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Kommentar

Die große Wut im Wald
Ich wünsche mir weniger Idioten

Ein Kommentar von
6 min
Ein Feuerwehrmann steht am Brandort im Naturschutzgebiet Hohes Venn.

Ein Feuerwehrmann steht am Brandort im Naturschutzgebiet Hohes Venn. 

Wer im heißesten Sommer seit Aufzeichnung der Wetterdaten trotz Warnung mit brennender Zigarette im Freien herumläuft, verdient eigentlich Prügel.

Da es jetzt ein wenig geregnet hat, kann ich diese Gedanken entspannter aufschreiben. So hilfreich das innere Instrument der Wut in extremen Situationen auch sein mag, es hilft nicht immer. Zum Beispiel nicht im trockensten, heißesten deutschen Sommer seit Aufzeichnung der Wetterdaten. Beim Spaziergang durch meinen geliebten Wald nahe der Stadt wurde ich neulich wie jeden Tag seit Ende Juni begleitet vom Mitgefühl für die Bäume und Pflanzen, die unter Wochen der heißen Dürre litten. All die typischen kleinen Bächlein und Feuchtgebiete waren verschwunden. Dennoch fühlte ich mich im leidenden Wald viel besser als in der Hitze-Hölle draußen, weil die Laubriesen ihr Blätterdach tapfer gegen die Sonne verteidigten und dieses typische, auch an Hundstagen erträgliche Mikroklima erzeugten.

Der an vielen markanten Punkten angebrachte Hinweis darauf, in dieser Umgebung kein Feuer zu entzünden, wirkt unter solchen Umständen in seiner Überflüssigkeit bizarr. Es fällt mir schon schwer, an einem nasskalten Wintertag Menschen zu tolerieren, die mit der Kippe im Mundwinkel ihre Hunde ausführen oder gedankenlos paffend durch die wertvollste allgemein zugängliche Oase latschen. Aber an diesem heißesten Tag im heißesten Sommer seit Aufzeichnung der Wetterdaten? Es war etwa 18 Uhr, immer noch jenseits der 30 Grad, und ich sah diese beiden Männer auf ihren heruntergekommenen Fahrrädern nahe einer Bank halten und sich bedächtig ihre Zigaretten anzünden. Direkt unter einem Schild mit stilisiert lodernden Flammen, auf dem stand: SCHÜTZT DEN WALD, bitte kein Feuer entzünden.

In solch einem Moment kommen in mir archaische Gefühle auf, die weit über naheliegende Gedanken hinausgehen wie: Wie ignorant muss ein Mensch sein, der dies tut? Wie dumm? Wie wenig sozial? Wie blind für den Gedanken, dass hier die Grenze von fahrlässig zu kriminell längst überschritten ist? Der erste Impuls, den ich hier nicht näher beschreiben will, wurde schlicht von Unterzahl und physischer Unterlegenheit zurückgehalten. Der zweite - eine sachliche Diskussion über das Für und Wider des Rauchens in dieser Umgebung - im Keim erstickt von der Erkenntnis: Was wohl können Worte und Argumente zwei Männern anhaben, die inmitten der Flammenhölle Europa in einem als Wald getarnten Zundergebiet mit offenem Feuer hantieren? Genau. Nichts. Es blieb nur die Flucht in Zynismus: „Rauchen ist super“, rief ich diesen Typen zu, „zündet doch gleich den ganzen Wald an!“ Und entfernte mich schnellen Schrittes über eine nahe Brücke auf die andere Seite der Straße.

Die Wut aber wurde mit jedem Schritt größer. Was bin ich für ein Feigling! Zuhause angekommen, erzählte ich meiner Frau davon. Die erhoffte Reaktion blieb aus. Sie fragte mich, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte, wie groß meine Lust sei, von solchen Typen verprügelt zu werden, und wem das dann nütze? Meine Frau ist als Thailänderin in einer Kultur aufgewachsen, in der ein falsches Wort an eine falsche Person verheerende Folgen für Leib und Leben haben konnte. Und sie hat Recht mit dem Gedanken, dass es naiv ist, zu glauben, dies sei im Deutschland des Jahres 2026 grundsätzlich anders. Die aggressive Tendenz im öffentlichen, politischen, digitalen und medialen Raum nimmt nachweislich zu.

