Aktivisten haben erneut die leer stehenden „Russenhäuser“ in Sülz besetzt. Sie fordern die Nutzung der 80 Wohnungen.
Protest in SülzAktivisten besetzen unbewohnte „Russenhäuser“ in Köln – Polizei rückt an
Am frühen Morgen ist es auf dem Balkon des Wohngebäudes an der Friedrich-Engels-Straße 3 noch ziemlich kalt. Dort frieren drei Hausbesetzer, die mit Leitern hinaufgeklettert sind. Sie haben ein eher ungewöhnliches Anliegen: „Wir hoffen, dass die Nachbarschaft uns schnell bemerkt und die Polizei ruft“, sagt „Mietrebell“ Kalle Gerigk. „Sie muss unsere Personalien aufnehmen, damit wir angezeigt werden können. Wir möchten angeklagt werden und vor Gericht stehen, denn das verschafft uns Öffentlichkeit“
Die drei auf dem Balkon, Gerigk, Rainer Kippe und Helmut Nick, Mitglieder im Kölner „Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot“, möchten die Aufmerksamkeit möglichst vieler Menschen noch einmal auf den skandalösen Leerstand lenken: Das Wohngebäude an der Friedrich-Engels-Straße 7 steht seit langer Zeit leer.
Drei Gebäude gehören der Russischen Föderation
Bis 2018 hatte die Stadt dort noch Obdachlose untergebracht. Seitdem ist das Gebäude mit 80 Wohnungen unbewohnt und verfällt, ebenso wie seine großen Nachbarbauten, zwei Bürogebäude, an der Friedrich-Engelstraße 3 und 5. In allen drei, Mitte der 1970er-Jahre erbauten, Gebäuden war lange die Handelsvertretung der Sowjetunion untergebracht. Seit dem Zerfall der UdSSR ist die Russische Föderation Eigentümerin der Gebäude und hat auch das Nutzungsrecht. Ihr in Köln lebender Hausverwalter könnte die Hausbesetzer anzeigen.

Mit einer Leiter kletterten die Aktivisten auf einen Balkon der „Russenhäuser“.
Copyright: Gregor Nick
Die hoffen darauf. Bis vor Gericht hätten sie es bisher noch nicht geschafft, sagt Rainer Kippe. „Die Staatsanwaltschaft hat versagt“. Das meint er natürlich nicht ganz ernst.
Es ist allerdings nicht ihre erste Hausbesetzung nebst Demo an diesem Ort. Sogar der damalige Vorsitzende des Haus- und Grundbesitzervereins, Konrad Adenauer, der Geschäftsführer des Mietervereins, Franz-Xaver Corneth, und Pfarrer Franz Meurer waren bereits unter den Demonstranten und sprachen sich dafür aus, dass die Stadt endlich gegen den Leerstand vorgeht. Der Zorn darüber ist groß, angesichts der Wohnungsnot in der Stadt und besonders, seitdem Russland die Ukraine überfallen hat. Und so wurden schon vor Jahren Forderungen laut, die Stadt solle die Russische Föderation enteignen oder die Häuser gleich beschlagnahmen.
Ein Bebauungsplan, der auf Enteignung abzielt, ist beschlossen
Und die Stadt hat über ein Rechtsgutachten einen Weg gefunden, der Gebäude habhaft zu werden: Nach den Vorschriften des Baugesetzbuches kann sie einen Eigentümer per Bebauungsplan enteignen, wenn er darauf abzielt, dass die Fläche für das Gemeinwohl genutzt wird. Die Bezirkspolitik Lindenthal hatte in der Vergangenheit bereits einige Ideen, welche Nutzung das sein könnte: Es könnte beispielsweise der Gesamtschule Lindenthal zur Verfügung gestellt werden. Ihr Gebäude und ihr Grundstück gegenüber an der Berrenrather Straße sind viel zu klein. Daher müssen die Schüler höherer Klassen an einem zweiten Standort in Müngersdorf Lernen.
Die Bezirksvertretung Lindenthal und der Stadtentwicklungsausschuss haben den nötigen Bebauungsplan dann auch vor zwei Jahren beschlossen – allein die Umsetzung zieht sich hin.
Putin kommt nicht – aber die Polizei
Das Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot hat keine Lust mehr, zu warten. Heute möchten die Aktivisten ihrer Forderung, die Häuser endlich wieder mit Leben zu füllen, noch einmal mit einer Hausbesetzung Nachdruck verleihen. Sie haben Krimsekt dabei - und ein Glas für Putin, um mit ihm anzustoßen. „Der wird aber nicht kommen“, sagt Gerigk.
Wer jedoch erscheint, ist ein Lehrer von der Gesamtschule Lindenthal gegenüber. „Ich finde die Aktion richtig gut“, sagt er. „Wir schauen schon immer sehnsüchtig herüber, denn wir könnten das Grundstück für unsere Schule so gut gebrauchen.“ Und dann kommt auch die Polizei und Gerigk zieht ein Fazit: „Die Hausbesetzung war ein Erfolg.“

