Johannes Westhoff prägte als Stadtdechant fast 30 Jahre lang das Wirken der katholischen Kirche in Köln.
Nachruf auf früheren StadtdechantWesthoff stand für eine liebenswerte und liebenswürdige Kirche in Köln

Prälat Johannes Westhoff (1931 bis 2026)
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Johannes Westhoff war ein Mensch, der lebte und ausstrahlte, was die christliche Botschaft von ihren Ursprüngen her ausmacht: „Zur Freiheit hat euch Christus befreit.“
Im Glauben verwurzelt und fest auf dem Boden der katholischen Kirche stehend, eröffnete Westhoff in seiner Arbeit als Seelsorger, Pfarrer und fast drei Jahrzehnte lang als Stadtdechant von Köln weite, offene Räume. Am 18. März ist er jetzt im Alter von 94 Jahren gestorben.
Reformgeist des Zweiten Vatikanischen Konzils
Westhoff, am 14. September 1931 in Düsseldorf geboren, gehörte zu jener Generation von Katholiken, deren Weg in der Kirche vom Reformgeist und von den Umbrüchen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) bestimmt war. Die Begegnung mit einem Priester während eines zweijährigen Irlandaufenthalts und mit einem Jesuitenpater in der Jugendbewegung „Neues Deutschland“ (ND) prägte ihn so nachhaltig, dass er sich entschloss, selbst Priester zu werden.

Prälat Dr. Johannes Westhoff, ehemaliger Stadtdechant von Köln, gestorben am 18. März 2026 im Alter von 94 Jahren
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1958 wurde er an seinem Studienort Innsbruck geweiht und zwei Jahre danach zum Doktor der Theologie promoviert. In der Konzilszeit wirkte er als Seelsorger für deutsche Diplomaten in Rom. Seine Zeit als Pfarrer der Arbeitergemeinde Sankt Marien in Köln-Kalk nannte Westhoff später den „Höhepunkt seines Lebens“, wie es in dem von Dompropst Guido Assmann veröffentlichten Nachruf des Erzbistums heißt. In der Arbeiterseelsorge erkannte es Westhoff nach eigenen Worten als Aufgabe, das Große im Glauben so zu vermitteln, „dass es groß bleibt und zugänglich wird, ohne banal zu werden“.
Erfinder der Krabbelmessen
Westhoff gilt als Erfinder von „Krabbelmessen“, in denen Kleinkinder in der Kirche nicht als Störfaktor betrachtet wurden, sondern ausdrücklich willkommen waren – seinerzeit (und mancherorts bis heute) alles andere als eine Selbstverständlichkeit.
1977, in der Ägide des früheren Kardinals Joseph Höffner (1906 bis 1987), wurde Westhoff Stadtdechant von Köln und blieb es fast 30 Jahre lang, bis 2004. In dieser Funktion wurde er 1979 zum nichtresidierenden Domkapitular am Kölner Dom berufen. Die päpstlichen Ehrentitel Monsignore und – ab 1994 - Prälat trug Westhoff mit Fassung. Eine klerikale Aura war ihm denkbar fremd. Das zeigte sich nicht zuletzt an scheinbaren Äußerlichkeiten: Zu offiziellen Anlässen trug Westhoff Krawatte, nicht das Kollarhemd oder den römischen Kragen. Im Wissen, wie wichtig dem damaligen Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner (1933 bis 2017), die Standeskleidung seiner Geistlichen war, waren solche kleinen Zeichen auch kirchenpolitische Statements.
Aus „heißen Eisen“ nie das scharfe Schwert geschmiedet
Westhoff war in vielen Fragen anderer Meinung als Meisner. Homosexuelle Partnerschaften? Wiederverheiratete Geschiedene? Für Westhoff kein Thema – schon gar kein ausschließendes Kriterium. Wie er überhaupt jemand war, der Menschen einbezog, sie einzunehmen verstand und ihnen das Gefühl von Nähe und Wertschätzung vermittelte.
Mit Frauen im geistlichen Amt hätte er nicht nur keine Schwierigkeiten gehabt – er wünschte sie sich, weil er wahrnahm, wie kompetent, überzeugend und glaubwürdig Frauen in der Leitung von Gottesdiensten oder beim Predigen agierten.
