Technologien verändern den Ackerbau. Ein Besuch bei Bauer Courth aus Esch, der ungewöhnliche Pflanzen kultiviert und dabei auf Hightech setzt.
KI auf dem Feld„Wer nicht mit der Zeit geht, ist irgendwann weg vom Fenster“, sagt dieser Kölner Landwirt

Martin Courth hat sich mit seinem Betrieb auf den Anbau von Wildsaatgut spezialisiert. Rund um Esch bewirtschaftet er 220 Hektar Fläche.
Copyright: Costa Belibasakis
Sechs Kameras und einen Computer zieht der Trecker von Martin Courth auf einem Acker in Köln-Esch hinter sich her. Was sonst Saisonarbeitskräfte in mühevoller Handarbeit erledigten, schafft seit Neuestem eine durch Künstliche Intelligenz gesteuerte Hackmaschine. Entwickelt wurde sie vom Start-up Feldklasse aus Meerbusch. Die Fotokamera blitzt und der angeschlossene Computer erkennt: Unkraut, das den Ertrag negativ beeinflusst. Die KI-gesteuerten Messerklingen schneiden es ab. Die Kulturpflanzen, die hier angebaut werden, lässt die Maschine stehen, und das in sechs Reihen gleichzeitig.
Dreimal im Jahr zogen bislang 20 Mann zu diesem Zweck durchs Feld. Jetzt übernimmt der Roboter 98 Prozent der Arbeit – eine enorme Erleichterung, langfristig auch im Portemonnaie.
Denn Feldarbeiter kosten nicht nur, sie sind auch rar. Und „manchmal kommen sie nicht, wenn man auf sie angewiesen ist“. Nun brauche es nur eine Arbeitskraft, die die Maschine bedienen kann. „Das Gerät wird nicht müde und fährt immer. Das ist schon ein Plus an Unabhängigkeit.“

Kameras (silberne Kästchen) scannen den Boden. Die KI erkennt die unterschiedlichen Pflanzenarten und hackt das Unkraut mit den eingebauten Messern kurz, während die Kulturpflanzen stehen bleiben.
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Für diese Art der Zukunftssicherung hat der Betrieb Bauer Courth mehr als 100.000 Euro investiert, aus eigener Tasche. Für Fördergelder kam er zu spät, die Ampelregierung habe die Mittel damals gestrichen, kritisiert Courth. NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen wirbt dennoch für Technologieeinsatz und Innovationen in der Landwirtschaft. „Nordrhein-Westfalen ist ein starkes Agrarland – und wir wollen, dass das auch in Zukunft so bleibt“, sagte die CDU-Politikerin, als sie Bauer Courth im April einen Besuch abstattete. „Künstliche Intelligenz gehört längst zum Alltag in der Landwirtschaft. Hier in Köln sehen wir, wie Digitalisierung und Landwirtschaft zusammengehen können – für mehr Effizienz und mehr Nachhaltigkeit.“
Geschäftsführer Martin Courth rechnet damit, dass sich die Anschaffung der KI-Hacke in drei Jahren bezahlt macht. In dieser Saison macht sie noch Aufwand, denn das Modell muss trainiert werden. Die Kameras filmen dafür zunächst die Kulturen auf dem Feld. Courth wertet die Bilder aus, kreuzt Pflanzen, die auf dem Feld wachsen sollen, in einer Software an. „Pro Sorte und je nach Entwicklungsstadium benötige ich mindestens 1000 Bilder, damit es funktioniert.“ Wird sie mit ausreichend Daten gespeist, weiß die KI bei der nächsten Fahrt, wo die Maschine hacken darf – und vor allem: wo nicht.
Meerbuscher Start-up entwickelt Maschinen, um Pflanzenschutzmittel zu reduzieren
Die Erfinder aus Meerbusch verfolgen damit nicht nur das Ziel, die Handarbeit auf den Feldern zu reduzieren. Durch den Einsatz effizienter Hackmaschinen wollen sie auch dazu beitragen, chemische, umweltbelastende Pestizide einzusparen. Auf das gleiche Ziel zahlt auch die Ende 2025 von der Landesregierung verabschiedete Pflanzenschutzmittelreduktionsstrategie ein. Statt pauschaler Verbote wolle das Land Technologien und Innovationen wie die Hackmaschine fördern und sie schneller in die Praxis bringen, schreibt das Landwirtschaftsministerium.
