nur ein Teil des Marktes dreht sich tatsächlich um physisches Öl. Es gibt ungezählte Wertpapiere für die Entwicklung des Ölpreises, in die auch Kleinanleger investieren können. Industriekonzerne sichern damit ihre aktuellen Kosten ab, Spekulanten hoffen auf schnellen Gewinn, und Finanzinvestoren suchen ein Gegengewicht zum Aktienmarkt – wie Anfang dieser Woche. „An einem Tag wilder Marktbewegungen ist Öl der neue Hafen“, schrieb das „Wall Street Journal“. Die verschiedenen Akteure sorgen dafür, dass Öl schon teuer wird, bevor es knapp wird. Sie beschleunigen aber auch den Preisverfall, wenn der Markt sich dreht.
Was ist mit der staatlichen Öl-Reserve?
Seit den 1970er Jahren hat Deutschland eine staatliche Ölreserve. Laut Erdölbevorratungsgesetz muss sie ausreichen, um für 90 Tage die Importe von Öl und Mineralölprodukten zu ersetzen. Aktuell sind rund 24 Millionen Tonnen eingelagert. Sie dienen aber nicht der Preissteuerung. Das Wirtschaftsministerium darf Bestände nur bei „Störungen in der Energieversorgung“ freigeben. Das geschah zum Beispiel 2022, als klar war, dass russische Lieferungen kurzfristig und auf Dauer ausfallen würden. Selbst eine längere Blockade der Straße von Hormus hätte keine mit der damaligen Lage vergleichbaren Folgen.
Kommt eine neue Spritpreisbremse?
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sagte zur Eröffnung der Handwerksmesse in München, eine Spritpreisbremse stehe derzeit „nicht auf der Agenda“. Gleichwohl bleibe die Lage volatil. „Wir müssen beobachten, wie lange die Kriegshandlungen andauern und werden dann mit Krisenmechanismen, die wir selbstverständlich in unserem Portfolio haben, reagieren.“ Die frühere Bundesregierung hatte 2022 für drei Monate die Energiesteuer auf das EU-Mindestniveau gesenkt. Insgesamt ergab das einen Rabatt von etwa 35 Cent bei Benzin und 17 Cent bei Diesel pro Liter. Aktuell fordert Ramona Pop, Vorständin des Verbraucherzentrale Bundesverbands, ein „entschiedenes Eingreifen, sollten Preise ohne sachliche Grundlage steigen“. Zugleich zeige die Krise erneut, wie wichtig es sei, Deutschlands Abhängigkeiten zu reduzieren.
Wirtschaftsministerin Neubaur: „Wir sind verwundbar und erpressbar durch diese Abhängigkeiten“
Was sagt die NRW-Politik?
„Die aktuelle Lage im Iran führt uns einmal mehr vor Augen, welche Relevanz der Import fossiler Energie für unsere Wirtschaft noch hat und wie verwundbar und erpressbar wir durch diese Abhängigkeiten weiterhin sind“, sagte NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. In Richtung Berlin fordert die Grünen-Politikerin, Reiche sollte kurzfristig einen Energiegipfel mit den Energieministerinnen und -ministern der Länder einberufen. „Wir müssen gemeinsam beraten, wie wir unsere Industrie vor neuen Energiepreisschocks schützen und dauerhaft für stabile und wettbewerbsfähige Energiepreise sorgen“.
Dazu gehöre auch, „Instrumente wie eine gezielte Gaspreisbremse für besonders energieintensive Industrien zu prüfen“, so Neubaur weiter. Versorgungssicherheit, Preisstabilität und industrielle Stärke gehörten zusammen – „und sie brauchen jetzt entschlossenes Handeln hier bei uns, in Berlin und in Europa. Wir müssen schützen, was wir hier haben.“

