Zukunft im Kölner Handwerk„Wenn man das ganze Haus selbst bauen kann – das ist wie eine Trophäe“

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Noah und Noel Mohr stehen auf einer roten, schmalen Treppe, die auf das Dach der Lanxess-Arena führt. Sie tragen ihre Arbeitskleidung, eine schwarze Weste und ein weißes Hemd darunter.

Noah (rechts) und Noel Mohr sind Dachdecker-Auszubildende in Leverkusen und Ausbildungsbotschafter der Handwerkskammer zu Köln.

Noah und Noel Mohr wollten eigentlich studieren. Jetzt sind sie angehende Dachdecker und Botschafter einer Branche, die händeringend nach Nachwuchs sucht.

Deutschlands Handwerkern fehlen 200.000 Fachkräfte, das hat eine aktuelle Schätzung des Zentralverbands des Deutschen Handwerks ergeben. Allein in diesem Jahr könnte die Zahl der Beschäftigten um 60.000 Mitarbeiter sinken – viele erreichen das Rentenalter. Auch Betriebsaufgaben spielen eine Rolle, weil Firmenchefs den Belastungen nicht standhalten können oder ebenfalls in den Ruhestand gehen. Der Nachwuchs ist gleichzeitig rar. 2025 blieben deutschlandweit 16.213 Lehrstellen im Handwerk unbesetzt, knapp 2.900 weniger als im Vorjahr. Nach wie vor blieb aber jeder neunte Ausbildungsplatz vakant.

„Haben Not“: Handwerk kämpft gegen den Fachkräftemangel

Daran etwas ändern wollen Noah und Noel Mohr. Dass sie einmal fürs Handwerk werben würden, war nicht immer klar. Denn eigentlich wollten die beiden studieren: Maschinenbau der eine Zwilling, Bauingenieurwesen der andere, nach dem Vorbild des Patenonkels. Der Weg war geebnet, das Fachabitur in der Tasche, ein Studienplatz in Aachen organisiert. Doch es kam anders. Jetzt decken sie Dächer. „Ich bereue diese Entscheidung keine Sekunde“, sagt Noah Mohr, Dachdecker-Auszubildender im zweiten Lehrjahr. Er sagt das ganz überzeugt – obwohl die Berufswahl in seinem Umfeld nicht nur bestärkende Worte hervorgerufen hatte. „Handwerk, das ist ja nichts, das ist nicht viel wert“, sei die anfängliche Haltung von Schulkameraden gewesen, die ihn und seinen Bruder jedoch nicht von ihrem Weg abbrachte.

Die beiden Leverkusener Azubis wollen hoch hinaus. Nicht nur rauf auf die Dächer, sondern auch Stufe um Stufe auf der Karriereleiter. „Man kann auch im Handwerk eine große Zukunft haben. Das wird sehr unterschätzt“, sagt Noah Mohr, der beim Leverkusener Unternehmen Johann Heinen lernt. „Wir streben zusammen die große Selbstständigkeit an.“ Ein gemeinsames Bauunternehmen ist das Ziel der Mohrs. Im kommenden Jahr wollen sie ihren Gesellenbrief in der Tasche haben, 2028 die Meisterschule abschließen. Danach streben sie weitere Meisterausbildungen in Nebengewerken an: Zimmermann und Maurermeister. „Wenn man dann das ganze Haus selbst bauen kann – das ist wie eine Trophäe.“

Wir streben zusammen die große Selbstständigkeit an
Noel Mohr, Auszubildender beim Dachdeckermeister-Betrieb Johann Heinen

In dieser Überlappung der Gewerke sieht auch Erik Werdel, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer zu Köln (HWK), die Zukunft. „Man ist nicht mehr nur Dachdecker, man muss nach links und rechts schauen“, sagt er. In der Baubranche, insbesondere auf dem Dach, passiere in dieser Hinsicht gerade viel. „Stichwort: Elektrik, Solarpanel, Photovoltaik.“ In einer Großstadt wie Köln werde auch die Klimaentwicklung entscheidender: „Da geht es dann um Themen wie Schatten, Dachbegrünung und Bewässerungssysteme“, so Werdel.

Während andere Handwerksberufe, Schuhmacher oder Metzger zum Beispiel, laut Werdel „einen schleichenden Tod sterben“, steige das Interesse für dynamischere Branchen. Bei den Ausbildungszahlen sticht die Dachdeckerei demnach neben Kfz- und Zweirad-Mechatronik, Sanitär- und Anlagentechnik sowie Straßenbau – „ein gut bezahlter Knochenjob“ – hervor. Von 182 Kölner Lehrlingen, die ihre Ausbildung in der Bau- und Ausbaubranche begonnen haben, heuerten 65 bei einem Dachdeckerbetrieb an. 

Noah und Noel Mohr stehen auf dem Dach der Lanxess-Arena und schauen auf die Skyline von Köln. Sie tragen ihre Arbeitskleidung, eine schwarze Weste und ein weißes Hemd darunter.

Große Ziele: Später wollen Noah und Noel Mohr zusammen eine Baufirma gründen.

Außerdem stelle die Kammer fest, „dass insbesondere Jugendliche mit höheren Berufsabschlüssen anspruchsvolle Handwerksberufe im Elektrobereich immer mehr für sich entdecken“, heißt es in der Ausbildungsbilanz der HWK vom Oktober 2025. 

Demnach ist die Anzahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Raum Köln im Vergleich zum Vorjahr mit 1462 Stellen um 8,3 Prozent gestiegen. Auch kammerweit, also neben Köln auch in Bonn und Leverkusen, dem Oberbergischen sowie den Kreisen Rhein-Berg, Rhein-Erft und Rhein-Sieg, ist ein Wachstum von 7,5 Prozent auf insgesamt 4664 neue Lehrlinge zu verzeichnen. 

