Bei den anstehenden Betriebsratswahlen will die AfD-„Vorfeldorganisation“ Zentrum ihre Basis ausweiten. Sie hat dafür einen Ableger gegründet.
Wahlen 2026Warum der Rechtsruck in diesem Jahr auch die Betriebe erreichen könnte

Oliver Hilburger, Vorsitzender des AfD-nahen Vereins Zentrum, auf einer AfD-Demo in Stuttgart. (Archivbild)
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Die deutschen Arbeiter wählen rechts. So lautet ein Befund der Bundestagswahl 2025. Damals gaben 38 Prozent der Wähler aus der Arbeiterschaft ihre Stimme der AfD. Die SPD, traditionelle Heimat der Wählergruppe, sackte dagegen nach einer Auswertung des Umfrageinstituts Infratest Dimap auf einen Zustimmungswert von nur noch zwölf Prozent ab. 2026 könnte der Rechtsruck auch die Betriebe erreichen.
Denn das Jahr gilt nicht nur deshalb als „Superwahljahr“, weil in den kommenden Monaten gleich fünf Landtagsparlamente neu gewählt werden. Zusätzlich finden zwischen dem 1. März und dem 31. Mai auch Betriebsratswahlen in tausenden Unternehmen in Deutschland statt. Ein zentrales Register für die innerbetrieblich organisierten Wahlen gibt es nicht. Es dürften aber weit mehr als 100.000 Mandate neu vergeben werden. Rechte Listen hoffen darauf, diesmal einen nennenswerten Anteil davon zu ergattern.
Betriebsratswahlen: Rechte wettern gegen E-Mobilität und Klimapolitik
Ansatzpunkte dafür finden sie in den Unternehmen selbst. „Die Beschäftigten fühlen sich angesichts der komplexen Transformation der Industrie ohnmächtig und allein gelassen“, konstatiert etwa Daphne Weber. Sie ist Autorin in einer kürzlich veröffentlichten Studie „Gewerkschaftliche Kampagnen von rechts“ im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Die Forscherin beobachtet, mit welchen Strategien die rechten Gruppen vorgehen. „Sie wettern gegen die E-Mobilität und die Klimapolitik“, so Weber. „Der Hauptgegner sind die DGB-Gewerkschaften.“
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Ähnlich wie die AfD den politischen Gegner als „Altparteien“ brandmarkt, richten sie sich gegen die „Altgewerkschaften“, zu denen sie eine vermeintliche Alternative darstellen. Der zentrale Kampfbegriff ist dabei laut Weber das „Co-Management“. „Damit unterstellen die rechten Gruppen den Gewerkschaften, dass sie gemeinsame Sache mit der Unternehmensleitung machen und sich gar nicht wirklich für die Belange der Beschäftigten einsetzen.“
„Zentrum Automobil“ holt Mandate bei Mercedes
Untersucht hat die Berliner Forscherin dabei den bisher prominentesten Fall rechter Betriebsräte, den des Vereins „Zentrum“. Formiert hat sich die Gruppe bereits 2009 im Stuttgarter Mercedes-Stammwerk, damals noch unter dem Namen „Zentrum Automobil“. Bei den jüngsten Wahlen 2022 konnte der Verein dort einen Stimmenanteil von 15,8 Prozent erzielen und damit sieben Betriebsräte stellen. Zwischenzeitlich waren Ableger des Vereins auch an anderen Daimler-Standorten im Süddeutschen vertreten, sowie bei Porsche und BMW in Leipzig.
Initiator und Kopf der Gruppe ist Oliver Hilburger, ein ehemaliger Rechtsrocker, der auf Veranstaltungen des rechtsradikalen Magazins Compact ebenso auftrat, wie als Pegida-Redner. Der NDR zitiert ihn mit den Worten: „Wir werden täglich mehr… in den Parlamenten und eben jetzt auch als Gewerkschaft und Betriebsräte.“
Eine Gewerkschaft ist Zentrum freilich nicht. Der Verein hat es bundesweit auf nicht mehr als 19 Betriebsrats-Mandate gebracht und war an Tarifverhandlungen nie beteiligt, weil die notwendige Anzahl an Mitgliedern nicht erreicht wurde. Nichts desto trotz hat das Zentrum Automobil sich 2022 in Zentrum umbenannt und wirbt bis heute auf seiner Webseite, bei der „alternativen Gewerkschaft“ könnten „heute alle Beschäftigten aus allen Branchen in Deutschland eine neue gewerkschaftliche Heimat“ finden.