Aus den kirchenpolitisch „heißen Eisen“ schmiedete Westhoff nie das scharfe Schwert oder den schweren Säbel. Er war kein Kämpfer, keiner, der auf die Barrikaden ging. Das weiche Wasser bricht den Stein. Diese Brecht-Zeile passt perfekt zu Westhoffs sanftem, feinem, aber immer profiliertem Auftreten. Sein Nachnachfolger als Stadtdechant, Robert Kleine, würdigt Westhoffs „lebenskluge, zurückhaltende Art, mit der er sich in seiner Amtszeit als Theologe, Priester und Persönlichkeit in unser Erzbistum und den gesellschaftlichen Diskurs in Köln eingebracht hat“.
Aufbau der Kölner Telefonseelsorge und der Citypastoral
Teil von Westhoffs Zugewandtheit war zweifellos die Pflege der Ökumene. Er habe sich bei den evangelischen Geschwistern in Köln „immer sehr geborgen gefühlt“, sagte er bei seinem Abschied aus der evangelischen Verbandsvertretung und charakterisierte das Miteinander der Konfessionen als dreistufigen Prozess vom Kennenlernen über den Respekt bis - zur Umarmung.
Zu Westhoffs bleibenden Verdiensten gehört der Aufbau der katholischen Telefonseelsorge Köln 1979 und der Citypastoral am 1995 eröffneten Domforum – direkt gegenüber der Kathedrale: Kirche mitten in der Stadt, niederschwellig, nahe am Leben der Menschen, bereit zur Begegnung – ungeachtet von Kirchenzugehörigkeit. Für dieses damals neue Konzept von Seelsorge stand Johannes Westhoff.
Auch die Telefonseelsorge mit ihrem Ansatz, den Menschen mit all ihren Anliegen und Nöten hörend nahe zu sein, folgt nicht nur dem Grundauftrag des Evangeliums. Sie ist zudem Ausdruck dessen, „was Johannes Westhoff unter christlicher Glaubenspraxis verstand“, sagt die heutige Leiterin der Kölner Telefonseelsorge, Annelie Bracke. Zugleich lobt sie die Selbstverständlichkeit, mit der Westhoff Führung und Verantwortung wahrgenommen habe. „Beides hieß für ihn, anderen mit ihrer Kompetenz zu vertrauen, sie machen zu lassen und zu unterstützen.“
Anschlussfähig für Menschen aus Politik und Gesellschaft
Als Mann der Kirche war Westhoff anschlussfähig für Menschen aus Politik und Gesellschaft. In freundschaftlichem Respekt war er verbunden mit Gerhart Baum, dem großen, fast gleichaltrigen Kölner Liberalen. Auf der Feier von Baums 90. Geburtstag im Oktober 2022 war Westhoff – auch das bezeichnend - der einzige Gast aus dem offiziellen katholischen Köln. Körperlich schon stark geschwächt, verfolgte er milde lächelnd das Schwirren der Gratulantinnen und Gratulanten um den prominenten Jubilar.
Nach dem Eintritt in den Ruhestand 2006 verbrachte Westhoff den letzten Abschnitt seines Lebens mit seiner langjährigen Vertrauten, der Pastoralreferentin Angela Antoni, in der Gemeinde Sankt Engelbert (Riehl) und Sankt Bonifatius (Nippes). Dort half er noch viele Jahre bei der Feier der Gottesdienste. 2013, kurz nach der Wahl von Papst Franziskus, gab er eines Sonntags seiner Freude über das schlichte Auftreten des neuen Papstes und dessen Neuausrichtung der Kirche auf die Ränder Ausdruck: „Ich muss Ihnen etwas sagen“, begann Westhoff mit brüchiger Stimme. „Ich bin endlich wieder einmal stolz auf meine Kirche.“
Am Aufbau und am Erscheinungsbild einer liebenswerten und liebenswürdigen Kirche hat Johannes Westhoff in Köln selbst nicht unwesentlich mitgewirkt.
Trauerfeier
Der Trauergottesdienst für Johannes Westhoff wird am Montag, 30. März 2026, um 9.30 Uhr in der Basilika Sankt Maria im Kapitol gefeiert, einer seiner vormaligen Wirkungsstätten. Die Beisetzung ist im Anschluss auf dem Friedhof Melaten.