In besagter Praxis dürften insbesondere ökologisch wirtschaftende Betriebe an den Lösungen interessiert sein, etwa Bio-Gemüsebauern. Der lilafarbene Hackroboter von Feldklasse erkennt Zuckerrüben oder Blattsalat zum Beispiel bereits automatisch. „Da kann man ins Feld hereinfahren und loslegen“, sagt Martin Courth, einer der ersten Kunden des Start-ups.
Er allerdings hat spezielle Anforderungen. Denn mit seinem in zweiter Generation geführten Familienbetrieb hat sich der Kölner auf die Produktion von Wildpflanzensaatgut spezialisiert. Auf 80 von insgesamt 220 Hektar bewirtschafteter Fläche baut der 39-Jährige das Material an, aus dem Blumenwiesen entstehen: 112 Fußballfelder voll Mohn, Sauerampfer, Margeriten, gelber Nelkenwurz oder Ackerlöwen-Maul, um nur eine Auswahl zu nennen. Damit ist er ein Exot im rheinländischen Ackerbau.

Die Hackmaschine kostet mehr als 100.000 Euro. Das wertvollste Teil ist, neben den Kameras, dieser eingebaute Computer.
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Grundlage seiner Arbeit ist das Bundesnaturschutzgesetz. Um die Ausbreitung zugewanderter Pflanzen (invasive Neophyten) zu stoppen, schreibt es seit 2009 vor, dass Samenmischungen für die freie Landschaft aus heimischer Herkunft stammen müssen. Um genetische Einschränkungen zu vermeiden, wird eine Pflanzenart maximal bis zur fünften Generation angebaut. Dann beginnt die Arbeit von vorn. Courth und seine Mitarbeitenden machen dafür etwas, was vor lauter Technologisierung fast wie aus der Zeit gefallen wirkt: Sie sammeln die Wildform der Blumen in Wäldern und auf Wiesen. „Manchmal fahren wir tagelang durch die Gegend, um bestimmte Arten zu suchen“ – ganz ohne KI, dafür mit viel Orts- und Florakenntnis.
„Wir machen quasi das Gegenteil von Züchtung, damit die Pflanze auch auf so etwas wie Klimaveränderungen reagieren kann.“ Die Verbreitung der Wildblumen diene auch der Artenvielfalt, weil heimische Tierarten damit ihre Lebensgrundlage behielten. Courth nennt als Beispiel Wildbienen: „Wir haben in Deutschland ungefähr 350 Wildbienenarten, viele sind gefährdet, weil sie sich nur von einer bestimmten regionalen Wildpflanze ernähren. Wenn diese eine Blume zum falschen Zeitpunkt oder gar nicht mehr blüht, haben sie ein Problem.“
1600 Euro für ein Kilo Gänseblümchensaat
Außerdem sind Wildpflanzen auch im Landschaftsbau immer stärker gefragt: für die Rekultivierung von Brachgelände, bei der Ansaat von Blütenstreifen an Straßen, auf Verkehrsinseln oder als Dachbegrünung. „Etwa 80 Prozent der Wildblumenbepflanzung in Kölner Stadtparks kommen von uns“, sagt der studierte Garten- und Landschaftsbauer. Deutschlandweit ist Bauer Courth eigenen Angaben zufolge einer der größten Produzenten. „Einfach, weil wir so früh angefangen haben, als der Markt noch leer war.“
1600 Euro bekommt man für ein Kilo Gänseblümchensamen. Zum Vergleich: Der Preis für Weizen liegt bei 200 Euro – pro Tonne wohlgemerkt. Aber beim Weizen erntet man hierzulande auch circa acht Tonnen pro Hektar und von Gänseblümchen nur wenige Kilogramm. „Viele wollen ins Geschäft einsteigen und haben die Dollarzeichen in den Augen, bis sie verstehen, welcher Aufwand dahintersteckt.“

Wildblumenwiese in Esch: Die Samen sind begehrt.