Ableger Zentrum Nord-West gegründet
Das Zentrum will also über die automobile Nische hinaus aktiv werden. Und über die süd- und ostdeutschen Inseln, in denen der Verein bislang Fuß gefasst hat. Zum Beispiel in Hannover. Dort hat die Vereinigung im Frühjahr 2025 den Ableger Zentrum Nord-West gegründet. Angeführt wird die Sektion von Jens Keller, dem Fraktionsvorsitzenden der AfD im Hannoveraner Stadtrat. Keller ist darüber hinaus Personalrat beim kommunalen Abfallentsorger Aha.
Der Kraftfahrer konnte nach Recherchen des Vereins zur Bewahrung der Demokratie (VBD) bei den Wahlen 2024 fast die Hälfte der Stimmen für sich gewinnen und brachte es damit auf eine größere Zustimmung als jeder andere der 54 Kandidaten. Ein perfektes Sprungbrett für das Zentrum also, um seine Basis zu verbreitern.
Mit rechten Parolen wird versucht, die gewerkschaftliche Interessensvertretung aus den Betrieben herauszudrängen
In NRW konnte der Verein dagegen bislang noch nicht Fuß fassen. Den vom „Kölner Stadt-Anzeiger“ angefragten Gewerkschaften IG Metall, IG BCE und Verdi wie auch dem DGB liegen keine Informationen über Listen von rechten Gruppierungen im Land vor. Insgesamt ist man bei den Gewerkschaften bemüht, die Gefahr von rechts zu relativieren. DGB-Chefin Yasmin Fahimi sprach kürzlich zwar von rechten Parolen und Versuchen, „die gewerkschaftliche Interessensvertretung aus den Betrieben herauszudrängen“, es gebe aber „überhaupt keinen Grund, dieses Thema künstlich aufzublasen“. Schließlich kämen von den etwa 180.000 Betriebsräten bundesweit höchstens zwei Dutzend aus rechten Listen.
Der Verein zu Bewahrung der Demokratie, der innerhalb der IG Metall gegründet wurde, um die eigenen Betriebsräte etwa mit Argumentationstrainings im Umgang mit populistischen Parolen zu schulen, will öffentlich nicht mehr in Erscheinung treten und stand auch für ein Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ nicht zur Verfügung.
Zeitweilig sogar der AfD zu radikal
Zwischenzeitlich war das Zentrum sogar in der AfD schlecht gelitten. Von 2021 bis 2022 galt ein Unvereinbarkeitsbeschluss. Eine gleichzeitige Mitgliedschaft in Zentrum und AfD war also ausgeschlossen. Eine Gruppe um Thüringens Landeschef Björn Höcke warb auf dem AfD-Parteitag 2022 aber erfolgreich dafür, dieses Verbot aufzuheben. Höcke sprach damals davon, man brauche solche „Vorfeldorganisationen“.
Dass selbst innerhalb der AfD sehr wohl ein Bewusstsein dafür existiert, mit wem man sich da einlässt, unterstreicht der Einwand des AfD-Bundesvorstands Roman Reusch. Der warnte nach einem Bericht der Tagesschau davor, der Verein Zentrum müsse erst „toxische Personen“ aus seinem Vorstand entfernen. Andernfalls würde man mit einer Kooperation dem Verfassungsschutz in die Hände spielen.
Auch Extremismus-Forscherin Daphne Weber teilt diesen Eindruck vom Zentrum. „Sie arbeiten mit dem radikalen Teil der ohnehin schon radikalen AfD zusammen.“ Nach außen tritt das Netzwerk dagegen gemäßigt auf. Weber spricht von einer „Trojaner-Strategie“ mit Erklärvideos zu allgemeinen Themen wie „Was ist ein Betriebsrat?“.
Diese Videos erreichen mitunter zehntausende Aufrufe, ohne ein Beleg dafür zu sein, dass die Konsumenten sich für die rechte Agitation interessieren, die schleichend einfließt. Von Verdi heißt es, das Zentrum versuche, mit seinen umfangreichen Social-Media-Aktivitäten den Eindruck zu erwecken, als hätte der Verein eine betriebliche Anbindung. Davon sei er aber „Lichtjahre entfernt“.
Entsprechend skeptisch ist auch Weber mit Blick auf das Potenzial des Vereins. Sie sagt: „Ich gehe nicht von einem großen Erfolg bei den anstehenden Wahlen aus.“ Die Präsenz der Gewerkschaften im Alltag der Menschen sei viel größer, als die der politischen Parteien. „Die Beschäftigten erleben, dass die Kollegen sich für konkrete Themen einsetzen, eine Streikmacht haben und Tarifverträge verhandeln. Die abstrakte Elitenkritik des Zentrums verfängt unter diesen Umständen bisher nicht.“