Rausch schwebt über der verbrannten Landschaft in der Nähe des Signal de Botrange am Ort des Brandes im Naturschutzgebiet Hohes Venn.

Rausch schwebt über der verbrannten Landschaft in der Nähe des Signal de Botrange am Ort des Brandes im Naturschutzgebiet Hohes Venn.

Hier ist der Punkt, an dem meine innere Wut von einer gewissen Verzweiflung begleitet wird. Deshalb möchte ich den Begriff Law and Order für mich neu definieren. In meiner Jugend war dies eine Formel, mit der man stockkonservative Spießer und Paragrafenreiter schmähte. Leute wie meinen Großvater Gottlob, der Bälle zerstach, wenn Kinder sie ihm in den Garten kickten, der lange Haare hasste und sich einen Sport daraus machte, beim Spaziergang in seinem Lieblingspark nicht von seiner Seite des Weges zu weichen, wenn ihm jemand entgegenkam. Vor allem jemand, der jünger war. Wenn der andere auch nicht wich, machte der in zwei Weltkriegen gestählte Rentner gern von seinem Spazierstock Gebrauch und lamentierte über den Verfall der Sitten. So jemand, schwor ich mir schon als Kind, wollte ich nie werden.

Trotzdem stehe ich kurz davor, mich als neuer Verfechter von Gesetz und Ordnung zu bezeichnen, sozusagen Law and Order 2.0. Ausgehend vom wichtigsten Gesetz, das wir haben: dem Grundgesetz. Sein Wortlaut ist vorbildlich. Vor allem deshalb, weil wir Deutsche es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht alleine schreiben durften. Es sichert uns bedrohte Grundrechte wie menschliche Integrität, Recht auf freie Entfaltung, Meinungsfreiheit und freie, demokratische Wahlen zu und wird von jenen gehasst, die diese Rechte aushöhlen wollen, um Deutschland wieder nach rechts zu rücken. Auf diesen Grundwerten fußen, auch wenn sie langweilig sind und nerven können, die meisten Gesetze, die bei uns das private und öffentliche Leben regeln. Im Rahmen einer weitgehend wirksamen persönlichen Rechtssicherheit, die es in vielen Ländern der Erde so nicht gibt. Ich bin ein großer Fan davon.

Das Problem dieser Gesetze ist allerdings in vielen Fällen nicht der Geist, in dem sie erdacht wurden, sondern ihre Durchsetzbarkeit. In einem Rechtsstaat, der seine Menschen nicht permanent überwacht und keine Armeen der Exekutive aufstellt, um alle Abweichler zu entdecken und bestrafen, sind Freiwilligkeit und Einsicht die Basis aller wichtigen Regelungen. Mord, Totschlag, Raub und Zerstörung sind nicht deshalb die Ausnahmen im öffentlichen Leben, weil sie per Gesetz verboten sind, sondern weil eine überwältigende Zahl von Menschen glauben, dass es falsch ist, zu morden, zu erschlagen, zu rauben und zu zerstören. Diese gemeinsame Überzeugung in den wichtigsten Grundfragen des Lebens ist die Grundlage einer im weitesten Sinne funktionierenden Gemeinschaft.

Im Fall meines Waldes genügt jedoch selbst diese überwältigende Mehrheit nicht. Grob geschätzt 2500 Menschen betreten ihn täglich und verhalten sich mehr oder weniger vorbildlich. Und wenn einer Müll zurücklässt, hebt ein anderer ihn auf und entsorgt ihn. Aber das ist nicht genug, wenn zwei Idioten am heißesten Tag im heißesten Sommer seit Aufzeichnung der Wetterdaten in ihrer Ignoranz einen Waldbrand riskieren und rauchen, während die Eifel und halb Südeuropa in Flammen aufgehen.

Ich wünsche mir von der guten Fee, wenn sie mir im Traum erscheint, ein starkes Gesetz dagegen. Und Ordnungskräfte, die es überwachen. Und weniger Idioten auf der Welt. Oder anders. Ich wünsche mir von der Fee zuerst weniger Idioten. Würde schon reichen. Dann könnte sie von mir aus Feierabend machen.

Zur Person

Frank Nägele war viele Jahre Redakteur im Ressort Sport des „Kölner Stadt-Anzeiger“. In seiner Kolumne schreibt er über alles, was (ihm) im Leben wichtig ist.