Copyright: Bauer Courth
Für die Wildsaatproduktion müsse man schon ein bisschen verrückt sein, sagt Courth: „Irgendwas geht immer schief.“ Neulich zerstörte ein Wurzelpilz über den Winter 90 Prozent einer Kultur. „Die Arbeit geht mit einer gewissen Frustrationstoleranz einher.“ Und mit Experimentierfreude. „Die Chefs sind schon immer innovativ gewesen“, sagt Mitarbeiter Georg Schauten. Als es für die Wildblumen eine spezielle Erntetechnik verlangte, bauten er und Courth einen vier Meter hohen Samensauger kurzerhand selbst. Zu kaufen gab es ein solches Gerät schließlich noch nicht.
Ich kenne kaum einen Bauern, der neben dem Ackerbau nicht noch was anderes macht. Nur Getreide und Zuckerrüben anbauen, das würde niemand überleben
Ein Blick zurück zeigt den Wandel des Betriebs: Bis 1990 baute Senior Hanns Courth noch klassisch Zuckerrüben an und züchtete Schweine. „Im Dorf macht man sich damit aber keine Freunde, es riecht“, erzählt der Sohn. Schon sein Vater suchte deshalb nach einem alternativen Geschäftszweig, unter anderem, weil die preislichen Spannen für landwirtschaftliche Produkte immer geringer wurden. Mit Wettbewerbern etwa aus Schleswig-Holstein, gekennzeichnet durch große Anbauflächen, können kleine, stadtnahe Betriebe aus dicht besiedelten Regionen aus Effizienzgründen bis heute nur schwer mithalten. Also entdeckte Hanns Courth den Garten- und Landschaftsbau für sich. Es ist der zweite Geschäftszweig von Bauer Courth. Rund 50 Angestellte arbeiten heute in den verschiedenen Bereichen des Betriebs.
Überhaupt sei die Landwirtschaft in NRW sehr erfinderisch, findet Martin Courth. „Ich kenne kaum einen Bauern, der neben dem Ackerbau nicht noch was anderes macht. Nur Getreide und Zuckerrüben anbauen, das würde niemand überleben. Der eine betreibt einen Hofladen, der andere einen Reiterhof, der nächste baut Gemüse an.“ Der Druck sei da, auch, weil immer mehr Flächen wegfielen, durch neue Siedlungen wie das geplante Kreuzfeld, Solarparks oder Ausgleichsmaßnahmen. „Wer nicht mit der Zeit geht, ist irgendwann weg vom Fenster.“
KI in der nordrhein-westfälischen Landwirtschaft
Das zeigen zahlreiche weitere Innovationen in der Landwirtschaft, die den Einsatz von Ressourcen, etwa Wasser und Dünger, optimieren oder Ertragseinbußen und wirtschaftliche Schäden durch Frühwarnsysteme oder digitale Schädlingserkennung minimieren sollen. Auch Hochschulen forschen an neuen Verfahren. Teilweise sind die Erfindungen schon auf dem Feld im Einsatz:
Ein Landwirt aus Datteln macht durch Unkrautbekämpfung mit Laserbestrahlung auf seinem Möhrenacker auf sich aufmerksam. Auch das Spot-Spraying-Verfahren, angewandt etwa in einem Betrieb im Münsterland, soll Unkrautvernichter minimieren: Statt flächendeckendem Spritzen lenkt ein Algorithmus das Pflanzenschutzmittel gezielt auf die unbrauchbaren Pflanzen. Dafür werden auch Drohnen immer wichtiger. Es gibt KI-gesteuerte Erntehelfer und Sortiermaschinen. Zudem seien autonom fahrende Feldmaschinen ein Riesending. „Es ist so einiges im Kommen und wird auch noch mehr werden“, prognostiziert Courth.
Nur eines kann die KI nicht: am Wetter etwas drehen. Bei der aktuellen Nässe steht die Hackmaschine in der Scheune – da bringt auch der technologische Fortschritt nichts.
