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Fünf Jahre StillstandUnkraut, das nicht vergeht

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Ein mit Erdmandelgras überwucherter Acker, im Hintergrund ist der Kölner Dom zu sehen.

Ein mit Erdmandelgras überwucherter Acker, im Hintergrund ist der Kölner Dom zu sehen.

Ein unscheinbares Gewächs bedroht Ernten in NRW. Erdmandelgras verbreitet sich rasant, ist kaum zu bekämpfen und zwingt Betriebe zu radikalen Entscheidungen.

Landwirt Thomas Altenbokum steht auf einem Feld bei Dülmen und deutet auf die Pflanzen zwischen Mais und Getreide. „Grüne Stängel, weiße Nuss, was eigentlich ganz hübsch aussieht, verbreitet sich wie eine Plage“, sagt er in einem Interview-Video. Erdmandelgras hat sich auf seinem Acker ausgebreitet. „Die Erdmandel ist was ganz Neues, Krasses, weil sie halt nicht zu bekämpfen ist, ob das mechanisch ist oder über Pflanzenschutz, man kann sie nicht bekämpfen, die geht einfach nicht kaputt.“ 

Erdmandelgras (Cyperus esculentus) gilt in Nordrhein-Westfalen als invasives „Problem-Ungras“ für Landwirtschaft und Gartenbau. Das Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz schlägt Alarm. Das Unkraut entziehe den heimischen Kulturpflanzen Wasser, Nährstoffe und Licht und gefährde dadurch Ernten und den Ackerbau. Entscheidend sei die Vermehrung des Grases über Knöllchen. Innerhalb weniger Wochen könnten aus einer Erdmandel mehrere hundert neue Pflanzen entstehen.

Ausbreitung und Schadensbild

Für landwirtschaftliche Betriebe wird das Thema vor allem über Ertrag und Kosten konkret. Auf stark befallenen Flächen werden einzelne Pflanz-Kulturen kaum noch planbar. „Die zunehmende Ausbreitung des Erdmandelgrases führt bereits heute zu spürbaren Einschränkungen: Auf stark befallenen Flächen ist ein wirtschaftlicher Anbau von Kulturen wie Kartoffeln, Zuckerrüben, Möhren oder Zwiebeln kaum noch möglich“, beklagt Arne Dahlhoff, Direktor der Landwirtschaftskammer NRW.

Erdmandelgras auf einem Kartoffelacker in NRW: Noch ein leichter Befall.

Erdmandelgras auf einem Kartoffelacker in NRW: Noch ein leichter Befall.

Erdmandelgras in Zuckerrüben-Feld: Teilweise werden Rüben von befallenen Flächen von den Zuckerrübenfabriken nicht mehr angenommen,

Erdmandelgras in einem nordrhein-westfälischen Zuckerrüben-Feld: Teilweise werden Rüben von den überwucherten Flächen von den Zuckerrübenfabriken nicht mehr angenommen.

Sind die Felder überwuchert, nistet sich die Mandel in den gepflanzten Kulturpflanzen sogar ein. Zuckerrübenfabriken beispielsweise weigern sich mittlerweile gelegentlich, entsprechende Exemplare anzunehmen. So entstünden „wirtschaftliche Risiken entlang der gesamten Wertschöpfungskette“, sagt Dahlhoff. Die Folgen betreffen nicht nur den einzelnen Betrieb, sondern auch nachgelagerte Bereiche, etwa auch die Vermarktung und Verarbeitung der Feldfrüchte.

In NRW wird die Entwicklung jetzt genauestens erforscht

Das Unkraut, das ursprünglich in Afrika und dem Mittelmeerraum beheimatet war, hat sich in den letzten Jahren exponentiell in Deutschland und NRW ausgebreitet. In Norddeutschland waren Ende der 1980er-Jahre lediglich drei kleinere Maisfelder bekannt. Im Jahr 2021 wurde die Summe befallener Flächen auf circa 10.000 Hektar geschätzt. Seitdem ist das Vorkommen nahezu explodiert. In Niedersachsen geht man davon aus, dass mindestens 250.000 Hektar betroffen sind. Für Nordrhein-Westfalen gibt es noch keine genauen Zahlen. In der Summe seien aber mindestens schon etwa 25.000 Hektar kontaminiert.

Die Situation in NRW werde deshalb genauestens erforscht und dokumentiert, heißt es aus dem Landwirtschaftsministerium. Der Pflanzenschutzdienst der Landwirtschaftskammer NRW sei mit dem Monitoring beauftragt worden. Die Entwicklung werde auch im Ministerium „aufmerksam verfolgt, um mögliche Befallsherde“ schneller identifizieren und eingrenzen zu können.

Aus der Not eine Tugend machen?

If you cant beat it, eat it? Erdmandeln werden zwar in einigen Ländern als Nahrungsmittel angebaut - vor allem in der spanischen Region um die Stadt Valencia sowie in Teilen Afrikas, im Nahen Osten und in Indien. Sie sind gesund, schmecken süßlich-nussig, sind reich an Ballaststoffen und Vitaminen und werden auch Super-Food-Snack oder gemahlen als Mehl und Flocken verwendet. 

