Für Oberbürgermeister Torsten Burmester ist das Ehrenamt eine „Tankstelle der Demokratie“.
Ehrenamtliches Engagement in Köln„Wir dürfen Ehrenamt nicht als Sparmöglichkeit missbrauchen“

Mitglieder des Forums „Unternehmen engagiert in Köln“ beim Kastanienblätter-Sammeln zur Eindämmung der Miniermotte im Herbst 2025.
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Am 6. September findet zum 25. Mal der Kölner Ehrenamtstag statt. Anlässlich des Jubiläums sprechen Oberbürgermeister Torsten Burmester und Susanne Kunert, Leiterin der Kommunalstelle für Förderung und Anerkennung Bürgerschaftlichen Engagements (FABE) über die Entwicklung des Ehrenamts in Köln.
Frau Kunert, wie geht es dem Kölner Ehrenamt?
Susanne Kunert: Köln ist gut aufgestellt. Wir haben über 220.000 Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Wenn wir diese Menschen nicht hätten, würde ziemlich wenig funktionieren.
Kann Köln Ehrenamt besonders gut im Vergleich zu anderen Städten?
Kunert: Wir stehen im Bundesvergleich sehr gut da. Es gibt allerdings ein Nord-Süd-Gefälle: Je weiter man in Deutschland nach Süden kommt, desto größer ist die Bedeutung des Ehrenamts. Da hat das Ehrenamt einfach noch mehr Tradition.
Herr Burmester, warum war es Ihnen wichtig, dieses Interview zum Thema Ehrenamt zu geben?
Torsten Burmester: Ich habe das Ehrenamt immer als soziale Tankstelle der Demokratie wahrgenommen. Je schwieriger es um die Demokratie bestellt ist, desto wichtiger wird die Würdigung des Ehrenamts.
Wie würde eine Stadt ohne Ehrenamt aussehen?
Burmester: Unsolidarischer, kälter und ungerechter. Durch das Ehrenamt entstehen soziale Verbindungen. Ich komme aus dem Sport, einem der größten Bereiche des Ehrenamts. Dort kümmern sich Übungsleiter um Kinder, gleichzeitig entsteht ein Netzwerk für Eltern, die wiederum auch an ehrenamtliche Tätigkeiten herangebracht werden. Dadurch entstehen ganz neue Beziehungsgeflechte.
Seit 2001 gibt es bei der Stadt Köln die Kommunalstelle für Förderung und Anerkennung Bürgerschaftlichen Engagements (FABE). Wie haben sich die Themen rund um das Ehrenamt in den vergangenen Jahren entwickelt?
Kunert: Es sind viel mehr Angebote der Stadt dazugekommen. Es gibt etwa die Ehrenamtskarte, die engagierte Menschen als Anerkennung für ihre Arbeit erhalten und mit der sie Vergünstigungen bei vielen öffentlichen und privaten Einrichtungen bekommen. Seit 2001 verleihen wir unseren Ehrenamtspreis „KölnEngagiert“. Seit 2005 den Schulpreis „Eine Frage der Ehre“ und seit 2020 den Miteinander-Preis für Demokratie und Vielfalt für Menschen mit Einwanderungsgeschichte, die sich ehrenamtlich engagieren.
Herr Burmester, Sie haben in Ihrer noch jungen Amtszeit bereits viele Ehrenamtliche getroffen und begleitet. Gab es besondere Erlebnisse, die hängengeblieben sind?
Burmester: Ich finde es immer wieder anrührend, wenn ältere Menschen sich nach dem Berufsleben engagieren, zum Beispiel als Vorleser in Grundschulen. Zwischen den Kindern, oft in schwierigen Lagen, und den Ehrenamtlern, entwickelt sich eine ganz besondere Bindung. Die Menschen werden zu Ansprechpartnern für die Kinder.

Susanne Kunert von der Kommunalstelle für Förderung und Anerkennung Bürgerschaftlichen Engagements und Oberbürgermeister Torsten Burmester.
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Steckt in der Generation der Ruheständler ungenutztes Potenzial fürs Ehrenamt?
Kunert: Auf jeden Fall. Wir fördern das bei der Stadt zum Beispiel durch die Veranstaltung „Ehrenamt im Ruhestand“. Alle zwei Jahre werden Pensionäre und Rentner eingeladen, denen wir ganz konkrete Ehrenamtsprojekte vorstellen. Da springt der Funke immer über, das ist wirklich großartig.
Zu den Aufgaben von FABE gehört es auch, die Rahmenbedingungen für das Ehrenamt zu stärken. Wo hapert es da gerade noch?
Kunert: Heute ist es so, dass Menschen durch Beruf, Studium oder Fahrzeiten weniger Zeit haben. Dadurch fehlt gerade für feste Vorstandspositionen Nachwuchs. Aber es gibt viele Möglichkeiten, sich auch mit weniger Zeit ehrenamtlich zu engagieren.
Zum Beispiel?
Diese findet man beispielsweise in unserer digitalen Ehrenamtsbörse, die wir während der Corona-Zeit erstellt haben. Hier präsentieren sich online zahlreiche Vereine und Initiativen, die ehrenamtliche Unterstützung suchen. Auch Ehrenamtsagenturen wie die Kölner Freiwilligenagentur haben reagiert. Da gibt es das Projekt „Kurz & Gut“. Da meldet man sich per Mail an und kann spontan und unkompliziert aktiv werden. Wenn Projekte reinkommen, werden alle informiert. Und dann kann man noch am gleichen Tag sagen: Da helfe ich heute Nachmittag mal aus.

