Die Ökonomin rief die deutsche Politik dazu auf, sich bei der Handelspolitik weniger an Werten als an gemeinsamen Interessen zu orientieren.
IHK-Neujahrsempfang 2026Wirtschaftsweise fordert in Köln radikale Deregulierung wie in Argentinien

Veronika Grimm war Gastrednerin beim traditionellen Neujahrsempfang der IHK Köln in der Flora.
Copyright: Martina Goyert
Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm hat beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Köln (IHK) zu einer Orientierung Deutschlands an der Wirtschaftspolitik Argentiniens aufgerufen. Deutschland solle sich an internationalen Vorbildern orientieren, sagte Grimm am Donnerstagabend in der Flora. „In Argentinien wurde der aktuelle Deregulierungskurs nicht improvisiert, sondern über Jahre fachlich vorbereitet: Der heutige Deregulierungsminister Federico Sturzenegger hatte die Agenda lange vor dem Amstantritt von Javier Milei ausgearbeitet und priorisiert“, sagte die Ökonomin.
Argentiniens Präsident Milei verfolgt eine radikal libertäre Wirtschaftspolitik mit massiven Staatskürzungen, Deregulierung, Privatisierungen und Abschaffung von Subventionen. In Deutschland gebe es zwar Aktivitäten zur Staatsmodernisierung, „doch die Bereitschaft zu einer konsequenten Deregulierung ist bislang sehr begrenzt“, so Grimm. „Gerade deshalb sollte eine solche Agenda jetzt vorbereitet werden – denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie unvermeidlich wird“, sagte die Wissenschaftlerin vor etwa 300 geladenen Gästen aus Unternehmerschaft, Politik und Medien.

Neujahrsempfang der IHK Köln (Industrie- und Handelskammer) in der Flora.
Copyright: Martina Goyert
Gleichzeitig mahnte sie an, die von Deutschland betriebene internationale Wirtschaftspolitik nicht mit einem Werte-Kanon zu überfrachten. „Wir müssen aufhören, die Welt zu belehren. Stabile Kooperation beruht nicht immer auf identischen Werten, sondern oft auf gemeinsamen Interessen“, sagte Grimm beim Neujahrsempfang der Kammer, die wegen der aktuellen Renovierung des Kammergebäudes in Unter Sachsenhausen nun zum zweiten Mal in der Flora als Ausweichquartier stattfand.
Alles zum Thema Flora
- IHK-Neujahrsempfang 2026 Wirtschaftsweise fordert in Köln radikale Deregulierung wie in Argentinien
- Opern-Wiedereröffnung, Olympia-Bürgerentscheid, Stadionkonzerte Was 2026 in Köln wichtig wird
- Heimische Tiere Kälte nach Knallerei – gestressten Vögel richtig helfen
- Emilia wird abgelöst Das sind die beliebtesten Babynamen in Nordrhein-Westfalen
- Kölner Silvesternacht 2015/16 Was die Polizei heute anders macht – und wer Reker 2016 zur Seite stand
- Wetterecke Hatschi! In Rhein-Sieg hat der Pollenflug von Hasel und Erle begonnen
Europa werde immer auf den Import von Energie und Rohstoffen angewiesen sein, weshalb der Kontinent Partnerschaften brauche. „Diversifizierte Partnerschaften mit Indien, den Mercosur-Staaten, Australien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten können für Europa Wachstumspotenziale heben sowie Resilienz und Stabilität bringen“, so Grimm. Handelsabkommen sollten daher oberste Priorität haben. Erst am Freitag hatte sich die EU mehrheitlich und nach langen Diskussionen auf ein umstrittenes Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay, genannt Mercosur, geeinigt.
„Wer eine Verantwortung für die globale Entwicklung übernehmen will, muss gemeinsame Interessen auch im Graubereich aushandeln und dabei unterschiedliche gesellschaftliche Ordnungen respektieren“, sagte Grimm und nannte dabei China als zentrales Beispiel. „Trotz systemischer Unterschiede und der wichtigen Reduktion von kritischen Abhängigkeiten ist Zusammenarbeit bei globalen öffentlichen Gütern, etwa beim Klimaschutz, unverzichtbar“, sagte Grimm.

Thorsten Breitkopf, Wirtschafts-Chefreporter (l.), mit IHK-Präsidentin Nicole Grünewald und Hendrik Geisler, Leiter der Wirtschaftsredaktion.
Copyright: Martina Goyert
Veronika Grimm ist seit April 2020 Mitglied des Sachverständigenrates Wirtschaft. Sie ist Professorin an der Technischen Universität Nürnberg (UTN). Von 2008 bis 2024 war sie Professorin für Volkswirtschaftslehre und Inhaberin des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftstheorie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Energiemärkte und Energiemarktmodellierung, Verhaltensökonomie, soziale Netzwerke sowie Auktionen und Marktdesign. Am Energie-Campus Nürnberg leitet sie den Forschungsbereich „Energiemarktdesign“.
Nach Olafs Märchen im vergangenen Jahr hören wir heute Grimms Fakten
IHK-Präsidentin Nicole Grünewald hatte ihre Rede zuvor mit einer Schelte für den Ehrengast des vorigen Neujahrsempfangs eröffnet. „Nach Olafs Märchen im vergangenen Jahr hören wir heute Grimms Fakten“, sagte Grünewald zum Auftakt. Im Januar 2025 war der damalige deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz Hauptredner bei der IHK. Gleichzeitig verteidigte sie ihre Arbeit als Präsidentin der Kammer. Der Auftrag einer jeden IHK sei es, sich unbeirrt für die Belange ihrer Mitgliedsunternehmen einzusetzen. „Ich bin Unternehmerin. Und Unternehmertum bedeutet: jeden Morgen aufzustehen und für seine Überzeugungen zu kämpfen“, sagte Grünewald.
Neben Kritik am Bund teilte Grünewald vor allem in Richtung der schwarz-grünen Landesregierung aus. „Viele wissen doch ganz genau, dass man in NRW in sechs Jahren keine acht großen Gaskraftwerke bauen kann, keine Photovoltaik-Anlagen von 15.000 Fußballfeldern und auch keine 1500 Windräder“, sagte die IHK-Präsidentin. „Wer sich öffentlich gegen die Landesregierung stellt, muss damit rechnen, dass ein Förderantrag nicht mehr oben im Stapel landet oder der nächste attraktive Posten an einem vorbeigeht.“ Weder Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) noch Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) oder andere Landesminister waren beim IHK-Neujahrsempfang 2026 anwesend.
Keine Kritik musste sich dagegen der noch neue Kölner OB Torsten Burmester (SPD) anhören. Die Kritik auf lokaler Ebene bezog sich mehr auf den Kölner Stadtrat in Gänze und dass es dort bei Themen und Abstimmungen mehr darum gehe, „wer von was welchen Vorteil hat oder wer welchen Posten besetzen kann“, sagte Grünewald.