„Aber diese Kulturformen haben größere Mandeln, die sich gut vom Boden trennen lassen, und brauchen zudem ein warmes Klima“, heißt es bei der NRW-Landwirtschaftskammer. Bei der in Deutschland verbreiteten Wildform seien die Früchte zudem „für eine praktikable Verwertung zu klein“.

Maschinen als „Schadstoff-Taxis“

Als zentraler Hebel im Kampf gegen das Gras gilt die Prävention. In der Praxis führt das unter anderem zu Fragen der Maschinenhygiene und der Arbeitsorganisation. Günter Klingenhagen von der Landwirtschaftskammer berichtet, dass die Erdmandeln vor allem auch durch Maschinen weiterverbreitet werden, die in den Boden eingreifen. Dass landwirtschaftliche Betriebe bestimmte Arbeiten gelegentlich mit Maschinen externer Unternehmen erledigen, weil sie sich die teuren Geräte  alleine nicht leisten können, macht die Sache nicht einfacher „Das erhöht das Risiko, dass anhaftende Erde von einer Fläche zur nächsten transportiert wird“, weiß Klingenhagen.

Eine Erdmandelgras-Knolle, die sich (links unten) in einer Kartoffel „eingenistet“ hat.

Eine Erdmandelgras-Knolle, die sich (links unten) in einer Kartoffel „eingenistet“ hat.

Wie groß die Menge sein kann, die nach der Arbeit an der Maschine bleibt, weiß Landwirt Altenbokum von einem Selbstversuch. Dafür hat er die Erde, die er nach dem Einsatz auf einem verseuchten Feld entfernt hat, auf einen Haufen zusammengeschippt und ein paar Tage liegen lassen. „Ich bin wirklich erschrocken, da sind locker 40 Erdmandelpflanzen aufgegangen“, berichtet er. Der bei der Reinigung anfallende kontaminierte Schmutz darf deshalb noch nicht einmal entsorgt werden, sondern muss zurück auf das Ursprungsfeld.

Die Grenze der Chemie

Ein Grund für die Alarmstimmung der NRW-Behörden ist auch  die Biologie der Pflanze. Erdmandelgras bildet unterirdische Ausläufer, sogenannte Rhizome. An deren Enden, im Bereich von fünf bis 20 Zentimetern Tiefe, werden neue drei bis zwölf Millimeter große Mandeln gebildet. Die Knöllchen können Frost von bis zu minus 15 Grad überstehen und bleiben nach Angaben des Ministeriums über Jahrzehnte keimfähig. In frühen Stadien könnten einzelne Pflanzen noch händisch entfernt werden. Wenn sich das Unkraut jedoch etabliert habe, seien die Bekämpfungsmöglichkeiten stark eingeschränkt und der Aufwand steige erheblich.

Ermandelgras-Knollen auf einem Sieb, nachdem sie aus dem Untergrund entfernt wurden.

Ermandelgras-Knollen auf einem Sieb, nachdem sie aus dem Untergrund entfernt wurden.

Auch technische Ansätze ändern daran bisher nur begrenzt etwas. Thomas Altenbokum aus Dülmen hat seinen kontaminierten Acker der Landwirtschaftskammer für Versuche zur Verfügung gestellt. Mit sogenannten Spotsprayern wird das Gras zwar gezielt mit Kameras erfasst, um es dann mit Unkrautvernichtern zu besprühen. Die Maispflanzen wie auf dem Versuchsfeld in Dülmen bleiben dabei zwar verschont und das Unkraut stirbt oberirdisch ab. Der Knackpunkt bleibt jedoch, dass die Knöllchen im Boden erhalten bleiben. Und die können, ähnlich wie Kartoffeln, immer wieder neue Triebe bilden. 

Den Acker jahrelang stilllegen

Grundsätzlich ist es möglich, den Boden mit Hitze zu sterilisieren und dabei auch die Mandeln abzutöten. „Dies ist aber wirtschaftlich für größere Ackerflächen nicht darstellbar“, erläutert Unkraut-Experte Klingenhagen. Auch eine Behandlung der Pflanzen mit Strom oder der Einsatz von sogenannten Mandelschweinen bringe nur Teilerfolge. „Die Schweine finden immer nur einen Teil der Mandeln und und einige verlassen den  Verdauungstrakt der Tiere dann auch noch unbeschadet“, so Klingenhagen.

Am wirkungsvollsten hätte sich in anderen europäischen Ländern bisher aber die „Schwarzbrache“ erwiesen, berichtet Klingenhagen. Dies bedeute, dass der Acker drei bis fünf Jahre nicht bestellt wird, aber trotzdem wiederholt bearbeitet werden muss. Eine enorme Belastung für den Boden und ein drastischer Verlust für den Landwirt, wenigstens mit dem Erfolg belohnt, das Erdmandelgras eliminiert zu haben? „Nein“, sagt Klingenhagen: „Es vollständig wieder loszuwerden, hat bislang noch niemand geschafft. Derzeit können wir es nur reduzieren und versuchen, in Schach zu halten.“