Der Spaziergang beleuchtete Kalker Geschichte und Zukunft, diskutierte städtebauliche Missstände und hob Gemeinschaftsinitiativen wie die Pflanzstelle hervor.
Jane's Walk mit dem Verein Fuss in KölnSpaziergang von Kalk Post bis „Kalkatraz“

Boris Sieverts erläutert den geplanten Grünzug.
Copyright: Stefan Rahmann
Eines machte Anne Grose vom Verein Fuss gleich zu Beginn deutlich: „Dies ist kein Fußverkehrs-Check. Wir treffen uns hier, um in Kalk Eindrücke aufzunehmen und die Qualität des Lebens im Veedel in den Blick zu nehmen.“ Und deshalb hatte sie zur Unterstützung die Stadtplanerin Gertrude Helm und den Stadtforscher Boris Sieverts eingeladen, die beide über Expertise in Sachen Stadtentwicklung im Rechtsrheinischen und in Kalk im Besonderen verfügen. Treffpunkt zu diesem Jane’s Walk (s. Infokasten) durch Kalk war die Post.

Blühende Landschaften auf dem Kalkberg.
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Sieverts zog in den frühen 80er Jahren aus der Bonner Südstadt nach Kalk. „Damals war die Hälfte der Fläche des Stadtteils Industriegebiet.“ Die Chemische Fabrik Kalk (CFK) an der Kalker Hauptstraße reichte bis zum Autobahnzubringer. Und dahinter, schon auf Buchforster Gebiet, deponierte man Produktionsabfälle. Daraus wurde im Laufe der Jahrzehnte der Kalkberg. Produziert wurden unter anderem Düngemittel und Soda.
Viele Italiener hätten bei der CFK gearbeitet. Irgendwann habe man festgestellt, dass fast alle aus der Community aus dem Gebiet 20 Kilometer rund um die sizilianische Stadt Licata stammten. „Mit dem Abriss der CFK und dem Bau der Köln Arcaden kam ein wenig Glamour in das gänzlich unglamouröse Kalk“, sagte Sieverts. Auf dem Weg zum Kalk Karree am Ottmar-Pohl-Platz wies Gertrude Helm, die lange im Kölner Stadtplanungsamt gearbeitet hat, auf die zahlreichen öffentlich geförderten Wohnungen hin. Besonders gelungen sei die Durchlässigkeit der Wohnblöcke dank zahlreicher Wegeverbindungen.
Ottmar-Pohl-Platz: Großzügig aber phantasielos
Das zentrale Gebäude des Karrees erinnere mit seiner Innenarchitektur an ein Gefängnis, so Sieverts. Ein langer, haushoher Mittelgang und davon abgehend auf mehreren Emporen Büros hinter Türen. „Im Volksmund heißt das Gebäude Kalkatraz“, berichtete der Stadtforscher unter Verweis auf das berüchtigte Gefängnis auf einer Insel vor San Francisco. „Hier wurden viele Ämter untergebracht, in die man als Bittsteller kommt. Das Wohnungsamt etwa, das Ausländeramt.“

Kirschbäume blühen auf dem Ottmar-Pohl-Platz.
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Auch der Ottmar-Pohl-Platz komme nicht besonders freundlich gestaltet daher. Immerhin habe man einige Zierkirschen gepflanzt. Gertrude Helm räumte ein, dass dem Platz ein bisschen mehr Phantasie gut getan hätte. Aber großzügig sei er. Ein einziges Elend ist der Verfall der Hallen Kalk, so Helm. Hier habe die Stadt eine aktive Liegenschaftspolitik schlicht und ergreifend versäumt. „Wenn nichts passiert, passiert nichts“, sagte Helm. Jane Jacobs, nach der der Rundgang benannt war, hätte sich immer dafür eingesetzt, Räume wie die Hallen Initiativen, Unternehmensgründern und gemeinwohlorientierten Zwecken zur Verfügung zu stellen. Das ehemalige KHD-Firmenareal wurde mal begrenzt durch die Kalker Hauptstraße, der Rolshover Straße, dem Bahndamm im Süden und der Kapellenstraße im Osten.

Menschen laufen durch den Gemeinschaftsgarten Pflanzstelle.
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An manchen Stellen wurde das Gemeinwohl berücksichtigt. Die Pflanzstelle ist einer dieser Orte. Der Gemeinschaftsgarten ist seit 15 Jahren eine grüne Oase im nicht gerade mit Grün gesegneten Kalk. Gemeinschaftsgärtner Jasper beschrieb den Garten als „offen, solidarisch und selbstorganisiert“. Stand jetzt ist der Bestand des Gartens gesichert. Geplant ist, dass er in Zukunft Teil eines L-förmigen Grüngürtels wird, der sich um die Halle 70 zieht, die nach jetzigem Stand mal das Migrationsmuseum Selma beherbergen soll.

Zerbrochene Scheiben an einer der Kalker Hallen.
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Genutzt wird der Osthof der Hallen. Hier hat sich eine quirlige Kulturszene angesiedelt. Ein Beispiel ist das Kreationszentrum zeitgenössischer Zirkus (CCCC). Und der benachbarte Kulturhof. „Das hier ist ein Ort für alle. Man kann hier jeden Tag sein und was machen“, sagt Tilmann vom Kultuhof, während im Nachbarraum eine Band für den Auftritt einen Tag später probt. Ein paar Schritte weiter steht man in der Abenteuerhalle Kalk, die von der städtischen Betriebs-Jugendzentrum-GmbH organisiert wird. Hier ist Bewegung angesagt, bei Zirkusprojekten oder beim Skaten. Sieverts erinnerte an die Ursprünge: „In den Abenteuerhallen hat man am Anfang nicht gesagt, wir kriegen bestimmte Dinge nicht und dann geht alles nicht. Hier hat man gefragt: Was ist möglich? Und dann machen wir das erstmal. Diesen Spirit könnte das Museum Selma sehr gut gebrauchen.“
Der Jane's Walk ist ein jährliches Festival kostenloser, gemeinschaftlich geführter Spaziergänge, inspiriert von der Stadtplanerin und Aktivistin Jane Jacobs (1916–2006). Es findet jeweils am ersten Maiwochenende in Hunderten von Städten weltweit statt, darunter auch in Köln. Ziel ist es, Menschen dazu einzuladen, Geschichten über ihre Nachbarschaften zu teilen, verborgene Aspekte ihrer Stadt zu entdecken und durch das gemeinsame Gehen in Dialog zu treten. Jede Person kann einen Spaziergang leiten oder daran teilnehmen – ganz ohne Kosten. Das Festival fördert Bürgerbeteiligung und zivilgesellschaftlichen Austausch. Es wurde 2007 in Toronto ins Leben gerufen. Jane Jacobs (1916–2006) war eine US-amerikanisch-kanadische Stadtplanerin, Autorin und Aktivistin. Sie gilt als eine der einflussreichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts im Bereich Stadtentwicklung. Sie wandte sich gegen großflächige Abriss- und Sanierungsprojekte sowie den autogerechten Stadtumbau und plädierte für lebendige, gemischte, kleinteilige Stadtstrukturen mit kleinen Blocks, Nutzungsvielfalt und einer aktiven Straßenkultur.
