Abo

150 Jahre Kölner Alpenverein„Die Unkalkulierbarkeit bietet einen gewissen Reiz“

5 min
Mitglieder des Kölner Alpenvereins im Mai am Kölner Dom. Von hier startete eine Staffelwanderung zur Jubiläumsfeier am Sonntag im „Kölner Haus“ in Tirol.

Mitglieder des Kölner Alpenvereins im Mai am Kölner Dom.

Kalle Kubatschka ist seit 2004 Vorsitzender des Kölner Alpenvereins. Zum Jubiläum spricht er über wachsende Mitgliedszahlen, schmelzende Gletscher und die Freiheit in den Bergen.

Herr Kubatschka, haben Sie einen Lieblingsberg?

Ja, früher war das der Großglockner.

Und jetzt nicht mehr?

Das war der erste große Berg, den ich gemacht habe. Jetzt war ich schon ziemlich lange nicht mehr dort. Durch den Klimawandel ist so viel Gletschermasse verschwunden, wenn ich mir das ansehe, tut das einfach nur weh. Er ist für mich schon noch ein Lieblingsberg, aber er ist jetzt leider sehr stark verändert.

Kalle Kubatschka, Vorsitzender des Kölner Alpenvereins

Kalle Kubatschka, 60 Jahre alt, aufgewachsen in Regensburg, kam als Chemiker der Arbeit wegen ins Rheinland, seit 2004 Vorsitzender des Kölner Alpenvereins.

Sie sind Chef des Kölner Alpenvereins, im August haben Sie den Zuwachs auf 28.000 Mitglieder vermeldet. Nur ein Verein in Köln ist größer – der 1. FC Köln mit rund 160.000 Mitgliedern. Wieso ist der Alpenverein in einer Stadt wie Köln, deren höchste Erhebung, der Monte Troodelöh, nur 118,04 Meter über dem Meeresspiegel liegt, so beliebt?

Wir haben ein sehr gutes Programm mit vielen Angeboten, dadurch sind wir sehr stark gewachsen. Im Jahr 2000 hatten wir noch so um die 5000 Mitglieder. In den letzten 25 Jahren hatten wir dann ein durchschnittliches Wachstum von sieben bis acht Prozent, teilweise sogar mehr. Es gab einen Kletterboom, einen Wanderboom, selbst während Corona sind wir noch gewachsen, weil wir eben Outdoorsport anbieten. Wir sind jetzt die sechstgrößte der 355 Sektionen im Deutschen Alpenverein.

Welche sind die größten?

München und Oberland. Das sind die beiden größten Sektionen. Die haben jeweils um die 100.000 Mitglieder. Das sind die Gründer-Sektionen des Alpenvereins, die haben natürlich einen ganz anderen Magneteffekt mit den Bergen vor der Haustür. Insgesamt haben wir im DAV jetzt 1,65 Millionen Mitglieder, Ende 2025 war das.

Der Verein wird in diesem Jahr 150 Jahre alt. Das feiern Sie am Sonntag mit einem großen Fest am „Kölner Haus“, das auf einer Höhe von 1965 Metern oberhalb der Gemeinde Serfaus in Tirol liegt. Im Februar wurde am Kölner Dom der Startschuss für eine Staffelwanderung zum rund 700 Kilometer von Köln entfernten Haus gegeben. Sind inzwischen alle angekommen?

Am 19. Februar ging es los, das war vor 150 Jahren der Gründungstag unserer Sektion. Der Kölner Dombaumeister Peter Füssenich hat uns einen kleinen Stein vom Dom überreicht, er ist ein Teil eines gotischen Fensters. Diesen Stein tragen wir seitdem in verschiedenen Gruppen über 1600 Kilometer von Köln zum Kölner Haus. Die letzte Gruppe soll am Samstag ankommen, genauso wie zwei Radgruppen und eine Gruppe von der Kölner Hütte am Rosengarten. Dann wird am Sonntag gefeiert.

Alphornbläser des Kölner Alpenvereins vor dem Dom.

Alphornbläser des Kölner Alpenvereins vor dem Dom.

Welche Meilensteine gab es in den letzten 150 Jahren für den Kölner Alpenverein?

Oh, ganz viele. Hervorheben würde ich, dass wir 2016 unsere NS-Geschichte aufgearbeitet haben. Der DAV hat ja leider mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet, damals waren Heimat und Bergsteigen sehr Rechtsaußen verortet. Der DAV hat sich zum Beispiel mit der Einführung eines Arier-Paragrafen nicht rühmlich hervorgetan. Für unsere Sektion haben wir herausgefunden, welche jüdischen Mitglieder damals aus dem Verein herausgedrängt, also ausgegrenzt wurden. An sie erinnern wir mit unserem Stolperstein-Projekt. Seit 2017 verlegen wir die Steine an verschiedenen Orten in Köln, fast 40 sind es schon. Das ist sicherlich ein wichtiger Punkt gewesen, um diesen dunklen Fleck in unserer Geschichte näher zu beleuchten, um auch besser damit umgehen zu können.