Mitglieder des Forums „Unternehmen engagiert in Köln“ beim Hochbeete anlegen bei den Sozial-Betrieben Köln (SBK) in Riehl.
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Gibt es Bereiche, in denen aktuell besonders viel Ehrenamt benötigt wird?
Kunert: Ehrenamt wird immer und überall benötigt. Die häufigsten Einsatzfelder sind der Sport und der soziale Bereich.
Viele Ehrenamtler übernehmen Aufgaben, die eigentlich in den städtischen Aufgabenbereich fallen. Dürfen sich Staat und Kommunen darauf verlassen, dass Ehrenamtliche einspringen, wenn Personal oder Geld fehlt?
Burmester: Wir müssen aufpassen, dass wir das Ehrenamt nicht als Sparmöglichkeit in Konsolidierungsdebatten missbrauchen. Wir können wegfallende staatliche Leistungen nicht komplett durch ehrenamtliches Engagement ersetzen. Häufig schimmert diese Absicht ein bisschen durch, das darf aus meiner Sicht nicht geschehen.
Auch einige der diesjährigen Ehrenamtspreisträger sprechen davon, dass sie mit ihrer Arbeit Lücken stopfen, für die sie eigentlich die Stadtverwaltung in der Verantwortung sehen. Was sagen Sie denen?
Burmester: Wenn Menschen ihr Umfeld und die Lebensbedingungen verbessern wollen, dann ist es Aufgabe der Stadt, darüber konstruktiv zu sprechen. Denn zunächst einmal sind diese Ziele richtig und unterstützenswert. Wir würdigen solches Engagement immer wieder auch mit bezirksorientierten Mitteln, mit denen ehrenamtliche Projekte umgesetzt werden können. Auf der anderen Seite muss sich das Ehrenamt aber auch einpassen. Es darf keine Situation entstehen, in der beispielsweise das Spielplatzangebot in einem Viertel gänzlich anders ist als in einem anderen Teil der Stadt.
Im städtischen Forum „Unternehmen engagiert in Köln“ sind aktuell 35 Unternehmen dabei, die sich unter anderem bei gemeinsamen Aktionstagen ehrenamtlich engagieren. Ist das für eine Millionenstadt nicht zu wenig?
Kunert: Wir haben erst 2023 damit angefangen. Ich finde, das ist schon ein gutes Ergebnis. Andere Städte, die Vergleichbares machen, haben dafür auch 10, 15 Jahre gebraucht. Es kommen jedes Jahr etliche Unternehmen dazu, aber es ist natürlich noch ganz viel Potenzial da. Wir wünschen uns, dass irgendwann 100 Unternehmen dabei sind und wir noch mehr Projekte umsetzen können.
Wie sieht Ihre eigene ehrenamtliche Historie aus?
Burmester: Wenn man aus dem Sport kommt, ist man immer auch ehrenamtlich tätig. Ich war in jungen Jahren Übungsleiter, dann Vizepräsident im Handballverband Berlin. Jetzt bin ich durch meine Kinder wieder viel mehr im Verein eingebunden – vom Elterntaxi bis zur Schicht am Kuchenstand. Ich bin auch noch Mitglied bei den Rollstuhlbasketballern der Köln 99ers. In der Vergangenheit habe ich dort bei den Spielen Würstchen gegrillt und verkauft.
Kunert: Ich habe fast 30 Jahre im Westerwald gewohnt und habe dort die Dorfgemeinschaft unterstützt. Mittlerweile sind wir zwar wieder nach Köln gezogen, aber ich helfe dort immer noch ganz viel mit. Das ist mir total wichtig.
Ehrenamt in Zahlen und Ehrenamts-Ausstellung
220.000 Ehrenamtliche gibt es laut Stadt in Köln. Die meisten Menschen engagieren sich in Sportvereinen oder im sozialen Bereich, etwa in der Senioren-, Nachbarschafts-, Obdachlosen- oder Flüchtlingshilfe. Andere Einsatzbereiche sind die Kirche, Kultur- und Musikvereine, die Schule und der Kindergarten, Umwelt- und Naturschutz, Rettungsdienste sowie die Politik und Bürgerinitiativen.
Die höchste Engagement-Quote sieht die Stadt in der Altersgruppe von 30 bis 64 Jahren, oft kommen Eltern über das Umfeld der Kinder zum Ehrenamt. Auch in der Generation der 65- bis 74-Jährigen bleibt das Engagement groß und nimmt erst bei den über 75-Jährigen wieder ab, oft aus gesundheitlichen Gründen. Eine separate Jugendbefragung der Stadt ergab zudem, dass sich rund 60 Prozent der 14- bis 21-Jährigen in irgendeiner Form engagieren, häufig in Vereinen, Jugendgruppen oder in sozialen Projekten.
25. Kölner Ehrenamtstag
Am 6. September findet der 25. Kölner Ehrenamtstag im südlichen Teil des Rheinauhafens statt. Dort präsentieren sich viele ehrenamtliche Projekte. Dazu gibt es ein Bühnenprogramm mit Musik, Tanz, Interviews und Geschichten rund ums Ehrenamt. Auf der Bühne wird außerdem der Ehrenamtspreis „KölnEngagiert“ verliehen. Die Preisträgerinnen und Preisträger stellen wir in den kommenden Wochen vor.
Anlässlich des Jubiläums des Ehrenamtstags rückt die Stadt Ehrenamtliche mit der Ausstellung „Silber für die Goldwerten“ in den Mittelpunkt. Die Ausstellung zeigt Fotografien engagierter Kölnerinnen und Kölner und erzählt deren Geschichten. Zu sehen ist sie ab dem 6. September im Historischen Rathaus. Anschließend wandert sie bis Februar 2027 durch die Bezirksrathäuser.