Köln: Mehr neue Ausbildungsverträge im Handwerk als im Vorjahr – NRW verzeichnet Minus

Ein überregionaler Blick zeigt ein etwas anderes Bild: Die Handwerkskammern in Nordrhein-Westfalen dokumentierten bis Ende September 2025 mit 25.675 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen ein Minus von 1,54 Prozent. Zum Vergleich: Im Wintersemester 25/26 schrieben sich laut dem Landesstatistikamt 92.884 Menschen an den nordrhein-westfälischen Hochschulen erstmals für ein Studium in Deutschland ein. Das waren zwei Prozent mehr als im Jahr zuvor. 

Fachkräftemangel im Handwerk ist also weiterhin ein Problem. „Wir haben Not, an die Azubis zu kommen“, sagt Werdel. Dass die Berufe als uncool abgetan werden, finde er „vollkommen daneben“, wenngleich er zumindest eine leichte Veränderung spüre. Die Identifikation mit dem Handwerk sei besser geworden. „Es gibt wieder mehr junge Menschen, die in elterlichen Betrieben groß geworden sind und jetzt gewillt sind, Verantwortung zu übernehmen.“ 

Kölner HWK-Chef nimmt Schulen und Eltern in die Verantwortung

Auch Noah und Noel Mohr stammen aus einer Handwerkerfamilie. Trotzdem strebten sie zunächst die akademische Laufbahn an, auch sie hätten diesen Druck verspürt. Ein Praktikum ließ sie umdenken. „Das hat uns so gut gefallen, dass wir sagten: Komm’, die nächsten Ferien gehen wir noch einmal arbeiten“, erzählen sie. „Daraufhin haben wir uns für Ausbildung statt Studium entschieden.“ Am Dachdecken reize sie nicht nur das Adrenalin, in der Höhe zu arbeiten, sondern auch das Ergebnis: „Dass man am Ende des Tages sieht, was man geschaffen hat.“ 

Mit ihrem Elan können sie andere überzeugen: Noel Mohr habe sechs weitere Mitschüler dazu gebracht, ins Handwerk zu wechseln, erzählt der 20-Jährige. Gerade den studierten Eltern seiner Freunde habe das nicht immer auf Anhieb gefallen, berichtet er. Inzwischen stünden sie hinter den Entscheidungen ihrer Kinder. „Gebt ihnen den Freiraum, ohne die Befürchtung zu haben, gesellschaftlich abzustürzen“, fordert HWK-Geschäftsführer Erik Werdel.

Carsten Heling von der Lanxess-Arena, Noah und Noel Mohr sowie HWK-Geschäftsführer Erik Werdel stehen auf der Tribüne der Lanxess-Arena. Sie präsentieren Plakate der Ausbildungsmesse.

Carsten Heling von der Lanxess-Arena (v.l.n.r.), Noah und Noel Mohr sowie HWK-Geschäftsführer Erik Werdel werben für die Ausbildungsmesse in Köln.

Als Nachteile der Branche gelten unter anderem gesundheitliche Belastungen durch körperliche Arbeit, Witterung, Lärm und Schmutz, wenig flexible Arbeitszeiten, niedrige Löhne oder – kommt man in eine Leitungsposition – der hohe Bürokratieaufwand.

Werdel hingegen verweist auf die Chancen: Es gebe gute Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten. „Viele Betriebsinhaber verdienen viel Geld, das geht nicht nur mit akademischer Bildung.“ Für einen Aufschwung im Handwerk nimmt er auch die Schulen in die Verantwortung und kritisiert: „Einigen Lehrern fehlt die Vorstellungskraft fürs Handwerk.“ 

Ausbildungsmesse am 17. März in der Kölner Lanxess-Arena

Um Nachwuchs zu gewinnen, veranstaltet die Handwerkskammer zu Köln gemeinsam mit den Kreishandwerkerschaften Köln und Rhein/Erft in diesem Jahr zum vierten Mal die Ausbildungsmesse „Azubi Meetup Handwerk“ in der Lanxess-Arena – auch Schulen können teilnehmen, genauso wie Einzelpersonen. Am 17. März (10 bis 15 Uhr) können sich Jugendliche aus der Umgebung über Karriereperspektiven im Handwerk informieren und praktisch ausprobieren, welcher Beruf zu ihnen passt. 60 Betriebe sind vor Ort. Wer will, kann Bewerbungsunterlagen mitbringen. Bei vorangegangenen Formaten seien Matches zwischen Unternehmen und Jugendlichen entstanden. 

Mit rund 1500 Besuchern in den Vorjahren sei es die größte Veranstaltung der HWK. Dass dafür eine Location gewählt wird, in der sonst Katy Perry und Apache 207 auftreten, sei eine bewusste Entscheidung – Jobsuche und Recruiting werden zum Live-Entertainment samt Bühnenprogramm. Man müsse sich eben etwas einfallen lassen, um beim Nachwuchs zu punkten.

„Es hat sich einiges getan im Umgang mit den jungen Leuten“, sagt Werdel. Sie wollen ernst genommen werden. Noah und Noel Mohr sprechen von Wertschätzung. „Wir sind nicht nur Azubis, die schleppen müssen und eh nichts wissen. Unsere Chefin bezieht uns mit ein, fragt nach unserer Meinung bei Bauprojekten.“ 

Fachkräfte zu finden und sie zu halten, sei daher auch die Aufgabe der Betriebe. Eines lehne Werdel ab: „Zu sagen, die Generation taugt nichts. Man muss sie anders ansprechen, man muss sie mitnehmen – und sie ihren Platz finden lassen.“