Die Nutzung der Berge wird immer vielfältiger. Mit E-Bikes kommen mehr Menschen in Höhen, die sie vorher nicht erreicht haben. Das Tourengehen boomt. Bergläufe und Trailrunning werden immer beliebter. Sehen Sie das als Problem? Oder ist es gut, wenn immer mehr Menschen die Schönheit der Berge schätzen lernen?

Es ist ein zweischneidiges Schwert. Der DAV ist ja auf der einen Seite ein Naturschutzverband – und auf der anderen Seite ein Naturnutzer. Er nutzt die Bergwelt, um seinen Sport auszuüben. Es ist sehr schwierig, das auszutarieren. Einerseits ist es schön, dass es immer mehr Leute gibt, die in die Berge gehen, um die Natur schätzen und lieben zu lernen. Meistens wirkt sich das ja auch darauf aus, wie man seinen Alltag lebt. Was man schön findet, will man schützen.

Wirklich?

Ja, man verhält sich anders in Bezug auf Klimawirkung und dergleichen mehr. Das glaube ich schon. Andererseits, wenn ganz viele Menschen in die Berge fahren, kommt es zu Problemen. In den bayerischen Alpen gibt es schon Orte, die Bergliebhaber aussperren, weil sie die Dörfer zuparken. Besser wäre es, wenn alle mit dem öffentlichen Nahverkehr anreisen würden. Aber dafür braucht es natürlich einen ÖPNV, der funktioniert und das möglichst weit in die Berge hinein.

Der Alpenverein versteht sich nicht nur als Sportverband, sondern auch als Naturschutzverein, Sie haben es gerade gesagt. Ist der Naturschutzaspekt größer geworden mit dem fortschreitenden Klimawandel?

Wir haben in den letzten Jahren versucht, beiden Bereichen ein vergleichbares Gewicht zu geben. In Sachen Klimaschutz bilanzieren wir den CO₂‑Ausstoß aller Aktivitäten im DAV, um zu zeigen, was man verändern kann, wenn man sich selbst ändert. Es ist eine Gratwanderung zwischen Nutzen und Schützen, um in dem Bild der Berge zu bleiben.

Wird es mit dem Klimawandel in den Bergen gefährlicher für den Menschen? Weil die Gletscherschmelze, auftauende Permafrostböden und häufigere Extremwetterereignisse Bergtouren unberechenbarer machen?

Es gibt mehr Steinschläge, weil der Permafrost auftaut, das wirkt sich auf die Hütten aus, auf die Wege. Die Hüttenstandorte werden instabil, manche mussten schon geschlossen werden, weil sie auseinandergebrochen sind. Viele Berge und Gipfel werden durch den Permafrost zusammengehalten. Wenn die Nullgradgrenze immer häufiger sehr weit über 3000 Meter aufsteigt, dann tauen die auf und dann gibt es große Bergstütze. Wir hatten das in den letzten Jahren teilweise sehr spektakulär und mit großen Schäden. Der DAV unterhält zusammen mit dem Österreichischen Alpenverein mehr als 60.000 Kilometer Wege und Steige. Die müssen möglichst sicher zu begehen sein und einige müssen jetzt mit viel Aufwand verlegt werden. Das sind Herausforderungen, die weiter zunehmen werden. In diesem Jahr gab es auf einigen Hütten einen Wassermangel. Das Kochen oder Waschen auf den Hütten musste eingestellt werden, weil es kaum noch Wasser zum Händewaschen gab.

Die Bergwelt fasziniert Menschen schon immer. Woran liegt das?

Die Bergwelt ist ein Gefahrenraum, den man nicht hundertprozentig absichern kann. Wenn ich unterwegs bin und sich da oben ein Stein gerade in dem Moment überlegt, hinunterzufallen und eine Lawine zu bilden, warum auch immer, dann kann ich verletzt werden oder ums Leben kommen. Das ist eine Unkalkulierbarkeit, die einen gewissen Reiz bietet. Der Mensch versucht, sich darauf einzustellen und mit dem Risiko umzugehen. Den Berg trotz der Gefahr zu bewältigen, bedeutet Freiheit. Danach streben Menschen in den Bergen.

Der Kölner Alpenverein

Die Kölner Sektion des DAV bietet ihren 28.000 Mitgliedern rund 800 Veranstaltungen pro Jahr. Das sind Tagestouren, Mehrtagestouren, Tourenwochen in den Bergen oder Ausbildungskurse. Im Umland finden Wanderungen, Radtouren oder Kletterausflüge statt. Außerdem gibt es in 13 Kletter- und Boulderhallen der Region Vergünstigungen.

Die Kölner Sektion unterhält drei Hütten als Heimat in den Bergen: das Kölner Haus oberhalb von Serfaus im Oberinntal. Es wurde 1929 eingeweiht. Vor ungefähr 60 Jahren wurde zudem eine Hütte im Rurtal übernommen, in Blens, in der Nähe von Nideggen. Und vor 52 Jahren wurde die Hexenseehütte gebaut, drei Stunden vom Kölner Haus entfernt.

Anlässlich des Jubiläums 150 Jahre Kölner Alpenverein wird Neumitgliedern noch bis zum 31. Oktober die Aufnahmegebühr von bis zu 47 Euro erlassen.

www.dav-koeln.de